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change Magazin – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

Psychische Gesundheit: So finden junge Menschen digital Hilfe

Eine junge Frau sitzt nachdenklich auf einem Bett mit weißer Bettwäsche und zieht ihre Knie an sich. Sie trägt einen grauen Pullover und blickt nach unten, während sie in sich gekehrt wirkt.
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L Ismail/peopleimages.com - stock.adobe.com

Mental Load ohne Ausweg? Wie junge Menschen digitale Hilfe suchen

  • L Ismail/peopleimages.com - stock.adobe.com
  • 16. Januar 2026

Panik im Kopf, aber es ist kein Therapieplatz in Sicht: Immer mehr junge Menschen fühlen sich psychisch belastet und vom Gesundheitssystem alleingelassen. Was tun, wenn die Wartelisten endlos sind, der emotionale Druck aber zu groß wird? Digitale Angebote versprechen schnelle Unterstützung. Doch was können sie wirklich leisten und wo lauern Risiken? Hier erfährst du mehr.

46 Prozent der jungen Menschen sind einsam und jede:r fünfte Schüler:in vermutet psychische Probleme bei sich selbst. Oft genau dann, wenn viele wichtige Entscheidungen anstehen. Psychische Belastungen bei jungen Erwachsenen nehmen in Deutschland seit Jahren zu, während Therapieplätze immer knapper werden. Die Wartelisten sind lang, der Druck oft hoch. Doch manchmal braucht es schnell Unterstützung. Wir zeigen dir, wie du deine Chancen auf einen Therapieplatz verbessern kannst und welche digitalen Alternativen dir helfen können, wenn du sofort Unterstützung benötigst.
 


Viele Sorgen, wenig Gehör

Wie ernst die Lage ist, zeigt der „YEP-Jugendbericht Mental Health“. Über 5.500 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 25 Jahren wurden dafür befragt. Nur sieben Prozent fühlen sich glücklich und zufrieden, fast zwei Dritteln geht es psychisch nicht gut. Mehr als die Hälfte der jungen Menschen hat das Gefühl, mit ihren Sorgen nicht ernst genommen zu werden. Besonders häufig betrifft das Mädchen und junge Frauen. Gleichzeitig ist für die große Mehrheit das Gefühl von Zugehörigkeit entscheidend für das eigene Wohlbefinden. Doch Einsamkeit ist weit verbreitet: Fast jede zweite junge Person fühlt sich allein. Das schwächt Selbstvertrauen, gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Vertrauen in demokratische Strukturen.
 

Eine Frau tippt auf ihrem Handy.

Wie ist es, mit einem Chatbot befreundet zu sein?


Warum ein Therapieplatz so schwer zu bekommen ist

Es gibt in Deutschland deutlich zu wenige Kassensitze für Psychotherapeut:innen, also Zulassungen, mit denen sie gesetzlich Versicherte behandeln dürfen. Diese Sitze sind streng begrenzt und in vielen Städten sehr teuer, sodass nicht alle Therapeut:innen für die Krankenkassen arbeiten können. Gleichzeitig ist der Bedarf an Psychotherapie stark gestiegen, unter anderem durch weltpolitische und gesellschaftliche Krisen und wachsende psychische Belastungen. Dadurch entstehen lange Wartelisten, obwohl eigentlich genug gut ausgebildete Therapeut:innen vorhanden wären.
 


Selbsttherapie mit ChatGPT

Klingt verständnisvoll und antwortet rund um die – ChatGPT und ähnliche KI-Modelle werden von vielen längst wie digitale Freund:innen genutzt. Besonders wenn es im eigenen sozialen Umfeld gerade niemanden zum Reden gibt, scheint der Chatbot eine schnelle Lösung. Doch Studien zeigen: Was nach Empathie klingt, ist nur Simulation. KI kann psychische Krisen weder richtig einordnen noch professionell begleiten. Besonders in schweren Fällen – etwa bei Suizidgedanken oder Traumata – reagiert sie häufig unangemessen oder überfordert. Therapeutische Grundregeln wie echtes Zuhören, keine konkreten Handlungsanweisungen geben und gemeinsames Reflektieren fehlen. Expert:innen warnen: KI-Chatbots können Betroffene kurzfristig beruhigen, ersetzen aber keine echte Therapie.

Kein Ersatz für Therapie, aber gut zur Überbrückung

Trotz dieser berechtigten Kritik heißt das nicht, dass digitale Unterstützung grundsätzlich problematisch ist. Wenn Betroffene nicht direkt einen Therapieplatz finden oder die Wartelisten lang sind, können digitale Angebote helfen, diese Zeit zu überbrücken. Entscheidend ist dabei, wer auf der anderen Seite sitzt. Es gibt Plattformen und Apps wie BetterHelp, bei denen keine Algorithmen antworten, sondern echte Menschen. Sie ersetzen zwar langfristig auch keine Therapie, können in akuten Situationen aber Halt geben, Orientierung bieten und das Gefühl vermitteln, nicht allein zu sein. Im Gegensatz zu KI-Tools wie ChatGPT können geschulte Fachkräfte individuelle Situationen besser einordnen, Warnsignale erkennen und bei Bedarf gezielt an weiterführende Hilfe verweisen.
 


krisenchat

krisenchat bietet kostenlose und anonyme Chatberatung für junge Menschen, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Das Team besteht aus Fachkräften und geschulten Ehrenamtlichen, die innerhalb von Minuten antworten. Besonders wertvoll ist der Fokus auf niedrigschwelligen Zugang: keine Anmeldung, keine Wartezeit. Die häufigsten Themen: Suizidgedanken, Selbstverletzung, Angst, Identität. Der Service zeigt, wie digitale Kommunikation echte Nähe schaffen kann – auch ohne physische Präsenz.

TelefonSeelsorge

Ob am Telefon, per Mail oder Chat: Die TelefonSeelsorge ist ein Klassiker der psychosozialen Unterstützung – offen für alle Altersgruppen, anonym, kostenlos. Getragen von den christlichen Kirchen, aber offen für Menschen aller Weltanschauungen. Auch wenn das Format traditioneller wirkt, bleibt die Seelsorge ein sicherer Hafen für viele – gerade nachts oder in akuten Krisen.
 

Cover einer Bertelsmann-Studie

Eine neue Studie der Initiative GenNow der Bertelsmann Stiftung zeigt, wie stark Einsamkeit junge Menschen in Deutschland belastet und welche konkreten Hilfsangebote es bereits gibt, um Betroffene zu unterstützen.


JugendNotmail & Co.

In digitalen Beratungsforen wie der JugendNotmail oder U25 schreiben Jugendliche mit Jugendlichen – moderiert von Fachkräften. Das schafft besondere Vertrauensräume, gerade für junge Menschen, die sich von Erwachsenen nur schwer verstanden fühlen. Neben Einzelchats gibt es Themenforen, Gruppenchats und Mailberatung – alles freiwillig, anonym und auf Augenhöhe.

Nummer gegen Kummer

Ob Liebeskummer, Schulstress oder Angst vor der Zukunft – bei der Nummer gegen Kummer sind echte Menschen am anderen Ende der Leitung. Das Angebot richtet sich gezielt an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Besonders niedrigschwellig: Neben dem Telefon gibt’s auch einen Chat. Und wer lieber mit einer gleichaltrigen Person spricht, kann den Peer-Beratungskanal wählen.
 


Therapieplatz gesucht? So kannst du den Prozess beschleunigen

Einen Therapieplatz zu finden, kann frustrierend lange dauern – oft sind es mehrere Monate Wartezeit. Doch es gibt digitale Tools und Services, die dir dabei helfen können, die Suche effizienter und strukturierter anzugehen. Wichtig ist: Dranbleiben lohnt sich. Je informierter und aktiver du bist, desto größer ist die Chance, schneller Hilfe zu bekommen.

Tamly

„Erhalte eine Push-Nachricht, wenn ein:e Therapeut:in erreichbar ist“ – das ist das Versprechen der kostenlosen App Tamly. Du kannst dort Therapeut:innen in deiner Nähe auf eine Merkliste setzen und wirst benachrichtigt, sobald sie telefonisch erreichbar sind. Zusätzlich liefert dir die App strukturierte Infos zu Therapieformen, Sprechzeiten, Fremdsprachen und vielem mehr. Besonders hilfreich: Du kannst Notizen anlegen, E-Mails direkt aus der App schreiben – und den Überblick über deine Anfragen behalten. Entwickelt wurde Tamly vom gemeinnützigen Verein Ophelia e.V. in Berlin.

therapie.de

Wenn du lieber selbst recherchierst: therapie.de listet über 10.000 Psychotherapeut:innen, Psycholog:innen und Heilpraktiker:innen für Psychotherapie in Deutschland. Du kannst gezielt nach Fachrichtung, Methode, Sprache oder Ort filtern – und bekommst direkt Kontaktdaten für den Erstkontakt. Tipp: Ruf idealerweise während der telefonischen Sprechzeiten an und nenne klar dein Anliegen und deinen Wunsch nach einem Erstgespräch.
 

Cover der neuen change PDF-Ausgabe

Jetzt kostenlos downloaden!

Was passiert, wenn junge Menschen sich dauerhaft allein fühlen? In unserer change PDF-Ausgabe beleuchten wir die Folgen von Einsamkeit und stellen mit „Join Us“ eine Initiative vor, die neue Wege aus der Isolation zeigt.


Arzt- und Psychotherapeutensuche der Kassenärztlichen Vereinigungen

Die Arzt- und Psychotherapeuten-Suche der Kassenärztlichen Vereinigungen hilft dir dabei, online passende Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen zu finden. Du kannst gezielt nach Fachgebieten filtern, eine Umkreissuche machen und so Therapeuti:nnen in deiner Nähe finden. Zu jedem Eintrag findest du wichtige Infos wie Kontaktdaten, Sprechzeiten und Behandlungsschwerpunkte. Der große Vorteil: In der Suche sind ausschließlich kassenärztlich zugelassene Praxen gelistet, also Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen, deren Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. So bekommst du schnell einen guten Überblick und weißt direkt, an wen du dich wenden kannst.

116 117 – Schnelle Unterstützung per Servicestelle

Die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigungen hilft dir unter der Nummer 116117 oder online dabei, einen schnellen Termin bei Psychotherapeut:innen zu bekommen. In akuten Fällen kannst du auch eine sogenannte Akutbehandlung vermittelt bekommen. Die Servicestelle ist rund um die Uhr erreichbar und gesetzlich verpflichtet, dir in der Regel innerhalb von vier Wochen einen Termin zu vermitteln – bei akuter Dringlichkeit sogar innerhalb von zwei Wochen.

Du kannst zwar keinen Einfluss darauf nehmen, bei wem genau du den Termin bekommst, aber es ist ein guter Weg, überhaupt ins System zu kommen. So musst du nicht auf eigene Faust telefonieren, sondern bekommst konkrete Unterstützung. Die Terminvergabe funktioniert auch über die App oder das Online-Portal von 116117.de.
 

Eine Person mit grauer Mütze und Rucksack steht mit dem Rücken zur Kamera, im Hintergrund fährt ein Zug vorbei

Allein unter vielen? So kannst du der Einsamkeit entkommen!


In akuten Krisensituationen zur psychotherapeutischen Notfallambulanz

Eine psychotherapeutische Notfallambulanz ist für seelische Notfälle da, so wie die normale Notaufnahme für körperliche Notfälle. Wenn es dir psychisch gerade richtig schlecht geht, du dich überfordert, verzweifelt oder nicht mehr sicher fühlst, kannst du dort sofort Hilfe bekommen. Über die 116117, sagt man dir, wohin du dich wenden kannst. Alternativ kannst du direkt die Notaufnahme einer psychiatrischen Klinik in deiner Nähe aufsuchen oder online nach der zuständigen psychotherapeutischen Notfallambulanz suchen. Wenn du nicht in der Lage bist, selbst eine Klinik aufzusuchen, dann zögere nicht die 112 zu wählen. Auch psychische Notfälle sind Notfälle. 

Tipps für den Erstkontakt

Der erste Anruf ist oft der schwerste. Hier ein paar Strategien, die helfen können:

  • Rufe während der Telefonsprechzeiten an, viele Therapeut:innen sind dazu verpflichtet, 200 Minuten pro Woche erreichbar zu sein.
  • Sag direkt, dass du Hilfe suchst und aktuell belastet bist – das signalisiert Dringlichkeit.
  • Sprich aufs Band: Wenn niemand erreichbar ist, dann hinterlasse eine Nachricht, in der du deine Situation und die Dringlichkeit kurz schilderst. 
  • Schreibe Mails an die Praxen: Wenn du eine Mailadresse in den Kontaktdaten findest, dann schreibe dorthin und bitte um ein Erstgespräch. Schildere deine Situation kurz und hinterlasse deine Telefonnummer für einen Rückruf.
  • Lass dich auf mehrere Wartelisten setzen, so erhöhst du deine Chancen.
  • Nutze Vormittagstermine, wenn du flexibel bist. Das erhöht deine Chancen.
  • Nimm angebotene Erstgespräche unbedingt wahr und frage direkt danach. Psychotherapeut:innen sind verpflichtet, ein bestimmtes Kontingent an solchen Gesprächen anzubieten. Diese Termine sind wertvoll: Du bekommst eine erste fachliche Einschätzung, kannst über deine Situation sprechen und erhältst oft auch Hinweise auf nächste Schritte. Nicht selten vermitteln Therapeutinnen dabei auch Kontakte zu Kolleg:innen, bei denen ein Behandlungsplatz möglich ist.

Psychische Belastungen gehören inzwischen zum Alltag vieler junger Menschen. Umso wichtiger ist es, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein bleiben. Digitale Tools und Beratungsangebote können ein erster Schritt sein, ersetzen aber keine professionelle Therapie. Wenn du das Gefühl hast, dass dir alles zu viel wird, sprich mit jemandem, suche dir Hilfe und bleib dran. Auch wenn es Zeit kostet – es lohnt sich.

Die Bertelsmann Stiftung beschäftigt sich intensiv mit den Lebensrealitäten junger Menschen. In Studien wie MentalHealthNow oder Projekten zu nachhaltiger Jugendbeteiligung zeigt sie: Psychische Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe müssen gemeinsam gedacht werden.