Wenn die Welt unsicher wird: Wie junge Menschen Halt suchen
-
Andrii Nekrasov - stock.adobe.com
- 15. Mai 2026
Krieg, Klimakrise, Inflation: Viele junge Menschen erleben die Gegenwart als überfordernd. Manche ziehen sich zurück, andere werden aktiv oder versuchen, die Kontrolle zurückzugewinnen. Wieder andere steigen bewusst aus dem Nachrichtenstrom aus. change hat sich genauer angeschaut, wie unterschiedlich junge Menschen heute nach Halt suchen.
Die Welt ist für viele junge Menschen kein stabiler Ort, sondern einer im anhaltenden Krisenzustand. Globale Konflikte, steigende Lebenshaltungskosten und Zukunftsängste treffen auf eine Lebensphase, in der ohnehin vieles offen ist. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung fühlt sich fast jede:r Zweite von den Problemen in der Welt überfordert. Gleichzeitig glaubt nur etwa jede:r Fünfte, mit eigenem Engagement etwas bewirken zu können. Diese Mischung aus Unsicherheit und Ohnmacht prägt, wie junge Menschen auf ihre Realität reagieren. Sie ziehen sich zurück, werden aktiv, arbeiten an sich selbst oder gehen bewusst auf Abstand. Vier Strategien, die zeigen, wie eine Generation versucht, Halt zu finden.
Rückzug: Wenn die Welt zu laut wird
Vor ein paar Minuten hast du noch eine beängstigende Schlagzeile gelesen, jetzt hast du Streit mit deinen Eltern. Wenn alles gleichzeitig passiert, kann Rückzug wie die einzige Möglichkeit wirken, um wieder durchzuatmen. Viele junge Menschen entscheiden sich bewusst oder unbewusst dafür, Abstand zu nehmen: von Menschen, von Erwartungen oder von einer Welt, die sich gerade zu viel anfühlt.
Einsamkeit ist kein Randphänomen
Junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren sind die Altersgruppe, die sich am häufigsten einsam fühlt. Einsamkeit bedeutet dabei nicht einfach, allein zu sein. Sie ist mehr eine Diskrepanz zwischen den Beziehungen, die man sich wünscht, und denen, die man tatsächlich hat. Dieses Gefühl ist besonders stark in einer Lebensphase, in der Freundeskreise sich verändern, Beziehungen neu entstehen und alte Strukturen wegfallen.
Umbrüche verstärken das Gefühl
Eine Trennung, Probleme in der Uni oder eben Krisen auf der Welt – genau das sind die Momente, in denen Einsamkeit besonders spürbar wird. Eine Studie zeigt, dass soziale Kontakte bei jungen Menschen in den letzten Jahren zurückgegangen sind: 2024 gaben 40 Prozent der Schüler:innen an, ihre Freizeit häufig allein zu verbringen, 2018 waren es noch 26 Prozent. Gleichzeitig bleiben enge Beziehungen oft auf die Familie beschränkt.
Rückzug kann zur Falle werden
Rückzug kann kurzfristig entlasten, weil er Reize reduziert und Druck rausnimmt. Doch gerade bei Einsamkeit entsteht schnell ein Kreislauf: Wer sich zurückzieht, hat weniger Kontakt, fühlt sich dadurch noch isolierter und zieht sich weiter zurück. Besonders bei sozialen Ängsten kann daraus eine „Einsamkeitsfalle“ werden, in der Kontakte fast vollständig abbrechen, ohne dass es jemand merkt. Dabei bedeutet Selbstfürsorge nicht, sich von anderen Menschen abzuschotten.
Engagement gegen das Ohnmachtsgefühl
Während sich einige zurückziehen, versuchen andere, genau das Gegenteil zu tun: aktiv werden, mitreden, verändern. Engagement wird für sie zur Antwort auf das Gefühl, nichts kontrollieren zu können.
Veränderungswunsch trifft auf Zweifel
Die Mehrheit der jungen Menschen interessiert sich für gesellschaftliche Themen wie Frieden, mentale Gesundheit, Bildung oder Inflation. Gleichzeitig zeigt sich ein Bruch: Nur knapp jede:r Fünfte glaubt, dass persönliches Engagement wirklich einen Unterschied macht. Rund 40 Prozent gehen sogar davon aus, dass sich gesellschaftliche Verhältnisse ohnehin nicht verändern lassen.
Engagement braucht echte Wirkung
Trotz dieser Skepsis ist die Bereitschaft da, sich zu engagieren. Mehr als ein Drittel der jungen Menschen wäre bereit, sich aktiv einzubringen, etwa durch ein Ehrenamt oder politische Beteiligung. Ein weiteres Drittel kann sich das zumindest teilweise vorstellen. Entscheidend ist dabei vor allem das Gefühl, ernst genommen zu werden. Wenn junge Menschen erleben, dass ihre Meinung zählt, steigt die Motivation deutlich. Viele sehen ihre größten Chancen auf Einfluss nicht in der Politik, sondern direkt vor der Haustür. Lokales Engagement ist greifbarer, schneller umsetzbar und lässt sich besser in den Alltag einbinden.
Kontrolle zurückholen durch Selbstoptimierung
So sehr wir es uns auch wünschen: Die großen Probleme der Welt können wir leider nicht allein lösen. Wenn die Welt nicht kontrollierbar erscheint, verlagern viele junge Menschen den Fokus auf sich selbst. Das eigene Leben und vor allem der eigene Körper werden zur Projektionsfläche, auf die man noch Einfluss nehmen kann.
Leben im Optimierungsmodus
Selbstoptimierung ist ein wachsender Trend unter jungen Menschen. In Deutschland nutzen rund 70 Prozent der Menschen Substanzen zur Leistungssteigerung – von Koffein bis hin zu Nahrungsergänzungsmitteln. Besonders junge Erwachsene greifen in stressigen Phasen, etwa im Studium oder im Beruf, darauf zurück. 23 Prozent der Studierenden geben sogar an, ihre Lernleistung gezielt mit Medikamenten verbessern zu wollen.
Zwischen Selbstfürsorge und Druck
Es beginnt oft als Versuch, sich zu stabilisieren, indem man den Fokus von den Problemen in der Welt auf sich lenkt. Das kann aber schnell zum Dauerzustand werden. Social Media verstärkt diesen Trend, indem ständig neue Ideale sichtbar sind: produktiver, fitter, schöner. Trends wie „Looksmaxxing“, die ein unrealistisches Schönheitsideal propagieren, zeigen, wie weit diese Logik gehen kann. Oft führt sie bis zu riskanten oder gesundheitsschädlichen Methoden, um das eigene Aussehen zu optimieren.
Viele versuchen, Unsicherheit im Außen durch Kontrolle im Innen auszugleichen. Das kann kurzfristig funktionieren, wird aber problematisch, wenn der eigene Wert nur noch an Leistung oder Aussehen gemessen wird. Dann entsteht ein neuer Druck, der das ursprüngliche Problem nicht löst, sondern verstärkt.
Exit: Nachrichtenvermeidung für die mentale Gesundheit
Allein auf TikTok werden ungefähr 16.000 Videos in einer Minute hochgeladen. Nicht verwunderlich also, dass viele junge Menschen mit Abstand auf den Strom an Informationen im Internet reagieren oder sich ihnen komplett entziehen wollen.
Nachrichten werden zur Belastung
Immer mehr Menschen vermeiden Nachrichten. Die Gründe sind oft emotional: Überforderung, Erschöpfung und das Gefühl, dass die Inhalte zu negativ oder belastend sind. Gerade junge Menschen reagieren sensibel auf den Dauerzustand von Krisenmeldungen.
Selbstschutz statt Desinteresse
Nachrichtenvermeidung ist häufig kein Zeichen von Gleichgültigkeit, sondern eine Form von Selbstschutz. Wer sich ständig mit Problemen konfrontiert sieht, ohne Einfluss darauf zu haben, geht in den Exit-Modus, um die eigene mentale Gesundheit zu schützen. Gleichzeitig bleibt das Interesse an gesellschaftlichen Themen bestehen.
Viele junge Menschen wünschen sich nicht weniger Informationen, sondern dass sie anders vermittelt werden. Mehr Einordnung, mehr Lösungen, mehr Perspektiven und vor allem mehr Alltagsbezug. Der Wunsch nach konstruktivem Journalismus zeigt: Es geht nicht darum, die Welt auszublenden, sondern sie so zu verstehen, dass man mit ihr umgehen kann.
Was alle Strategien verbindet
Rückzug, Engagement, Selbstoptimierung und Exit wirken zwar unterschiedlich, folgen aber derselben Logik. Junge Menschen reagieren auf eine als unsicher empfundene Welt, indem sie ihren Fokus verschieben. Sie suchen nach Bereichen, die sie beeinflussen können, sei es ihr Umfeld, ihr Handeln, sie selbst oder ihr Medienkonsum.
Viele Probleme unserer Zeit sind für Einzelne nicht lösbar. Genau deshalb verschieben junge Menschen ihren Fokus auf das, was sie direkt verändern können. Das kann stärken, aber auch überfordern. Was fehlt, sind Strukturen, die Halt geben: echte Beteiligung, soziale Verbindungen und Räume, in denen Unsicherheit ausgesprochen werden darf. Denn letztlich geht es nicht nur darum, Krisen zu bewältigen, sondern auch darum, sich in ihnen nicht allein und hilflos zu fühlen.
Wie können wir jungen Menschen mehr Gehör verschaffen? Die Bertelsmann Stiftung versucht genau das in dem Projekt „Junge Menschen und Gesellschaft“. Auch die Initiative „GenNow“ beschäftigt sich mit dieser Frage und rückt die Perspektiven der jungen Generation in den Mittelpunkt. Sie zeigt, welche Themen junge Menschen umtreiben und wo sie sich Veränderung wünschen. Gleichzeitig werden Räume und Formate für Austausch und Beteiligung geschaffen.




