Me-Time statt Einsamkeit: Wie du dir selbst genug wirst
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Klaudia Piaskowska - unspalsh.com
- 10. April 2026
Allein essen gehen, reisen oder wohnen – für die einen ist es pure Freiheit, für die anderen eher ein unangenehmes Gefühl. Doch was braucht es, um sich allein wirklich wohlzufühlen? Autorin Sarah Diehl erklärt, warum Solo-Dates mehr als nur ein Social-Media-Trend sind. Jetzt auf change!
Auf TikTok boomt der Trend zu „Solo Dates“ – ins Café gehen, reisen oder Veranstaltungen besuchen, ganz ohne Begleitung. Doch zwischen Selbstfürsorge und Einsamkeit liegt oft nur ein schmaler Grat. Warum fällt es vielen so schwer, allein zu sein? Und was braucht es, damit sich Alleinsein nicht leer, sondern stärkend anfühlt? Autorin Sarah Diehl beschäftigt sich intensiv mit diesen Fragen. Im Interview erklärt sie, warum Alleinsein kein Defizit ist, sondern eine Fähigkeit und wie wir lernen können, uns selbst genug zu sein.
Sarah Diehl …
… lebt als Kulturwissenschaftlerin und Autorin in Berlin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich vor allem mit gesellschaftlichen Fragen rund um Selbstbestimmung und Geschlechterrollen und verbindet politischen Aktivismus mit erzählendem Schreiben. Bekannt wurde sie unter anderem durch ihr Buch „Die Uhr, die nicht tickt“ und „Die Freiheit, allein zu sein“, in dem sie das Alleinsein neu denkt. Da sie Theorie und Praxis gerne verbindet, gibt sie auch Seminare zu den Themen ihrer Bücher, wie „Will ich Kinder?“ Ihre Perspektive ist persönlich, politisch und immer nah an der Lebensrealität. Ihr nächstes Buch „Was ich unter Wasser lernte“ erscheint im Juli 2026.
change | Allein ins Café gehen, allein reisen, allein wohnen – für manche klingt das nach Freiheit. Für andere eher nach Unbehagen. Warum ist das so?
Sarah | Ich glaube, viele Menschen haben Angst, dass Alleinsein als Mangel wahrgenommen wird. Sie befürchten, dass andere denken könnten: „Mit der stimmt etwas nicht“ oder „Die hat keine Freunde“. Gerade wenn man allein im Restaurant sitzt, fühlt es sich schnell so an, als würde einen die ganze Welt beurteilen.
Unser Selbstwert hängt oft stark davon ab, ob wir von anderen gemocht oder gebraucht werden. Das wird uns von klein auf vermittelt – bewusst oder unbewusst. Besonders Frauen lernen früh, sich über Beziehungen zu definieren: als Freundin, Partnerin, Tochter, Kollegin. Fehlen diese Bezugspunkte, fühlt sich das schnell wie ein Statusverlust an.
Dabei ist das ein Missverständnis. Nur weil eine Person allein ist, heißt das nicht, dass sie einsam oder ungeliebt ist. Dieses Bild sitzt jedoch tief und beeinflusst unsere Wahrnehmung, wenn wir allein sind.
Heißt das, wir haben verlernt, mit uns selbst Zeit zu verbringen?
Ich würde eher sagen: Wir haben es nie wirklich gelernt. Wir lernen selten, dass Alleinsein wertvoll ist. Stattdessen lernen wir, dass wir funktionieren sollen – in Gruppen, in Beziehungen, in sozialen Rollen.
Alleinsein taucht oft nur als Übergang auf, als etwas, das man möglichst schnell wieder „auflösen“ sollte. Dabei ist es eigentlich eine Fähigkeit. Eine, die dir hilft, dich selbst besser zu verstehen.
Wenn du gut allein sein kannst, bist du auch in Beziehungen freier. Du gehst nicht aus Angst vor Einsamkeit Verbindungen ein, sondern aus echtem Interesse. Das verändert vieles – auch, wie stabil und gesund Beziehungen sind.
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„Wir lernen selten, dass Alleinsein wertvoll ist. Stattdessen lernen wir, dass wir funktionieren sollen – in Gruppen, in Beziehungen, in sozialen Rollen.”
Sarah Diehl
Gleichzeitig sind „Solo Dates“ gerade total im Trend. Hilft das dabei, einen neuen Umgang mit dem Alleinsein zu finden?
Das kann auf jeden Fall ein guter Einstieg sein. Aber ich finde es wichtig, dass es nicht zu einer Art Performance wird. Also nicht nach dem Motto: „Ich mache jetzt ein Solo-Date, um zu zeigen, dass ich unabhängig bin.“
Bei mir ist das eher andersherum. Ich sehe etwas, das mich interessiert, zum Beispiel eine Ausstellung, einen Film oder eine Veranstaltung, und entscheide dann einfach, hinzugehen. Die Frage, ob jemand mitkommt, stelle ich mir erst danach.
Und ich glaube, genau dieser Perspektivwechsel ist entscheidend: nicht „Ich bin allein, also mache ich jetzt bewusst etwas allein“, sondern „Ich will etwas erleben – und das lasse ich mir nicht davon nehmen, ob jemand Zeit hat oder nicht.“
Was hat Alleinsein mit Selbstfürsorge zu tun?
Für mich sehr viel. Selbstfürsorge bedeutet auch, dass ich mir selbst genug bin. Dass ich mich nicht ständig über andere definieren muss – über eine Beziehung, einen Freundeskreis oder einen bestimmten Status. Alleinsein schafft einen Raum, in dem du dich fragen kannst: Was brauche ich eigentlich? Was tut mir gut? Und das kann ganz unterschiedlich aussehen.
Für die eine Person ist es ein Spaziergang ohne Ziel. Für jemand anderen ist es, einen ganzen Tag lang einfach nichts zu tun. Oder sich intensiv mit einem Hobby zu beschäftigen. Wichtig ist: Dieser Raum gehört dir. Und er ist nicht dafür da, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen, sondern um herauszufinden, was sich für dich richtig anfühlt.
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„Selbstfürsorge bedeutet, dass ich mir selbst genug bin. Dass ich mich nicht ständig über andere definieren muss – über eine Beziehung, einen Freundeskreis oder einen bestimmten Status.”
Sarah Diehl
Viele denken bei Selbstfürsorge sofort an Optimierung – Sport, Routinen, Produktivität. Aber wie hängt das tatsächlich zusammen?
Genau das finde ich problematisch. Selbstfürsorge wird oft wie ein weiteres Projekt behandelt: Ich muss jetzt noch gesünder, fitter, produktiver werden. Aber darum geht es eigentlich nicht. Es geht eher darum, Lust und Freude ernst zu nehmen. Also wirklich zu fragen: Was macht mir Spaß? Was fühlt sich leicht an?
Ich glaube, wir unterschätzen total, wie wichtig dieser Kompass ist. Wenn du Dinge tust, die dir Freude machen, wirst du oft automatisch produktiver, aber eben auf eine gesunde Weise. Ich persönlich habe das Gefühl, dass ich in meinem Leben viel mehr meiner Lust gefolgt bin als starren Regeln. Und genau das hat mich dahin gebracht, wo ich heute bin.
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„Wenn du Dinge tust, die dir Freude machen, wirst du oft automatisch produktiver, aber eben auf eine gesunde Weise.”
Sarah Diehl
Welche Rolle spielen soziale Medien dabei?
Soziale Medien sind für mich eine ziemlich ambivalente Sache. Einerseits bieten sie natürlich große Chancen. Du kannst dich vernetzen, Menschen finden, die ähnlich denken oder fühlen, und Kontakte knüpfen, die du sonst nie gehabt hättest.
Gleichzeitig machen sie es aber auch schwer, wirklich bei sich selbst zu sein. Du bist ständig abgelenkt, vergleichst dich mit anderen oder hast das Gefühl, etwas zu verpassen.
Ich merke das auch bei mir selbst. Es tut mir oft gut, bewusst Abstand zu nehmen. Einfach, um wieder klarer zu spüren, was ich eigentlich will – und nicht, was ich denke, wollen zu müssen, weil ich es irgendwo gesehen habe.
Gibt es einen Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit?
Ja, der ist wirklich entscheidend. Alleinsein kann etwas sehr Positives sein, etwas, das du bewusst wählst und das dir Energie gibt. Einsamkeit fühlt sich dagegen eher wie ein Mangel an. Wie etwas, das dir fehlt und das du dir nicht ausgesucht hast.
Das Problem ist, dass viele diese beiden Dinge vermischen. Sie denken: „Wenn ich allein bin, bin ich automatisch einsam.” Und haben deshalb Angst davor. Aber es kann auch genau andersherum sein: Wenn du lernst, gerne mit dir selbst Zeit zu verbringen, bist du weniger abhängig davon, dass andere diese Leere füllen. Das kann dich sogar vor Einsamkeit schützen.
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„Wenn du lernst, gerne mit dir selbst Zeit zu verbringen, bist du weniger abhängig davon, dass andere diese Leere füllen. Das kann dich sogar vor Einsamkeit schützen.”
Sarah Diehl
Was würdest du einer Person raten, der das Alleinsein schwerfällt?
Ich würde sagen: Fang klein an und mach es dir leicht. Du musst nicht sofort allein verreisen oder ins Restaurant gehen. Vielleicht gehst du mal allein spazieren, ohne Musik und Ablenkung. Oder du setzt dich für zehn Minuten irgendwo hin und beobachtest, was um dich herum passiert. Ein guter Übungsraum ist ein Museum, in dem man alleine herumlaufen kann, aber dabei unter anderen Menschen ist. So kann man lernen, das Genießen zu schätzen und sich Zeit und Raum für die Wahrnehmung zu nehmen, wie man mag.
Und ganz wichtig: Sieh es nicht als Test, den du bestehen musst. Sondern eher als Experiment. Es geht nicht darum, perfekt allein sein zu können. Es geht darum, dich langsam daran zu gewöhnen, dass du dir selbst Gesellschaft leisten kannst. Das kann etwas sehr Schönes sein.
Gerade in einer Zeit, in der sich viele Menschen allein fühlen, ist die Frage, wie wir miteinander verbunden bleiben, von großer gesellschaftlicher Bedeutung. Das Projekt „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ der Bertelsmann Stiftung geht dieser Frage auf den Grund.




