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change Magazin – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

Warum Nachhaltigkeit für viele nicht mehr alltagstauglich ist

Ein handgemaltes Protestschild mit der Aufschrift "THERE IS NO PLANET B" und einer gezeichneten Weltkugel wird bei einer Demonstration hochgehalten. Im unscharfen Hintergrund sind weitere Menschen und Gebäude zu sehen.
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Markus Spiske - unsplash.com

Nachhaltigkeit in der Krise: Warum viele Menschen nicht mehr „grün“ handeln

  • Markus Spiske - unsplash.com
  • 06. Februar 2026

Stoffbeutel, Secondhand, Bio-Bananen: Nachhaltiger Konsum war einmal sehr im Trend. Heute scheint das Thema aber weniger relevant zu sein – und immer weniger Menschen machen mit. Woran liegt das und was bedeutet dieser Rückwärtstrend für den Kampf gegen die Klimakrise?

Die Welt wird wärmer, der Meeresspiegel steigt – und wir verlieren das Interesse? Nicht ganz. Aber klar ist: Nachhaltigkeit hat für viele Menschen nicht mehr den gleichen Stellenwert wie noch vor ein paar Jahren. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar: steigende Preise, Alltagsstress und Unsicherheit. Und die Klimakrise macht keine Pause. Im Gegenteil, sie spitzt sich weiter zu.

Was ist passiert mit dem grünen Lifestyle?

Noch vor wenigen Jahren war nachhaltiger Konsum für viele ein persönliches Statement. Wer auf die Umwelt achtete, gehörte mit Stoffbeutel, veganer Ernährung oder plastikfreiem Einkauf dazu. Heute zeigt sich ein anderes Bild: Neue Studien deuten darauf hin, dass das Thema an Relevanz verliert. Immer weniger Menschen geben an, ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn sie sich nicht umweltfreundlich verhalten. Auch bei der Geldanlage und beim Lebensmitteleinkauf sinkt das Interesse an ökologischen und ethischen Kriterien. Da stellt sich die Frage, was Nachhaltigkeit im Alltag der Menschen heute noch bedeutet.
 


Die Klimakrise wartet nicht

Auch wenn das Thema Nachhaltigkeit aktuell weniger im Mittelpunkt steht, bleibt es eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Die Klimakrise schreitet voran und verlangt nach tragfähigen und inklusiven Lösungen. Noch nie in den letzten 10.000 Jahren war es auf der Erde so heiß, wie es uns bevorstehen könnte. Wenn wir nicht massiv gegensteuern, droht der Erde bis zum Jahr 2100 eine Erwärmung um bis zu 4,4 °C. Für Europa bedeutet das mehr Hitzewellen, mehr Dürren und mehr Extremwetter. Vor allem im Süden Europas wird Wasser knapp, Wälder brennen und ganze Regionen könnten unbewohnbar werden. Gerade jetzt ist es wichtig, neue Wege zu finden und nachhaltiges Handeln für mehr Menschen zugänglich zu machen. Wir alle können mit kleinen Entscheidungen dazu beitragen, dass Nachhaltigkeit kein vorübergehender Trend bleibt, sondern ein fester Bestandteil unseres Alltags wird.
 

Ein Mann mit einem Tablett steht auf der Straße und schaut etwas nach

Ökologischer Fußabdruck: Wie nachhaltig ist künstliche Intelligenz?


Nachhaltigkeit ist vielen zu teuer geworden

Ein entscheidender Grund für den Rückgang des Nachhaltigkeitsengagements in unserer Gesellschaft ist die aktuelle wirtschaftliche Lage. Die Inflation und steigende Lebenshaltungskosten führen dazu, dass viele Menschen ihre Prioritäten überdenken. Wer beim Wocheneinkauf auf jeden Euro achten muss, greift eher zu Sonderangeboten als zu Bio- oder Fairtrade-Produkten. So wird Nachhaltigkeit zur luxuriösen Zusatzoption für diejenigen, die es sich leisten können. Zwar wollen viele Konsument:innen durchaus umweltbewusst handeln, doch zwischen Wunsch und finanzieller Realität entsteht eine immer größere Lücke. Vor allem junge Erwachsene zeigen ein hohes Interesse an Nachhaltigkeit. Studien belegen, dass viele in dieser Altersgruppe Umwelt- und Klimaschutz grundsätzlich wichtig finden. Doch im Alltag kommen andere Herausforderungen dazwischen. Ausbildungsstress, Wohnungsnot und steigende Preise lassen wenig Raum für bewussten Konsum.
 

Im Vordergrund eine Frau mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm, im Hintergrund ein Feld mit Windmühlen.

Kann Wirtschaft nachhaltig sein?


Weltweite Krisen: Klimaschutz ist nicht (mehr) das einzige Problem

Krieg, Inflation, Gesundheit, politische Unsicherheit – viele Krisen unserer Zeit drängen sich in den Vordergrund. Und das bleibt nicht ohne Folgen: Laut einer aktuellen Studie des Umweltbundesamts halten zwar 54 Prozent der Menschen in Deutschland den Umwelt- und Klimaschutz für sehr wichtig, doch dieser Wert sinkt seit Jahren. Einzelne Umweltthemen wie Plastikmüll oder Artenschutz bleiben relevant. Gleichzeitig schwindet der Glaube, die Klimakrise noch wirksam eindämmen zu können. 

Schwindender Optimismus 

Viele Menschen zweifeln zunehmend daran, dass die Klimakrise noch aufgehalten werden kann. Laut der aktuellen Umweltbewusstseinsstudie des Umweltbundesamts glaubt nur noch etwa ein Drittel der Befragten, dass Deutschland die Folgen des Klimawandels bewältigen kann. Es stimmt, dass die Klimakrise sich nicht mehr komplett stoppen lässt. Aber ihre schlimmsten Folgen können verhindert werden, wenn wir jetzt handeln. 

Wenig Unterstützung aus der Politik: Klimaziele rücken in den Hintergrund

Nicht nur private Haushalte, auch Unternehmen zeigen erste Ermüdungserscheinungen beim Thema Nachhaltigkeit. Obwohl viele Firmen ihre Klimaziele öffentlich verkündet haben, bleibt die Umsetzung oft aus. Einer der Hauptgründe ist die politische Unsicherheit. Viele Betriebe fühlen sich allein gelassen oder durch überfordernde Regelwerke blockiert. In kleinen und mittleren Unternehmen fehlen häufig die Ressourcen, um nachhaltige Maßnahmen konsequent umzusetzen.
 

Ana Stamenkova bei der Arbeit im Atelier

Vorgemacht: Mit Upcycling Kleidung und Textilien nachhaltig gestalten

 

Nachhaltigkeit kann auch entlasten

Nachhaltig leben klingt oft nach Extra-Aufwand, dabei kann genau das Gegenteil der Fall sein. Denn wer bewusst konsumiert, spart nicht nur CO₂, sondern oft auch Geld, Zeit und Stress. Nachhaltigkeit muss nicht teuer, kompliziert oder moralisch aufgeladen sein. Im Gegenteil: Viele kleine Entscheidungen im Alltag wirken befreiend. Dabei geht es nicht darum, alles perfekt zu machen. Sondern mit dem anzufangen, was für dich möglich ist. Wichtig dabei ist aber, dass sich das für die Menschen wieder lohnt.

  • Weniger konsumieren: bewusst entscheiden, was du wirklich brauchst, das spart Geld und ist gut für die Umwelt
  • Secondhand shoppen: gut fürs Klima und oft günstiger als neu
  • Energie sparen: kleine Veränderungen wie kürzer duschen oder Stand-by ausschalten machen sich bezahlt
  • Lokal denken und kaufen: stärkt regionale Anbieter:innen und spart Transportemissionen
  • Politisch aktiv werden: Petitionen unterschreiben, sich informieren, im Gespräch bleiben, auch das ist Nachhaltigkeit
  • Digital aufräumen: Jede Mail, jedes Cloud-Foto verbraucht Energie. Wer regelmäßig sein digitales Leben entrümpelt, reduziert nicht nur Datenmüll, sondern spart auch Strom
  • Nachhaltige Ernährung: Nicht jede Mahlzeit muss bio und vegan sein. Aber: Ein pflanzenbasierter Tag pro Woche, regionale Zutaten oder gemeinsames Kochen mit Resten helfen schon viel

Nachhaltigkeit muss wieder alltagstauglich werden

Der Rückgang des Interesses bedeutet nicht das Ende von Nachhaltigkeit. Vielmehr zeigt sich, dass die bisherigen Erzählungen an ihre Grenzen stoßen. Viele Menschen wünschen sich Lösungen, die wirklich in ihren Alltag passen. Nachhaltigkeit muss einfacher, verständlicher und finanziell machbar werden. Statt von Verzicht sollte mehr von Chancen gesprochen werden. Statt Schuldgefühle auszulösen, sollten Angebote gemacht werden, die Freude am Mitmachen wecken. Der Fokus sollte darauf liegen, was bereits funktioniert, und nicht nur darauf, was alles noch fehlt.

Wie können wir die Chancen des Sondervermögens für den Klimaschutz und den nachhaltigen Umbau nutzen? Über dieses Thema sprechen Expert:innen der Bertelsmann Stiftung im Podcast „Zukunft gestalten“ mit Prof. Dr. Laura Marie Edinger-Schons und Jakob Kunzlmann. Es geht um Ideen, Lösungen und konkrete Wege in eine klimafreundlichere Zukunft. Jetzt reinhören!