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Früher war alles besser? Was Nostalgie über unsere Gegenwart verrät

Eine junge Frau mit kurzen, lockigen Haaren, legt eine Schallplatte auf einen Plattenspieler. Der Plattenspieler steht auf einem Regal. Im Hintergrund ist ein warmes Licht einer Lampe und Zimmerpflanzen zu sehen.
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Drobot Dean - stock.adobe.com

Früher war alles besser? Was Nostalgie über unsere Gegenwart verrät

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  • 08. Mai 2026

Krisen, Kriege, Klimawandel – und mittendrin: die Sehnsucht nach den „guten alten Zeiten“. Auf TikTok feiern Tradwives das Hausfrauenideal, politisch werden alte Ordnungen beschworen und überall boomt die Mid-Century-Ästhetik. Aber warum zieht uns die Vergangenheit gerade so an? Und wer profitiert eigentlich von dieser Sehnsucht? Jetzt auf change!

Wer durch seinen Feed scrollt, entdeckt sie irgendwann. Zwischen Nachrichten über Kriege, Überschwemmungen und Wahlergebnisse tauchen sie auf: eine Frau im Blümchenkleid, die lächelnd Brot backt, ein Clip mit VHS-Filter, der aussieht, als wäre er aus den 90ern, oder Politiker:innen, die uns „die gute alte Zeit“ zurückversprechen. Nostalgie ist überall. Und das ist kein Zufall.

Dein Gehirn erfindet die Vergangenheit …

… zumindest ein bisschen. Denn das, woran du dich erinnerst, stimmt nicht immer mit dem überein, was wirklich passiert ist. Psycholog:innen nennen das Rosy Retrospection („Der rosige Rückblick“). Unser Gedächtnis filtert automatisch. Die langen Warteschlangen im Urlaub? Vergessen. Der Sonnenuntergang? Abgespeichert. Was zurückbleibt, ist kein Dokumentarfilm, sondern eine Art Highlight-Reel. Das gilt nicht nur für persönliche Erinnerungen, sondern auch für ganze Epochen. Die 1950er-Jahre waren für weiße Mittelstandsfamilien im Westen tatsächlich eine Zeit des Wirtschaftswachstums. Für viele Frauen, People of Color oder queere Menschen waren sie allerdings eher eine Ära der Unterdrückung, Unsichtbarkeit und Gewalt. Und trotzdem gelten die 50er-Jahre als das Jahrzehnt der heilen Welt.  
 

Eine Gruppe von vier fröhlichen, lachenden jungen Menschen, die vor einem blauen Himmelshintergrund stehen. Sie tragen bunte, lässige Kleidung wie Jeans, Pullover und T-Shirts. Ihre Körpersprache und Gesichtsausdrücke signalisieren eine ausgelassene, lebendige Stimmung

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Warum wir gerade jetzt alle nostalgisch werden

Es ist kein Zufall, dass die Sehnsucht nach „früher“ gerade boomt. Psychologisch ist Nostalgie nämlich eine Reaktion auf Bedrohung. Die Forscher Sedikides und Wildschut von der University of Southampton haben gezeigt: Wenn Menschen sich verloren, ängstlich oder unsicher fühlen, greifen sie auf positive Erinnerungen zurück. Als Beweis, dass es schon mal gut war. Und deshalb auch wieder gut sein kann. Und seien wir ehrlich: Wenn du täglich mit Klimakatastrophen, Kriegen und Wohnungsnot konfrontiert wirst, ist das Bedürfnis nach etwas Vertrautem mehr als verständlich. Laut einer repräsentativen Studie der Bertelsmann Stiftung blicken junge Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren in Deutschland sehr besorgt in die Zukunft, und nur eine Minderheit glaubt daran, dass es besser wird. Das ist eine ganze Generation, die ernsthaft die Zukunft anzweifelt. Kein Wunder, dass die Vergangenheit da verlockend aussieht.
 


Tradwife-Trend: Nostalgie trifft Rollenbilder

Ein Ort, wo sich diese Nostalgie besonders gut beobachten lässt: TikTok. Unter dem Hashtag #tradwife teilen junge Frauen Videos aus ihrem Alltag als „traditionelle Ehefrau“. Backen, putzen, sich hübsch machen für den Mann. Alles in einer Ästhetik, die stark an die 1950er erinnert. Was steckt dahinter? Kommunikationswissenschaftlerin Jana Dombrowski von der Uni Hohenheim erklärt die Faszination mit Identitätssuche: Klare Rollen geben Orientierung, wenn gefühlt alles offen und komplex ist. In einer überfordernden Gegenwart klingt „einfach nur für die Familie da sein“ erst mal wie Entlastung. Das Problem: Die 1950er-Jahre waren für Frauen eine Ära ohne eigenes Bankkonto, ohne Recht auf Arbeit, ohne Schutz vor Gewalt. Was hier als Lifestyle verkauft wird, führte früher in wirtschaftliche Abhängigkeit, während viele der Frauen heute mit genau diesem Content selbst gut verdienen. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung haben nur rund 18,5 Prozent der befragten jungen Frauen in Deutschland Einstellungen, die dem Tradwife-Muster ähneln. Die Bewegung wirkt also auf Social Media größer, als sie ist.

„Make it great again“: Nostalgie als politisches Werkzeug

Was im Kleinen wie harmlose Ästhetik aussieht, hat im Großen Konsequenzen. Rechtspopulistische Bewegungen haben nämlich längst verstanden, dass Nostalgie eine politische Waffe ist, die funktioniert. Mit „Make America Great Again“ (Trump) und „Take back control“ (Brexit) oder subtileren Aussagen in den sozialen Medien wie „Früher gab es noch Zusammenhalt“ und „Als Familie noch Familie war“ gibt es eine Reihe an Beispielen, die kein Zufall sind. Sie alle funktionieren nach demselben Prinzip: Sie rufen ein goldenes Zeitalter aus, das es so nie gab. Ganz nach dem Motto: Wer verspricht, die Vergangenheit zurückzuholen, muss keine konkreten Lösungen für die Zukunft liefern. Nostalgie ersetzt quasi das politische Programm. Und die kognitive Verzerrung der Rosy Retrospection tut ihr Übriges: Menschen erinnern sich positiv an Zeiten vergangener Regierungen. Besonders problematisch: Auch der Tradwife-Trend wird gezielt von extremistischen Parteien auf TikTok genutzt, um junge Menschen anzusprechen und traditionelle Rollenbilder als politische Agenda zu normalisieren.
 

Die Flagge der Europäischen Union weht im Wind vor blauem Himmel. Der dunkelblaue Stoff mit den charakteristischen goldenen Sternen im Kreis ist in Bewegung und zeigt leichte Falten.

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Nostalgie kann blind machen

Nostalgie an sich ist weder schlecht noch irrational. Die Psychologie ist da eindeutig. Nostalgische Erinnerungen stärken das Selbstwertgefühl, lindern Einsamkeit und können in schwierige Phasen Kraft geben. Studien zeigen, dass Menschen, die bewusst auf positive Erinnerungen zurückblicken, optimistischer in die Zukunft schauen. Das Problem beginnt dort, wo die eigenen Gefühle politisch instrumentalisiert werden. Wo statt Lösungen Bilder einer verklärten Vergangenheit verkauft werden. Und wo Menschen vergessen zu fragen: Für wen war es damals eigentlich besser?

Was du mit deiner Nostalgie anfangen kannst

Deine Nostalgie zeigt dir, was du dir wünschst: Sicherheit, Einfachheit, Gemeinschaft. Die Forschenden sind sich einig, dass das Gefühl genau dann auftaucht, wenn diese Bedürfnisse in der Gegenwart nicht erfüllt werden. Diese Dinge lassen sich aber sicher nicht durch Rückschritt erreichen. Das heißt: Nostalgie ist in Ordnung, aber gleichzeitig solltest du immer kritisch hinschauen und hinterfragen, wer sie gerade für welche Zwecke nutzt. Denn früher war nicht alles besser. 

Dass das Spiel mit der Nostalgie kein abstraktes Problem ist, zeigt auch die Studie „Digitalisiert, politisiert, polarisiert?“ der Bertelsmann Stiftung. Sie analysiert die Social-Media-Inhalte rund um die Bundestagswahl 2025. Was wir konsumieren, formt, was wir für normal halten. Ein Grund mehr, genauer hinzuschauen.