Spicken erlaubt: Was sich das deutsche Bildungssystem von Kanadas Schulen abschauen kann
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- 18.09.2026
Kanada zeigt, wie Schulen Vielfalt als Stärke nutzen können, und gibt Impulse für mehr Teilhabe, datenbasierte Gerechtigkeit und eine neue Rolle für Lehrkräfte. Was davon ist im deutschen Schulsystem umsetzbar? change hat sich das genauer angeschaut.
Lehrkräftemangel, Chancenungleichheit, fehlende Integration und Inklusion und zu wenig finanzielle Mittel für Schulen: Viele sind sich einig, dass sich im deutschen Bildungssystem etwas ändern muss. Inspiration könnte man dafür zum Beispiel in Kanada finden, denn dort läuft es in puncto Bildung deutlich besser als hierzulande. Das zeigen unter anderem die Ergebnisse der PISA-Studie, in der es kanadische Schüler:innen immer wieder auf die vordersten Plätze schaffen. change hat einen Blick über den Atlantik geworfen und sich gefragt, was deutsche Schulen vom kanadischen Bildungssystem lernen können.
Melting Pot Toronto: Hier wird Vielfalt als Chance betrachtet
Wenn es um das friedliche Zusammenleben verschiedenster Kulturen geht, kommt man an Toronto, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Ontario, nicht vorbei. Die Metropole ist nicht nur die größte Stadt Kanadas, sondern auch ein wahrer Schmelztiegel: Hier leben mehr als 200 ethnische Gruppen, die in 160 verschiedenen Sprachen miteinander kommunizieren. Könnte schwierig werden? Nicht in Kanada. Denn hier wird Willkommenskultur gelebt und Vielfalt seit Jahrzehnten politisch als Chance für gesellschaftlichen Wandel und Innovation betrachtet. Ein Mindset, das sich auch im Bildungssystem des Landes bemerkbar macht.
So funktioniert Schule in Kanada
In Kanada besuchen Kinder in der Regel ab einem Alter von vier Jahren für zwei Jahre den Kindergarten (Junior und Senior Kindergarten). Danach beginnt die Elementary School (Grundschule), die meist bis zur 5. oder 6. Klasse reicht. Anschließend folgt die Middle School oder Junior High bis zur 8. oder 9. Klasse (abhängig von der Provinz). Den Abschluss bildet die High School oder die sogenannten Secondary Schools, die wie die Fachoberschulen in Deutschland Spezialisierungen anbieten und bis zur 12. Klasse – teilweise auch bis zur 13. Klasse – reichen. Das kanadische Schulsystem gehört zu den dezentralsten weltweit. Die einzelnen Provinzen gestalten Lehrpläne, Finanzierung und Qualitätssicherung weitgehend selbst.
Weniger Druck, mehr Zeit für Entfaltung und Inklusion
Schüler:innen in Kanada bleiben je nach Provinz bis zur 8. oder 9. Klasse auf derselben Schule. Erst danach müssen sie sich für einen Schultyp entscheiden. So bleibt den Kindern mehr Zeit, sich ohne Druck zu entfalten. Damit verbringen die Schüler:innen deutlich mehr Zeit im selben Schultyp als in Deutschland, wo nach vier Jahren Grundschule (in Berlin und Brandenburg nach sechs Jahren) der Übergang ins Gymnasium, die Realschule oder die Hauptschule ansteht.
Zudem spielen die Prinzipien von Gleichheit, Vielfalt und Inklusion bei der Lehrer:innenausbildung in Kanada eine große Rolle. Kinder mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung besuchen in den meisten Fällen die gleichen Schulen wie Kinder ohne Beeinträchtigung. Sie erhalten zusätzliche Förderung und werden so automatisch stärker in die Gesellschaft integriert. Anders als in Deutschland werden sie nicht in speziellen Förderschulen von anderen Kindern und Jugendlichen getrennt unterrichtet.
Schüler:innen nicht durch die Defizitbrille betrachten
Mehr als die Hälfte der Einwohner:innen Torontos wurden nicht in Kanada geboren. Besonders in Schulen trifft diese bunte Mischung aus verschiedensten Kulturen täglich aufeinander. Die Lehrkräfte reagieren bewusst darauf und betrachten Vielfalt nicht als Herausforderung, sondern als Ressource. Lehrer:innen sehen Schüler:innen nicht nur durch die Brille von Förderbedarf oder Sprachdefiziten, sondern erkennen auch das Potenzial, das hier entstehen kann.
In Deutschland dreht sich die Diskussion über Diversität oft um die damit einhergehenden Probleme: Fehlende Deutschkenntnisse, soziale Ungleichheit oder Integrationsdruck werden in dem Zusammenhang oft genannt. Ein Blick nach Toronto zeigt eine alternative Ausgangslage. Dort lautet der Grundsatz: Diversität prägt die Schule ohnehin, also gestalten die Schulen aktiv ein Umfeld, das allen Raum gibt.
Hier kann sich Deutschland etwas abschauen
Von dieser Haltung können wir uns in Deutschland durchaus eine Scheibe abschneiden. Schulen können ein Leitbild entwickeln, in dem Teilhabe als Kernaufgabe beschrieben wird. Sie werden dann zu Schulen, die nicht versuchen, Schüler:innen in eine bestimmte Norm zu pressen, sondern die Stärken der Einzelnen gezielt fördert. Viele Schulen handeln bereits nach diesem Prinzip. In Toronto zeigt sich jedoch, wie konsequent eine solche Ausrichtung wirken kann, wenn alle Ebenen – Verwaltung, Schulleitungen und Lehrkräfte – sie mittragen. Denn auch hierzulande gilt: Integration ist keine Einbahnstraße und muss von allen Seiten gewollt sein.
Schulen als Orte der Teilhabe
In Toronto sind Schulen öffentliche Räume, die gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Wenn Familien Unterstützung benötigen, wenden sie sich selbstverständlich an die Schule. Für Eltern, die erst vor Kurzem nach Kanada emigriert sind, bieten die Schulen Sprachkurse an, außerdem Infoveranstaltungen und Materialien in unterschiedlichen Sprachen. Kanada positioniert sich auch in Bezug auf das Bildungssystem als Einwanderungsland und schafft so Chancengleichheit. Das steht im Gegensatz zu Deutschland, wo es Eltern und Kindern mit Migrationshintergrund oft besonders schwerfällt, ein auf deutsche Familien ohne Migrationshintergrund zugeschnittenes Schulsystem zu durchblicken.
Kanada gelingt mit seinem Ansatz dagegen Erfolg: Kinder aus Familien mit Migrationsgeschichte schneiden im Vergleich zu kanadischstämmigen Kindern in der Schule oft besser ab.
Kreativität und Teamgeist fördern mit Extracurricular Activities
Zum Schulalltag in Kanada gehören neben Pflichtfächern wie Mathematik, Biologie oder Englisch auch zahlreiche Wahlfächer. Dazu zählen außerschulische Aktivitäten wie Theater-AGs, Teamsport, das Schulorchester oder die Schülerzeitung. In Deutschland spielen solche Kurse an den meisten Schulen keine so große Rolle, in Kanada ist allerdings nahezu jede:r Schüler:in in diesen Wahlfächern aktiv. Die Schule wird dadurch nicht nur ein Ort für Frontalunterricht, sondern stärkt auch den Gemeinschaftsgeist und fördert Kreativität sowie weitere Future Skills, die heute im Berufsalltag gefragt sind. Auch kulturelle Feste, Kampagnen gegen Rassismus und das Begehen verschiedener Heritage Months gehören fest zum Alltag an Kanadas Schulen. Sie zeigen den Schüler:innen, dass es okay ist, unterschiedlich zu sein.
Daten für mehr Gerechtigkeit
Ein wichtiger Unterschied zwischen dem kanadischen und dem deutschen Bildungssystem besteht im Umgang mit Daten. So erhält das Toronto District School Board (TDSB) vom Education Quality Accountability Office (EQAO) beispielsweise regelmäßig Informationen über die Herkunft, den Lernerfolg, das Wohlbefinden und die Teilhabe der Schüler:innen. Das Ziel besteht darin, Ungleichheiten sichtbar zu machen, bevor sie sich verfestigen. Die Schulen betrachten diese Daten nicht als Kontrolle, sondern als Werkzeug für mehr Gerechtigkeit. Durch diese Transparenz wird relativ früh erkannt, wenn bestimmte Schüler:innengruppen systematisch schlechter abschneiden. Lehrkräfte nutzen die Daten gemeinsam mit Schulleitungen, um den Unterricht gezielt anzupassen und entstandene Lücken zu schließen.
Drei Impulse für die Datennutzung aus Kanada
In Deutschland wird seit Jahren intensiv über die Datennutzung im Bildungswesen diskutiert. Datenschutzbedenken, föderale Unterschiede und strukturelle Grenzen erschweren systematische Erhebungen. Ein Blick nach Toronto zeigt jedoch, wie wirkungsvoll datenbasierte Strategien sein können. Deutschland kann sich drei Impulse abschauen:
• Gezielte Datenerhebungen können soziale Schieflagen früh sichtbar machen: Schulen brauchen klare Strukturen, um diese Daten verantwortungsvoll zu nutzen.
• Transparenz schafft Handlungssicherheit: Wenn das Kollegium erkennt, wo Ungleichheiten entstehen, kann es Unterricht und Förderung schneller anpassen.
• Daten stärken die Schulentwicklung: Schulleitungen treffen fundierte Entscheidungen und kommunizieren die Gründe dafür offen.
Die Datenerhebung hat jedoch auch ihre Grenzen, denn Daten können kein pädagogisches Gespür ersetzen. Zwar geben sie Hinweise, doch um daraus sinnvolle Schritte abzuleiten, benötigen Schulen Zeit und Unterstützung. Für Deutschland bedeutet das: Die Diskussion über Daten darf nicht bei technischen Fragen stehenbleiben. Sie muss auch Lehrkräfte und Schulentwicklung stärker einbeziehen, sodass sich eine langfristige Vertrauenskultur entwickelt.
Inspiration finden und Unterschiede erkennen
Toronto ist ein Beispiel für eine Metropole, die ihre Stärke aus der Vielfalt ihrer Bewohner:innen zieht, ohne im Chaos zu versinken. Und das Schulsystem spielt dabei eine tragende Rolle, denn in Schulen werden die Bürger:innen von morgen nachhaltig geprägt. Kanada macht vor, wie man Schüler:innen unabhängig von ihrer Herkunft nicht durch die Defizitbrille betrachtet, sondern ihr Potenzial erkennt. Die kanadische und die deutsche Gesellschaft mögen unterschiedlich sein, aber auch hierzulande gilt: Herausforderungen bergen immer auch große Chancen, und Vielfalt wird zur Stärke, wenn man ihr mit Offenheit begegnet.
Die Expert:innen der Bertelsmann Stiftung stehen schon seit vielen Jahren in engem Austausch mit kanadischen Kolleg:innen. Gerade in puncto Bildungswesen finden sie dort immer wieder Inspiration. Zum Beispiel für Projekte wie „Change Learning", das sich unter anderem für faire Bildungschancen in Deutschland einsetzt.






