Politik im Feed: Wie Social Media Demokratie verändert
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Valerii Honcharuk - adobestock.com
- 13. Februar 2026
Social-Media-Plattformen wie TikTok, Instagram und X prägen politische Debatten wie kaum ein Parlament. Das sorgt einerseits für mehr Beteiligungsmöglichkeiten, verstärkt aber zugleich Polarisierung. Wie beeinflussen Algorithmen das politische Bewusstsein junger Menschen? Und wie können wir sicherstellen, dass der digitale Raum demokratisch bleibt?
Wann bist du in den Medien zum ersten Mal mit Politik in Berührung gekommen? Wenn du zur Gen Z oder Alpha gehörst, hast du dein erstes Video mit politischem Inhalt wahrscheinlich nicht in den TV-Nachrichten gesehen, sondern online auf Plattformen wie TikTok, Instagram und Co. Bis vor noch gar nicht so langer Zeit war Politik an bestimmte Orte gebunden: Parlament, Parteitag oder Podium. Politische Inhalte wurden der Öffentlichkeit über etablierte Medien vermittelt: im Fernsehen, im Radio oder in Print-Zeitungen konnte man sich über aktuelle Entwicklungen informieren und ausdiskutieren. Für die meisten war das aber nur im analogen Raum möglich. Teilen konnte man seine Meinung mit Partner:innen, Freund:innen, Nachbar:innen oder Arbeitskolleg:innen und allenfalls mal einen Leser:innenbrief schreiben.
Online die ganze Welt erreichen
Heute reicht ein Smartphone, um mit der eigenen Meinung potenziell die ganze Welt zu erreichen. Plattformen wie TikTok, Instagram und X haben sich zu Bühnen entwickelt, auf denen politische Konflikte oft schneller, roher und emotionaler als in klassischen Medien sichtbar werden.
An Infos über Politik kommt die junge Generation im Netz
Für viele junge Menschen beginnt Politik heute deshalb mit einem Video im Feed. Laut der Studie „How to Sell Democracy Online (Fast)“, die die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit dem Progressiven Zentrum und der Mercator Stiftung durchgeführt hat, informieren sich 74 Prozent der jungen Menschen mittlerweile online über Politik. Dabei folgen nur 38 Prozent etablierten Politiker:innen und Parteien, während ein viel größerer Anteil von 60 Prozent politischen Influencer:innen folgt. Ein Creator erklärt das Asylrecht in 45 Sekunden, eine Aktivistin dokumentiert eine Demo in ihrer Story und ein Meme macht aus einem komplexen Gesetz eine witzige Pointe. Das wirkt zwar niedrigschwellig und nah, greift aber gleichzeitig tief in den politischen und demokratischen Raum ein.
Plattformen verändern politische Öffentlichkeit
Plattformen beeinflussen die politische Öffentlichkeit auf ganz neue Art und Weise. Die dahinterstehenden Algorithmen bestimmen, was sichtbar wird, was untergeht und was sich durchsetzt. Dadurch beeinflussen sie zunehmend, wie Menschen politische Wirklichkeit wahrnehmen und wie sie sich darin verorten. Deshalb müssen wir uns fragen: Welche Demokratie entsteht, wenn politische Sozialisation im Feed beginnt?
Dein Feed ist kein neutrales Schaufenster
Wer durch TikTok scrollt, erlebt Politik nur selten als sachliche Abwägung. Politische Themen polariseren immer stärker im Netz. Meistens geht es um Konflikte, Emotionen, Empörung, die eigene Haltung und die der anderen. Das liegt nicht nur am Ton der Debatte und an den vielen Stimmen, die mitreden können. Plattformen organisieren Inhalte nach dem Prinzip Aufmerksamkeit. Der Algorithmus fragt nicht, ob ein Beitrag ausgewogen ist, ob die Inhalte belegbar sind oder ob vor der Veröffentlichung ein:e Redakteur:in die Quellen gecheckt hat. Er fragt, ob Menschen dranbleiben, ob sie reagieren, ob sie teilen und kommentieren. Der Feed belohnt Inhalte, die schnell zünden. Dadurch verschieben sich die Regeln politischer Sichtbarkeit, denn online schlagen starke Gefühle differenzierte Argumente, und für Zwischentöne gibt es wenig Raum. So entsteht eine neue Form der Öffentlichkeit, die zwar mobilisieren, aber gleichzeitig auch polarisieren und radikalisieren kann.
Ragebait: Warum Hass so gut klickt
Ein Beispiel: Videos von sogenannten Männlichkeits-Influencern wie dem Briten Andrew Tate erreichen online Millionen, vor allem Jungen und junge Männer. Sie verbreiten Frauenhass, toxische Männlichkeit und ein gestörtes Bild vom Verhältnis zwischen Frauen und Männern. Influencer:innen wie Tate wissen genau, welche emotionalen Knöpfe sie drücken müssen, um mit ihren Videos und Posts den Algorithmus für sich arbeiten zu lassen und in die Feeds möglichst vieler User:innen gespült zu werden. Oft bleibt dieser Hass nicht im Netz, sondern äußert sich auch offline in Form von Hass und Gewalt gegen Frauen und Minderheiten.
Politik im Feed ist kein langweiliges Schulfach
Für die meisten Jugendlichen und jungen Menschen spielt sich ein großer Teil des Alltags auf Social Media ab. Hier werden Freundschaften geschlossen, Memes verschickt, Musik und Trends geteilt und vieles mehr. Politik drängt sich online nicht als Pflichtprogramm auf. Es ist kein Schulfach, für das gebüffelt werden muss. Politische Beiträge rutschen in den Feed und Politik wird nicht nur konsumiert, sondern erlebt – in Kommentarspalten, Story-Umfragen und Hashtags.
Social-Media-Trend: Regierungswechsel in Nepal
Diese Niedrigschwelligkeit der sozialen Netzwerke hat ein enormes Potenzial, wie beispielsweise die Proteste in Nepal im vergangenen Jahr gezeigt haben. Ausgelöst durch einen Social-Media-Trend gelang es den überwiegend jungen Protestierenden der Generation Z schließlich, die korrupte Regierung des Landes zu stürzen. Online vernetzten sich Tausende junge Menschen und trafen sich zu Protesten auf den Straßen Nepals.
Amber Jensen …
… arbeitet seit 2023 als Projektmanagerin im Programm „Demokratie und Zusammenhalt” der Bertelsmann Stiftung mit dem Schwerpunkt digitale Lebenswelten junger Menschen. Sie initiierte Influencer-Kampagnen zur Wahlmobilisierung und hat eine JugendCommunity aufgebaut, die politisches Engagement fördert. Während ihres Masterstudiums der Erziehungs- und Bildungswissenschaften entwickelte sie als Mentorin an einer Brennpunktschule gemeinsam mit Schüler:innen Perspektiven für Ausbildung und Beruf. Heute bringt sie ihre Erfahrung in Projekte ein, die digitale Beteiligung stärken und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern.
Was bewegt die junge Generation?
Doch wie können wir verhindern, dass der digitale Raum zu einer rechtlosen Sphäre wird, in der nur diejenigen das Sagen haben, die besonders laute, krasse, schockierende und emotionalisierende Botschaften verbreiten? Wie können Demokrat:innen gegen antidemokratische Beiträge und Clickbait vorgehen? Amber Jensen, die als Projektmanagerin bei der Bertelsmann Stiftung im Programm „Demokratie und Zusammenhalt“ arbeitet, sagt, dass es vor allem wichtig sei, dass demokratische Institutionen in den sozialen Medien präsent sind. Denn ein Großteil der 16- bis 27-Jährigen informiert sich online über Politik. Auch Themen aus den Lebenswelten junger Menschen aufzugreifen sei wichtig, wenn man sie im Netz erreichen wolle, so Amber Jensen.
Junge Menschen und Vertrauensverlust
Seit Beginn der Corona-Pandemie haben zahlreiche Jugendstudien dokumentiert, dass viele junge Menschen ihr Vertrauen in die Politik verloren haben. Der Blick der Jugend in die Zukunft ist eher von Ängsten geprägt. Aufrüstung, Klimawandel und ökonomische Unsicherheiten spielen dabei eine Rolle und sorgen zunehmend dafür, dass sie den Glauben verlieren, dass die etablierten Parteien einen Ausweg aus der Misere finden können. Das zeigt sich auch im Wahlverhalten. So haben viele junge Menschen bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr ihre Stimmen an Parteien mit radikaleren Inhalten gegeben. Parteien der bürgerlichen Mitte haben bei den jungen Wähler:innen hingegen eher schlecht abgeschnitten.
Was triggert die meisten Gefühle?
Könnte das auch damit zusammenhängen, dass Parteien der politischen Mitte auf Social Media oft weniger stark vertreten sind als Parteien an den Rändern? Ja und nein, denn es geht weniger um die Menge der Beiträge, sondern hauptsächlich um die Algorithmen der Plattformen. Auch für politische Kommunikation auf Social Media gilt: Beiträge, die besonders viele Emotionen auslösen, werden bevorzugt. Das hat auch die Studie der Bertelsmann Stiftung „How to Sell Democracy Online (Fast)” ergeben. Posts, in denen eine Partei eine andere direkt angegriffen hat, wurden bis zu 40 Prozent häufiger geklickt als solche, in denen es beispielsweise um die positive Selbstdarstellung der Parteien geht.
Kira Schrödel …
… bringt sowohl den Blick für gerechte Politik als auch internationale Erfahrung mit. Die studierte Verwaltungswissenschaftlerin und Masterabsolventin im Fach International Affairs mit Schwerpunkt Europäische Governance sammelte bereits berufliche Erfahrung im Bundeswirtschaftsministerium und bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Paris. Ob EU-Politik oder soziale Gerechtigkeit: Kiras Herz schlägt für eine Politik, die Ungleichheiten abbaut und Europa zusammenbringt. Heute arbeitet sie als Projektmanagerin im Programm „Demokratie und Zusammenhalt” der Bertelsmann Stiftung.
Die Plattformen bestimmen, was wir sehen und was nicht
Die Hauptgefahr für die Demokratie im Internet geht also von den Algorithmen der Plattformen aus. Kira Schrödel von der Bertelsmann Stiftung betont: „Zentrale Risiken folgen aus den mangelnden Regelungen für den digitalen Wahlkampf und den intransparenten Algorithmen. Empfehlungsalgorithmen bestimmen heute, welche politischen Botschaften junge Menschen überhaupt erreichen. Wenn Parteien der Mitte im digitalen Raum strukturell weniger sichtbar sind, gefährdet das die Ausgewogenheit digitaler Wahlkämpfe. Dazu kommt, dass es für den analogen Wahlkampf im Fernsehen oder mithilfe von Wahlplakaten klare Regelungen gibt, die für Social Media bislang nicht gelten.“
Transparente Algorithmen für die Demokratie
Wenn wir die Demokratie auch im digitalen Raum am Leben erhalten wollen, müssen wir deshalb als ersten Schritt dafür sorgen, dass die Plattformen ihre Algorithmen offenlegen. Außerdem dürfen nicht nur diejenigen mit Sichtbarkeit belohnt werden, die die extremsten Positionen vertreten – egal, ob sie legitime Infos oder Desinformationen verbreiten.
Mit klarer Kommunikation punkten
Doch die Regulierung der Plattformen allein reicht nicht: Viele politische Institutionen kommunizieren online, aber oft im Modus der Pressemitteilung. Social Media verlangt etwas anderes: Klarheit, Dialogfähigkeit und Präsenz sind hier wichtig. Junge Menschen wollen bei den Themen abgeholt werden, die sie im Alltag bewegen. Politiker:innen müssen nicht auf jeden Social-Media-Trend aufspringen und sich anbiedern. Oft reicht schon eine klare und authentische Kommunikation, um die junge Zielgruppe zu erreichen.
Bildung muss Plattformkompetenz vermitteln
Wenn die Plattformen an ihrer Intransparenz festhalten wollen, müssen Bildungsinstitutionen die Dinge selbst in die Hand nehmen. Kinder und Jugendliche müssen so früh wie möglich darüber aufgeklärt werden, was im Netz läuft. Sie brauchen Werkzeuge, um die Mechanismen hinter den Posts zu erkennen. Wie manipulieren Frames die Wahrnehmung? Warum verstärkt der Algorithmus bestimmte Inhalte? Wie prüfe ich Quellen in Echtzeit? Wie erkenne ich Emotionalisierung als Strategie? Sie müssen verstehen, dass man online genauso wie offline nicht allem trauen kann, was einem über den Weg läuft.
Der Feed entscheidet mit – aber er entscheidet nicht allein
Social Media hat die Demokratie nicht zerstört, sondern verändert. Plattformen wie TikTok, Instagram und X sind zu politischen Arenen geworden, in denen sich junge Menschen informieren, positionieren und organisieren. Das schafft Beteiligung, Sichtbarkeit und mehr Zugangsmöglichkeiten als je zuvor – also eigentlich mehr Demokratie. Doch gleichzeitig verstärken die Plattformen die Zuspitzung, Polarisierung und Desinformation. Algorithmen formen die Wahrnehmung, ohne demokratische Kriterien zu berücksichtigen. Wer heute über politische Bildung, Vertrauen in Institutionen oder gesellschaftlichen Zusammenhalt spricht, muss deshalb auch den Feed mitdenken.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Social Media die Demokratie verändert – das ist längst passiert. Wir müssen uns jetzt fragen: Ist uns Demokratie wichtig genug, um sie auch im digitalen Raum zu verteidigen? Oder wollen wir die Bühne denen überlassen, die am lautesten schreien, und den Algorithmen, die sie dafür belohnen?
Wie beeinflussen Algorithmen unsere Wirklichkeit und wie lässt sich die junge Generation im Netz erreichen? Dieser Frage gehen die Expert:innen der Bertelsmann Stiftung unter anderem in der Studie „How to Sell Democracy Online (Fast)“ und der Analyse „Digitalisiert, politisiert, polarisiert?“ nach. Jetzt reinlesen!




