Teilen:

change Magazin – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

Secondhand statt Fast Fashion: Wie nachhaltig ist Vintage?

Eine Person stöbert in einem Secondhand-Laden durch einen Kleiderständer mit bunter Kleidung und betrachtet ein Kleidungsstück genauer.
N E U
shintartanya - Adobe Stock

Wann ist Secondhand wirklich nachhaltig – und wann nicht?

  • shintartanya - Adobe Stock
  • 24. Juli 2026

Vintage ist längst mehr als ein Nischentrend. Auf TikTok zeigen Millionen Menschen ihre Thrift Hauls, und Secondhand-Plattformen boomen. Auf den ersten Blick scheint das ein positiver Trend zu sein, doch ist Secondhand wirklich automatisch gut für die Umwelt? Oder konsumieren wir inzwischen einfach anders statt weniger?

Wer heute nachhaltig shoppen möchte, landet oft zuerst im Secondhand-Laden oder auf Plattformen wie Vinted oder Kleinanzeigen. Schließlich kommt gebrauchte Kleidung ohne neue Rohstoffe aus und verlängert den Lebenszyklus bereits produzierter Textilien. Gleichzeitig wächst der Vintage-Markt rasant und mit ihm neue Probleme. Überteuerte Trendstücke, „Fake Vintage“, exzessive Hauls und Fast-Fashion-Konzerne, die selbst am Secondhand-Boom verdienen, zeigen: So einfach ist nachhaltiger Konsum nicht. change hat sich genauer angeschaut, was wirklich hinter dem Vintage-Hype steckt.

Warum Secondhand grundsätzlich nachhaltiger ist 

Die Modeindustrie gehört zu den größten Verursachern von Umweltbelastungen weltweit. Für die Herstellung neuer Kleidung werden enorme Mengen Wasser, Energie und Rohstoffe benötigt. Hinzu kommen lange Transportwege und hohe CO₂-Emissionen. Wer ein gebrauchtes Kleidungsstück kauft, sorgt dafür, dass kein neues produziert werden muss. Gleichzeitig verlängert sich die Nutzungsdauer eines Produkts, und genau das ist einer der wichtigsten Hebel für mehr Nachhaltigkeit. Secondhand spart also Ressourcen und verhindert, dass gut erhaltene Kleidung viel zu früh im Müll landet.
 

Eine Frau stöbert in einem Second-Hand-Laden.

Ciao, Fast Fashion! So geht nachhaltige Kleidung


Darum lieben so viele Menschen Vintage 

Nachhaltigkeit ist längst nicht der einzige Grund für den Secondhand-Boom. Viele junge Menschen suchen nach Kleidung, die individueller ist als die Massenware großer Modeketten. Vintage-Stücke erzählen oft eine Geschichte, sind häufig hochwertiger verarbeitet und versprechen das gute Gefühl, beim Stöbern ein echtes Einzelstück zu entdecken. Gleichzeitig spielt auch der Preis eine wichtige Rolle: Laut einer PwC-Studie sind günstigere Preise für 72 Prozent der Gen Z und Millennials das wichtigste Kaufargument für Secondhand – Nachhaltigkeit folgt erst an zweiter Stelle. 

Wenn Nachhaltigkeit selbst zum Trend wird 

Genau hier beginnt allerdings das Dilemma. Auf Social Media gehören riesige „Thrift Hauls“ inzwischen zum Standard. Statt bewusst einzelne Kleidungsstücke zu kaufen, werden ganze Tüten voller Vintage-Mode präsentiert. Der eigentliche Gedanke von Secondhand, nämlich weniger zu konsumieren, gerät dabei schnell in den Hintergrund. Denn zehn gebrauchte Pullover, die ungetragen im Schrank liegen, sind am Ende ebenfalls unnötiger Konsum. Nachhaltigkeit funktioniert nicht über die Herkunft eines Kleidungsstücks allein, sondern vor allem über unser Kaufverhalten.
 

Eine junge Frau mit kurzen, lockigen Haaren, legt eine Schallplatte auf einen Plattenspieler. Der Plattenspieler steht auf einem Regal. Im Hintergrund ist ein warmes Licht einer Lampe und Zimmerpflanzen zu sehen.

Früher war alles besser? Was Nostalgie über unsere Gegenwart verrät


Vintage ist nicht gleich Vintage 

Wer online nach Vintage sucht, findet längst nicht nur Kleidung aus den 1990er- oder frühen 2000er-Jahren. Viele Händler:innen verkaufen inzwischen gebrauchte Fast-Fashion-Teile unter dem Label „Vintage“ oder „Preloved“ – häufig sogar mit deutlichem Preisaufschlag. Die Begriffe sind rechtlich kaum geschützt und werden deshalb für „Nostalgie-Marketing“ genutzt. So kostet ein gebrauchtes T-Shirt manchmal mehr als ein neues. Nachhaltig wird ein Kleidungsstück dadurch allerdings nicht automatisch. 
 


Wenn Fast-Fashion-Unternehmen plötzlich Secondhand verkaufen 

Inzwischen haben auch große Modeunternehmen den Secondhand-Trend für sich entdeckt. Plattformen wie Zalando bieten mit Pre-owned gebrauchte Kleidung an. Laut Unternehmensangaben entstehen durch die Aufbereitung und den Verkauf der Kleidung lediglich 0,225 kg CO₂-Äquivalente. Die Herstellung eines neuen Artikels verursacht im Vergleich dazu 4.820 kg CO₂-Äquivalente. Kritiker:innen sehen darin jedoch auch die Gefahr von Greenwashing: Solange Unternehmen weiterhin immer neue Kollektionen in riesigen Mengen produzieren, verändert Secondhand das eigentliche Geschäftsmodell kaum, sondern existiert nur zusätzlich dazu.  

Worauf du beim Secondhand-Shopping achten solltest 

Secondhand kann ein wichtiger Teil eines nachhaltigeren Konsums sein – wenn wir bewusst einkaufen. Es lohnt sich, auf langlebige Materialien wie Baumwolle, Leinen oder Wolle zu achten und möglichst Kleidung auszuwählen, die wirklich lange getragen wird. Hilfreich ist außerdem die Frage: Brauche ich dieses Teil wirklich oder gefällt mir gerade nur der Trend? Wer Secondhand nutzt, um gezielt Lieblingsstücke zu finden, statt ständig Neues anzuhäufen, schont Umwelt und Geldbeutel gleichermaßen.
 

Ana Stamenkova bei der Arbeit im Atelier

Vorgemacht: Mit Upcycling Kleidung und Textilien nachhaltig gestalten


Secondhand ist Teil der Lösung, aber kein Freifahrtschein 

Secondhand ist deutlich nachhaltiger als Neukauf. Jede weitergetragene Jeans spart Ressourcen und verlängert den Lebenszyklus des Produkts. Dieser Vorteil verpufft jedoch, wenn gebrauchte Kleidung zusätzlich zum ohnehin hohen Konsum gekauft wird. Wer jede Woche den neuesten Mikrotrend kauft – auch wenn die Teile gebraucht sind – und sie kurze Zeit später wieder verkauft, durchbricht den Kreislauf der Fast Fashion nicht. Anstatt weniger zu konsumieren, wird Kleidung nur schneller weitergereicht. 

Secondhand entfaltet seinen größten Nachhaltigkeitseffekt dann, wenn es den Neukauf ersetzt und nicht ergänzt. Mode wird erst wirklich nachhaltig, wenn wir sie lange tragen, auf Qualität statt auf ständig wechselnde Trends setzen und nur das kaufen, was wir wirklich brauchen. Secondhand ist also kein Freifahrtschein für unbegrenzten Konsum, sondern eine Chance, bewusster mit Mode umzugehen.

Die Bertelsmann Stiftung befasst sich in Studien und Projekten immer wieder mit dem Thema Nachhaltigkeit. Dabei geht es unter anderem um Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft, nachhaltiges Wirtschaften und die Frage, wie wir Ressourcen verantwortungsvoller nutzen können. Auf der Themenseite der Stiftung findest du Hintergründe, Studien und aktuelle Projekte rund um nachhaltige Entwicklungen.