Jetzt oder nie: Europas digitale Unabhängigkeit
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eberhard grossgasteiger - pexels.com
- 30. Januar 2026
Trump ist zurück – und Europa merkt, wie abhängig es digital von den USA ist. Wie realistisch ist digitale Souveränität für Europa? Welche Chancen bieten Projekte und Initiativen, die sich für Europas Unabhängigkeit stark machen? Jetzt auf change!
Ob beim Einkaufen, Chatten oder Bezahlen, unser digitaler Alltag ist längst von großen US-Konzernen geprägt. Lange Zeit wurde dies als Fortschritt betrachtet. Doch mit der zweiten Amtszeit von Donald Trump wächst in Europa die Sorge: Was, wenn diese Abhängigkeit zur politischen Waffe wird?
Die Initiative EuroStack will Europa wieder digital handlungsfähig machen. Unterstützt von Expert:innen, Start-ups und Unternehmen zeigt sie: Die Lösungen sind da, sie müssen nur endlich genutzt werden.
Stefan Voigt ...
… ist Vorstandsvorsitzender der Open Search Foundation e. V. und forscht am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Gemeinsam mit europäischen Partner:innen arbeitet er an einer neuen, unabhängigen Websuche für Europa: transparent und werbefrei.
Sein Ziel ist es, den digitalen Raum demokratischer zu machen. Dafür setzt er auf Offenheit, Beteiligung und föderale Strukturen statt auf Monopolmacht und Intransparenz. Voigt ist überzeugt, dass Europa alles hat, was es braucht, um eigene digitale Alternative zu Google und Co. zu schaffen.
Alltag mit US-Diensten: Wie abhängig ist Europa?
Ob Einkaufen bei Amazon, Kommunikation über WhatsApp oder Bezahlung mit Apple Pay: Unser digitaler Alltag ist fest in US-Hand. Wir streamen Serien über Netflix, speichern unsere Dokumente in im SharePoint und navigieren mit Google Maps durch den Tag. Unsere sensiblen Daten liegen damit oft auf Servern außerhalb Europas, ohne dass uns das im Alltag wirklich bewusst ist.
Trumps Wiederwahl verändert das Machtgefüge
Die Wiederwahl Donald Trumps im November 2024 sorgt für einen politischen Dammbruch. Als US-Tech-Bosse bei seiner Amtseinführung präsent sind, wächst die Sorge vor einem Machtmissbrauch. Im Februar 2025 folgt ein symbolträchtiger Auftritt von Vizepräsident JD Vance auf der Münchener Sicherheitskonferenz: Er stellt europäische Grundwerte offen infrage – darunter die Meinungsfreiheit und den Umgang mit Migration. Die politische Botschaft: Die Zeiten enger transatlantischer Zusammenarbeit sind vorbei.
Europas digitale Verletzlichkeit wird sichtbar
Mit dem US-Gesetz CLOUD Act erhalten amerikanische Behörden Zugriff auf Daten von Ausländer:innen, auch wenn diese in Europa gespeichert sind. In Europa wächst die Erkenntnis, dass der Kontinent ohne funktionierende Alternativen erpressbar wird. Brüssel reagiert: Mit der Gründung der Initiative EuroStack entsteht ein Projekt, das Europas digitale Selbstbestimmung voranbringen soll. Auch die Bertelsmann Stiftung ist dabei und unterstützt mit einem umfassenden Report.
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„Vor uns liegt eine Mammutaufgabe. Aber ich bin überzeugt von der Möglichkeit, dass wir in Europa Alternativen schaffen werden.“
Stefan Voigt, Vorstandsvorsitzender der Open Search Foundation e. V.
EuroStack will Europas Digitalisierung stärken
Ein internationales Autor:innenkollektiv unter der Leitung der italienischen Wirtschaftswissenschaftlerin Francesca Bria entwickelt einen Fahrplan für digitale Souveränität. Beim ersten EuroStack-Symposium im Brüsseler Thinktank CEPS wird klar, dass die politische Unterstützung wächst. EU-Vizepräsidentin Henna Virkkunen fordert, sich stärker an europäischen Start-ups zu beteiligen und strategische Allianzen mit Ländern wie Japan oder Kanada zu schmieden. Bria mahnt: „It is a now or never situation.“
Digitale Infrastruktur: Alle Lösungen vorhanden, aber unverbunden
Der ehemalige EU-Beamte und Oxford-Forscher Paul Timmers betont: Europa verfügt über viele technische Lösungen, sie sind jedoch zu wenig miteinander verzahnt. Jakob Greiner von der Deutschen Telekom beklagt die mangelnde Transparenz bei Datensicherheit in Cloud-Diensten. Pascal Belmin von Airbus nennt Europas größte Schwäche beim Namen: die Fragmentierung. Anders als US-Konzerne bieten europäische Anbieter:innen kaum alles aus einer Hand an und das bremst die Skalierung und Sichtbarkeit.
Europas politisches System ist zu langsam
Hinter verschlossenen Türen wird deutlich, dass die politischen Entscheidungsprozesse in Europa sind zu träge sind, um mit der Geschwindigkeit von US-amerikanischen oder chinesischen Tech-Giganten mitzuhalten. Reformen dauern oft mehrere Jahre – zu lang, um auf technologische Umbrüche reagieren zu können. Der Ruf nach einer digitaleren und effizienteren Verwaltung wird lauter.
Technologischer Rückstand: Milliardeninvestitionen nötig
Francesca Bria, Innovationsökonomin und Expertin für Digitalpolitik schätzt, dass Europa rund zehn Jahre und 300 Milliarden Euro investieren müsste, um mit dem digitalen Fortschritt der USA aufzuschließen. Eine Mammutaufgabe, aber nicht unmöglich. Hoffnung macht die Open Search Foundation aus Starnberg. Unter Leitung von Stefan Voigt arbeitet sie an einer europäischen Suchmaschine, die unabhängig, transparent und nicht werbefinanziert ist. Erste Beta-Tests zeigen bereits vielversprechende Ergebnisse.
Open Search Foundation: Ein Google-Konkurrent aus Europa?
Die Vision ist eine europäische Websuche, die demokratisch kuratiert ist, wie ein Wikipedia für Suchergebnisse. Der Algorithmus soll offen einsehbar sein, die Nutzer:innen dürfen mitgestalten. Dafür gibt es zunächst 8,5 Millionen Euro EU-Förderung. Im Vergleich zu Googles Milliardenbudgets ist das verschwindend gering. Die Frage, ob das Projekt langfristig überlebt, ist noch offen.
Steuerreform und KI-Entwicklung als nächste Schritte
Stefan Voigt fordert neue Ansätze. Die Digitalkonzerne sollen künftig dort besteuert werden, wo sie Gewinne machen und nicht an ihren Unternehmenssitzen. Zugleich warnt er vor neuen Abhängigkeiten durch KI-basierte Suchergebnisse, die Inhalte anderer Medien übernehmen, ohne sie zu verlinken. Klassische Suchfunktionen werden zunehmend durch Chatbots ersetzt, was den freien Zugang zu Informationen gefährdet.
Europas Investitionslücke bei KI und Digitalisierung
Auch Martin Hullin von der Bertelsmann Stiftung macht den Handlungsbedarf deutlich. Die USA investieren Milliarden in digitale Technologien, während europäische Initiativen wie Open Search mit Minimalbudgets arbeiten müssen. Hinzu kommt, dass im Wettbewerb um KI-Talente das Silicon Valley Gehälter in Millionenhöhe zahlt. Europa droht, bei der Entwicklung offener, gemeinwohlorientierter KI-Modelle abgehängt zu werden.
Ein europäisches digitales Ökosystem ist möglich
Doch es gibt Hoffnung, denn Europa hat bereits erfolgreiche digitale Unternehmen hervorgebracht wie beispielsweise SAP, DeepL oder Spotify. Die Vision eines digitalen Ökosystems made in Europe ist realistisch: Smartphones von Punkt und Gigaset, Social Media über Mastodon, Cloud-Lösungen von Dynamo, sichere Messenger wie Threema. Die Infrastruktur ist da, jetzt gilt es nur noch die Nutzer:innen zu überzeugen, neue Wege zu gehen.
Politik schweigt – doch EuroStack schafft Aufmerksamkeit
Die grüne EU-Politikerin Alexandra Geese bringt es auf den Punkt: „Wir haben die Talente und die Firmen.“ Dennoch behandeln viele politische Akteur:innen das Thema eher zurückhaltend. Die Angst vor einem offenen Konflikt mit den USA ist spürbar. Doch gerade jetzt braucht es mutige Entscheidungen und Projekte wie EuroStack, die Europa in Richtung digitale Unabhängigkeit führen könnten.
Europa muss jetzt handeln
Der digitale Wandel ist längst Realität und Europa steht vor der Wahl, entweder selbstbewusst mitzugestalten oder sich weiterhin abhängig zu machen. Projekte wie EuroStack und die Open Search Foundation zeigen, dass es realistische und machbare Alternativen gibt zur digitalen Dominanz der USA. Doch ohne politischen Willen, Investitionen und gesellschaftliche Unterstützung wird es schwer, den Rückstand aufzuholen. Die Zeit für digitale Eigenständigkeit ist jetzt.
Die Bertelsmann Stiftung begleitet Europas Weg in eine digitale und wirtschaftlich souveräne Zukunft. In unseren Projekten zu europäischer Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz entwickeln wir konkrete Empfehlungen für politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger:innen.




