Stadt oder Land: Wo lebt es sich besser?
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- 22. Mai 2026
Wo wir leben, prägt unseren Alltag und oft auch unsere Zukunft. Immer mehr junge Menschen stellen sich die Frage: Stadt oder Land? Die Entscheidung wird von vielen Faktoren beeinflusst. change hat genauer hingeschaut.
Die Frage, ob man lieber in der Stadt oder auf dem Land leben möchte, ist längst mehr als Geschmackssache. Für viele junge Menschen geht es heute um Chancen, Freiheit und Lebensqualität zugleich. Die Stadt verspricht eine große Auswahl und viele Möglichkeiten. Das Land lockt mit Ruhe, Nähe zur Natur und oft bezahlbarerem Wohnraum. Doch beides hat seinen Preis.
Wer geht, wer bleibt und wer zurückkommt
Junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren verlassen ländliche Regionen – meistens für Ausbildung oder Studium – häufiger als jede andere Altersgruppe. Was folgt, ist ein Kreislauf. Je mehr junge Menschen gehen, desto weniger Infrastruktur lohnt sich. Und desto weniger Grund gibt es, zu bleiben. In manchen ländlichen Regionen, besonders im Osten, hat das über Jahrzehnte tiefe Spuren hinterlassen. Manche Landkreise haben seit 1990 ein Drittel ihrer Bevölkerung verloren. Gleichzeitig gibt es eine Gegenbewegung. Homeoffice, steigende Stadtmieten und der Wunsch nach mehr Platz und Ruhe ziehen Menschen wieder aufs Land. Seit einigen Jahren ziehen sogar insgesamt wieder mehr Menschen von den Städten aufs Land als umgekehrt. Besonders Familien und Berufstätige mit einem flexiblen Arbeitsmodell suchen Alternativen außerhalb der Zentren. Die Frage ist heute also nicht mehr nur, wer geht, sondern auch: Unter welchen Bedingungen kommen Menschen zurück?
Ausreichend Jobs, aber niemand will sie
Hier ein überraschender Fakt: In ländlichen Regionen gibt es rechnerisch oft mehr offene Ausbildungsplätze als Bewerber:innen. In dünn besiedelten Regionen kamen zuletzt nur 73 Bewerbungen auf 100 Stellen, in Städten waren es immerhin 91. Das klingt erst einmal nach guten Chancen, ist aber auch nur die halbe Wahrheit. Denn auf dem Land dominieren vor allem Berufe in Landwirtschaft, Handwerk oder technischen Bereichen. Wer sich eher für kaufmännische, soziale oder kreative Berufe interessiert, findet in Städten oft mehr Auswahl. Nicht nur die Anzahl an Ausbildungsplätzen zählt also, sondern auch die Vielfalt. Und genau die fehlt vielen junge Menschen auf dem Land. Studien belegen, dass viele junge Erwachsene sogar bereit wären, lange Pendelstrecken in Kauf zu nehmen, um ihrer Wunschausbildung nachzugehen und gleichzeitig auf dem Land zu bleiben. Ob das gelingt, hängt jedoch von einem entscheidenden Faktor ab: der Mobilität.
Mobilität entscheidet über Freiheit
In der Stadt ist Mobilität oft selbstverständlich. U-Bahn, Tram, Bus, Sharing-Angebote und Fahrradwege machen spontane Wege möglich. Wer ohne Auto lebt, bleibt unabhängig. Auf dem Land werden rund 60 Prozent aller Wege mit dem privaten Auto zurückgelegt. Der Bus? Fährt in vielen Gemeinden nur vier Mal am Tag und in den Schulferien noch seltener. Das klingt unbequem. Für junge Menschen ohne eigenes Auto ist es aber mehr als das. Es bedeutet, dass sie für jeden Weg jemanden brauchen, der fährt. Zur Arbeit. Zum Einkaufen. Zu Freund:innen. Tschüss Unabhängigkeit! Nicht mobil zu sein, bedeutet also nicht nur Stress, sondern echte Ausgrenzung von Jobs, von Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe.
Wohnen – aber zu welchem Preis?
Während Menschen auf dem Land Probleme haben, von A nach B zu kommen, ist eine der größten Herausforderungen der Stadt wohl das Thema Wohnen. Wer für das Studium oder den Job in die Stadt zieht, zahlt dafür oft einen hohen Preis. Und das buchstäblich. Studierende geben mit eigenem Haushalt im Schnitt 53 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen aus. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung sind es 25 Prozent. Das bedeutet: Wer in die Stadt zieht, investiert häufig mehr als Geld. Hohe Mieten erzeugen Druck, zwingen zu Nebenjobs oder längeren WG-Zeiten und entscheiden mit darüber, wer sich Bildung überhaupt leisten kann. Die Stadt eröffnet also Chancen, aber nicht für alle gleichermaßen.
Warum das Land gerade aufholt
Wer Karriere machen und einen spannenden Arbeitsplatz haben will, ist inzwischen aber nicht mehr zwingend auf ein Leben in der Stadt angewiesen. Denn die Zahl der Städte und Gemeinden mit Co-Working-Spaces ist seit 2020 um mehr als 70 Prozent gestiegen – besonders in ländlichen und suburbanen Gebieten. Aus leer stehenden Dorfläden und alten Rathäusern werden Arbeitsplätze, an denen Menschen mit stabilem Internet ihren Berliner oder Münchner Job erledigen. Nur eben mit Blick auf Felder statt Häuserfassaden. Immer mehr Menschen nutzen diese neuen Arbeitsorte. Nicht nur Freelancer:innen und Selbstständige, sondern Angestellte quer durch alle Branchen, von IT über Handwerk bis Pädagogik. Der Haken ist, dass das noch nicht überall gilt. Ländliche Regionen mit guter Anbindung, funktionierender Infrastruktur und bezahlbarem Wohnraum gewinnen aber an Attraktivität.
Gründe, auf dem Land zu bleiben
Eine Studie der Universität Stuttgart hat untersucht, was junge Erwachsene wirklich dazu bringt, auf dem Land zu bleiben oder zu gehen. Das Ergebnis: Es ist selten nur ein Faktor. Ausbildung, Mobilität, Freundeskreis, Heimatgefühl und Freizeitangebot greifen ineinander. Wer bleibt, tut das häufig bewusst, nicht aus Mangel an Alternativen. Gleichzeitig sind Wohnortentscheidungen heute oft nicht endgültig. Gerade junge Menschen wechseln im Laufe ihres Lebens mehrfach den Lebensmittelpunkt und können sich in späteren Lebensphasen auch eine Rückkehr aufs Land vorstellen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Klar, Mobilität und Ausbildungsplätze spielen eine Rolle. Aber wer nur auf Infrastruktur schaut, verpasst einen wichtigen Teil des Bildes. Neben Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten sind es vor allem soziale Beziehungen zu Freund:innen, Familie und Partner:innen, die darüber entscheiden, wo junge Menschen leben wollen. Aber auch Ortsbindung, Zugehörigkeitsgefühl und Heimatliebe spielen eine Rolle. Wer über die Zukunft ländlicher Regionen redet, muss sich also nicht nur auf Glasfaser und Busse konzentrieren. Sondern auch darauf, ob es Orte gibt, an denen junge Menschen wirklich dazugehören können.
Wo lebt es sich besser?
Auf die Frage, wo es sich denn jetzt besser lebt, gibt es wohl keine pauschale Antwort. Wer Vielfalt, Karriereoptionen und kulturelle Hotspots sucht, wird eher in urbanen Räumen glücklich. Wer Ruhe, Platz und Natur priorisiert, eher außerhalb der Zentren. Entscheidend ist nicht die Postleitzahl, sondern welche Ziele und Interessen junge Menschen haben. Wichtig ist, dass sie eine echte Wahlfreiheit haben. Wenn Busse fahren, Wohnungen bezahlbar sind, Netze stabil laufen und Teilhabe überall möglich ist, erst dann wird aus der Frage „Stadt oder Land?“ endlich eine freie Entscheidung.
Wo junge Menschen leben wollen, hängt von vielen Faktoren ab. Mit dem „Wegweiser Kommune" und dem „Portal für nachhaltige Kommunen" unterstützt die Bertelsmann Stiftung Kommunen dabei, demografische und sozioökonomische Entwicklungen besser zu verstehen und fundierte Entscheidungen für die Zukunft vor Ort zu treffen.




