Teilen:

change Magazin – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung: 

Klimaschutz für alle: Wie kann eine sozialgerechte Zukunft aussehen?

Eine Gruppe junger Menschen demonstriert mit Protestschildern für mehr Klimaschutz; im Vordergrund steht eine Frau mit verschränkten Armen.
N E U
Carlo Prearo - stock.adobe.com

Klimaschutz für alle: Wie kann eine sozialgerechte Zukunft aussehen?

  • Carlo Prearo - stock.adobe.com
  • 3. November 2026

Eine klimafreundliche Wohnung, bezahlbare Mobilität und lebenswerte Städte – klingt gut. Doch wie schaffen wir den Wandel zu einer klimaneutralen Gesellschaft, ohne dass dabei Menschen auf der Strecke bleiben? change hat darüber mit Dr. Carlotta Giustozzi von Zukunft KlimaSozial gesprochen.

change | Frau Dr. Giustozzi, Sie arbeiten und forschen bei Zukunft KlimaSozial, dem Institut für Klimasozialpolitik. Womit beschäftigen Sie sich dort genau und was bedeutet „Klimasozialpolitik“ eigentlich?

Dr. Giustozzi | Bei Klimasozialpolitik geht es darum, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit zusammenzudenken. Einerseits wollen wir Klimapolitik so gestalten, dass sie nicht nur wohlhabenden Menschen zugutekommt, sondern alle mitnimmt. Andererseits muss auch die Sozialpolitik die Folgen des Klimawandels berücksichtigen. In meiner Forschung beschäftige ich mich vor allem mit drei Bereichen: Ich schaue mir an, wofür öffentliche Gelder ausgegeben werden und wie diese verteilt werden. Ich untersuche, wer von bestimmten Maßnahmen profitiert und wer möglicherweise zu kurz kommt. Und ich beschäftige mich damit, wie Klima- und Sozialpolitik direkt vor Ort, also in Städten und Gemeinden, zusammengedacht werden können.

 

Dr. Carlotta Giustozzi …

… ist wissenschaftliche Referentin bei Zukunft KlimaSozial. Zuvor forschte sie am Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zum Strukturwandel und sozialen Zusammenhalt in den deutschen Braunkohleregionen. Heute nutzt sie datenbasierte Analysen, um herauszufinden, wie Klimapolitik gestaltet werden kann, damit alle Menschen von der Transformation zur Klimaneutralität profitieren können.

 

change | Wenn wir von einer sozial gerechten Transformation zur Klimaneutralität sprechen: Was bedeutet „sozial gerecht“ dabei ganz konkret?

Dr. Giustozzi | Im Grunde bedeutet es, dass Klimaschutz kein Elitenprojekt sein darf. Alle Menschen sollten die Möglichkeit haben, auf klimafreundliche Technologien umzusteigen, unabhängig davon, wie viel Geld sie verdienen. Wir müssen beispielsweise verhindern, dass am Ende ausgerechnet Menschen mit geringem Einkommen als Letzte an teuren Gasheizungen hängen bleiben, weil sie sich den Umstieg nicht leisten können. Eine sozial gerechte Transformation kann die Lebensqualität aller verbessern. 

 

 

change | Wie können wir es konkret schaffen, dass Klimaschutz nicht vom Geldbeutel abhängt?

Dr. Giustozzi | Um die Kosten für eine klimafreundliche Transformation aufzufangen, arbeiten wir bei Zukunft KlimaSozial mit einem Modell aus vier Säulen. Die erste Säule sind sozial gestaffelte Förderprogramme. Das bedeutet, dass Menschen mit geringem Einkommen mehr Unterstützung erhalten als wohlhabende Haushalte. Die zweite Säule ist der Ausbau öffentlicher Infrastruktur, beispielsweise von Bahnstrecken, sowie die Sanierung von Schulen und Krankenhäusern. Drittens brauchen wir klare Regeln, etwa zum Schutz von Mieterinnen und Mietern. Förderprogramme allein reichen nicht aus. Und viertens geht es um finanzielle Ausgleichsmaßnahmen. Wenn Menschen durch klimapolitische Veränderungen besonders stark belastet werden, sollten sie gezielt finanziell unterstützt werden.

Ein hoher CO2-Fußabdruck ist nicht nur klimaschädlich, sondern auch teuer. Extremwetterereignisse verursachen große Schäden und Kosten für die Wirtschaft und für private Haushalte.

Dr. Carlotta Giustozzi

Logo von change

change gibt’s jetzt auch auf Instagram

Was bewegt dich? Was verändert unsere Gesellschaft? Und was gibt’s Neues zu entdecken? Ab jetzt findest du change auch auf Instagram. Für mehr Perspektiven, Geschichten und Ideen, die etwas bewegen.

@changemagazin – folge uns!

 

change | Wie könnte so eine finanzielle Unterstützung konkret aussehen? Schließlich haben vor allem junge Menschen nicht mehrere Tausend Euro auf dem Konto, um beispielsweise ihre Heizung auszutauschen.

Dr. Giustozzi | Ein Beispiel hierfür sind Förderprogramme, bei denen die Höhe des Zuschusses vom Einkommen abhängt. Wer weniger verdient, erhält eine höhere Unterstützung. Gleichzeitig gibt es eine obere Einkommensgrenze, ab der keine Förderung mehr gewährt wird. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Vorfinanzierung. Viele Menschen können größere Investitionen nicht einfach selbst bezahlen und anschließend auf eine Erstattung warten. Außerdem müssen wir den Zugang zu günstigen Krediten verbessern. Besonders für junge und ältere Menschen kann es beispielsweise schwierig sein, überhaupt einen Bankkredit zu bekommen. Jüngeren fehlt häufig ein sicheres Einkommen oder Eigenkapital, bei Älteren zweifeln Banken oft daran, dass der Kredit noch zu Lebzeiten abbezahlt werden kann.

 

 

change | Viele junge Menschen wohnen zur Miete und können gar nicht selbst entscheiden, ob ihr Haus saniert oder eine klimafreundliche Heizung eingebaut wird. Wie kann die Wärmewende funktionieren, ohne dass am Ende die Mieten noch stärker steigen?

Dr. Giustozzi | Das ist gerade für junge Menschen in Ausbildung oder im Studium eine sehr wichtige Frage. Viele können sich in Großstädten ohnehin kaum aussuchen, in welcher Wohnung sie leben. Ein möglicher Ansatz wäre, Mieterhöhungen stärker an tatsächliche Verbesserungen der Energieeffizienz zu koppeln. Wenn die Kaltmiete nach einer Sanierung steigt, sollten die Heizkosten entsprechend sinken, sodass die Warmmiete insgesamt möglichst stabil bleibt. Die Menschen hätten dann eine besser gedämmte Wohnung und keinen finanziellen Nachteil. Außerdem könnten soziale Vermietende, beispielsweise Wohnungsbaugenossenschaften, zusätzliche Förderungen erhalten. Sie bieten häufig günstigeren Wohnraum an, haben aber nicht immer genügend finanzielle Mittel für umfassende Sanierungen.

 

Blüten von Nelumbo Nucifera, auch bekannt als Lotos oder Seerose, im Shinobazu-Teich im Ueno-Park, Taito, Tokio, Japan, mit Blick auf Hochhäuser dahinter.

So wünschen wir uns die Stadt von morgen

 

change | Sie beschäftigen sich auch mit der Idee sogenannter „Klimasozialquartiere“. Was steckt dahinter?

Dr. Giustozzi | Die Idee ist, nicht nur einzelne Häuser oder Wohnungen zu betrachten, sondern ganze Stadtviertel. Man könnte gezielt Quartiere identifizieren, in denen viele Menschen mit geringem Einkommen leben und die Gebäude einen hohen Sanierungsbedarf haben. Diese Viertel würden dann besonders gefördert. Das hätte mehrere Vorteile: Maßnahmen könnten besser aufeinander abgestimmt werden, und man müsste nicht jedes Gebäude einzeln betrachten. Gleichzeitig wäre es wichtig, von Anfang an darauf zu achten, dass sich die bisherigen Bewohner:innen ihre Wohnungen auch nach der Sanierung noch leisten können. 

Es darf nicht passieren, dass ein Viertel aufgewertet wird und am Ende aus Kostengründen ausgerechnet die Menschen wegziehen müssen, die vorher dort gelebt haben.

Dr. Carlotta Giustozzi

 

change | Wer auf dem Land lebt, ist oft aufs Auto angewiesen, während man in der Großstadt viel leichter Bus, Bahn oder Fahrrad nutzen kann. Wie kann eine klimafreundliche Mobilität aussehen, die für beide funktioniert und bezahlbar bleibt?

Dr. Giustozzi | Wir müssen zunächst anerkennen, dass unterschiedliche Regionen unterschiedliche Lösungen brauchen. In Städten mit gut ausgebautem Nahverkehr kann ein günstiges Sozialticket viel bewirken. Auf dem Land, wo Busse und Bahnen nur selten fahren, hilft ein solches Ticket allein dagegen wenig. Hier könnte beispielsweise das sogenannte Social Leasing interessant sein. In Frankreich gibt es bereits ein Modell, bei dem Haushalte mit geringem Einkommen Elektroautos zu vergünstigten Konditionen leasen können. Für ältere Menschen, die möglicherweise irgendwann nicht mehr selbst Auto fahren können, braucht es wiederum andere Angebote. Rufbusse können eine Lösung sein, müssen aber einfach zugänglich sein. 

 

Das Foto zeigt eine junge Frau bei Tageslicht auf der Straße, der Hintergrund ist unscharf, aber man erahnt eine Kreuzung mit einer grünen Ampel in der Ferne. Die Frau hält ein Smartphone in der rechten Hand, ihre linke Hand umgreift den Lenker eines E-Rollers, auf dem sie steht.

Gehören Autos bald auf den Müllhaufen der Geschichte?

 

change | Gerade junge Menschen werden besonders lange mit den Folgen des Klimawandels leben müssen. Werden ihre Interessen in der Politik bisher ausreichend berücksichtigt?

Dr. Giustozzi | Ich denke, dass die langfristige Perspektive bisher zu wenig berücksichtigt wird. Es gibt durchaus konkrete Ideen, die jungen Menschen schon heute helfen können. Beispielsweise könnte man ein vergünstigtes Deutschlandticket an den BAföG-Bezug koppeln. Wer BAföG erhält, hätte dann automatisch Zugang zu einem günstigeren Ticket für den öffentlichen Nahverkehr. Aber Generationengerechtigkeit geht natürlich weit darüber hinaus. Wir müssen uns fragen, wie wir langfristig eine funktionierende Infrastruktur schaffen und die Erderwärmung begrenzen können. Politische Entscheidungen orientieren sich häufig an kürzeren Zeiträumen, etwa an der nächsten Wahl. Für den Klimaschutz brauchen wir aber eine viel längerfristige Perspektive.

 

 

change | Wenn Sie an die nächsten zehn oder zwanzig Jahre denken: Wie könnte eine klimaneutrale und sozial gerechte Zukunft aussehen, in der Sie selbst gerne leben würden?

Dr. Giustozzi | Ich wünsche mir gut sanierte Wohnungen, in denen es im Winter warm und im Sommer nicht unerträglich heiß ist. Eine Mobilität, die für alle funktioniert. Kinder sollten sicher mit dem Fahrrad zur Schule fahren können. Und wer auf ein Auto angewiesen ist, sollte eine umweltfreundliche Alternative nutzen können. Ich denke aber auch an saubere Flüsse und Seen, in denen man im Sommer baden kann, an grüne Parks und Städte, die sich nicht immer weiter aufheizen. Und natürlich an öffentliche Einrichtungen: Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser oder Pflegeheime sollten gut in Schuss sein. Vor allem wünsche ich mir, dass wir den Wandel zu einer klimaneutralen Gesellschaft nicht immer nur als Verzicht betrachten. Ich sehe darin eine große Chance, die Lebensqualität für alle zu verbessern.

Wie blicken Menschen in Deutschland auf das Thema „Klimaneutralität und nachhaltige Transformation“? Mit dieser Frage beschäftigt sich das „Soziale Nachhaltigkeitsbarometer der Transformation 2026“ – ein Projekt der Bertelsmann Stiftung und dem Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit.