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Tiefe statt Tempo: Warum Introvertierte die Welt verändern können

Eine Person mit Brille liegt entspannt auf einer Wiese in einem Park. Sie trägt ein orangefarbenes T-Shirt und hat die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Im Hintergrund sind Bäume und grüne Pflanzen.
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stock.adobe.com/Djavan Rodriguez

Tiefe statt Tempo: Warum Introvertierte die Welt verändern können

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  • 10. Juli 2026

In einer Welt voller Selbstinszenierung wirken introvertierte Menschen schnell wie Außenseiter:innen. Doch was bedeutet es eigentlich, introvertiert zu sein, und warum wird Stille so oft mit Schwäche verwechselt? Autorin Juliane Marie Schreiber über die Kraft des Innenmenschen, die Fehler der modernen Arbeitswelt und warum Dynamit leiser ist als eine Wunderkerze.

Wer sich nicht inszeniert, fällt kaum auf, während diejenigen, die am meisten von sich reden, am weitesten kommen. Autorin Juliane Marie Schreiber stellt die Frage in den Raum: Was, wenn wir die Falschen feiern? In ihrem Buch „Wir sind Dynamit“ räumt sie mit Vorurteilen über Introvertierte auf und plädiert für eine Gesellschaft, die endlich auch den Leisen zuhört. Im Interview erklärt sie, warum das nicht nur eine persönliche, sondern auch eine zutiefst politische Frage ist.

Juliane Marie Schreiber …

… ist Politologin und Autorin und beschäftigt sich intensiv mit Persönlichkeitspsychologie, gesellschaftlichen Strukturen und der Frage, welche Stimmen in unserer lauten Welt Gehör finden. 2022 veröffentlichte sie ihre Gesellschaftskritik „Ich möchte lieber nicht. Eine Rebellion gegen den Terror des Positiven“. In ihrem neuen Buch „Wir sind Dynamit“ setzt sie sich dafür ein, das Persönlichkeitsmerkmal „Introversion“ neu zu bewerten: in der Arbeitswelt, in der Politik und im Alltag.

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change | Was bedeutet „introvertiert“ eigentlich wirklich – und welche Vorurteile nerven dich am meisten?

Juliane | Ein eher introvertiertes Naturell bedeutet, dass man seine Energie nach innen richtet, auf die eigenen Gedanken und Ideen und relativ wenig Reize von außen braucht. Das größte Vorurteil ist, dass Introvertierte schüchtern seien. Schüchternheit hat im Kern mehr mit Neurotizismus zu tun, also mit innerer Anspannung, emotionaler Instabilität und Ängstlichkeit. Schüchterne meiden große Gruppen, weil sie Angst haben, beurteilt zu werden. Introvertierte aus einem anderen Grund: Sie ziehen es meist einfach vor, allein zu sein.

change | Du sprichst lieber von „Innenmenschen“ statt von Introvertierten. Warum?

Juliane | Um genau diese negativen Vorurteile zu umgehen, die im Alltag mitschwingen. Außerdem sind auch in der Forschung einige Eigenschaften, die Introversion zugeschrieben werden, umstritten. Zum Beispiel „wenig heiter“ oder „wenig Energie“. Manche Menschen sind heiter, aber gerne allein. Andere sind voller Energie, wenn sie in Ruhe gelassen werden und in ihrer Werkstatt ihre Projekte verfolgen können. Im Kern geht es bei Introversion um eine grundlegende Ausrichtung auf die Welt: nicht primär nach außen zu anderen Menschen und zu allem, was klingt und blinkt, sondern nach innen, zu den eigenen Gedanken. Dafür passt der Ausdruck „Innenmensch“ gut. 

Innenmenschen haben wichtige Führungsqualitäten. Sie geben anderen Raum, ihre Ideen zu entwickeln, hören zu und haben weniger Interesse an Machtdemonstration.

Juliane Marie Schreiber

change | Warum wird Lautstärke so oft mit Kompetenz verwechselt?

Juliane | Wir leben in einer digitalen Dienstleistungsgesellschaft, in der wir vor allem Ideen verkaufen. Darin wird der starke Auftritt belohnt. Wir alle unterliegen dabei oft einer Urteilsverzerrung: Wir nehmen Extroversion mit Untermerkmalen wie „positive Emotionalität“, „Charme“, „Selbstsicherheit“ und „Dominanz“ als Stellvertretersignale für Intellekt und Kompetenz wahr. Daher erhalten Extrovertierte bei gleicher Leistung häufig sogar mehr Gehalt und haben auch mehr Erfolg im Beruf und in der Politik. Dabei haben Innenmenschen wichtige Führungsqualitäten. Sie geben anderen Raum, ihre Ideen zu entwickeln, hören zu und haben weniger Interesse an Machtdemonstration.

Eine Frau läuft die Treppen hoch und trinkt dabei aus ihrem Kaffee-To-Go-Becher.

Gleichberechtigung in der Arbeitswelt: Warum Benefits oft unfair verteilt sind und was sich ändern muss

 

change | TikTok, Instagram, LinkedIn: Müssen wir heute alle unsere eigene Marke sein?

Juliane | Das wird oft so formuliert und das ist ein großer Druck, gerade für junge Menschen. Dabei spielt Gruppenzwang eine große Rolle, weil wir vor lauter Reizüberflutung irgendwann gar nicht mehr wissen: Sind das meine eigenen Gedanken oder die der anderen? 

change | Kann man introvertiert sein und trotzdem gerne Zeit auf Social Media verbringen?

Juliane | Ja. Natürlich kommt es auf die Inhalte an. Es gibt auch Accounts, die sich zum Beispiel mit Kunst, Natur, Langsamkeit und Trends wie „Slow Living“ oder Dokumentarfilmen beschäftigen. Aber generell sind soziale Medien darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden, indem sie ständig Neues bieten. Also nichts, was für unseren eigenen Fokus und unsere Konzentration gut ist.

change | Gruppenarbeiten, Zoom-Calls, Großraumbüros – warum kritisierst du die moderne Arbeitswelt?

Juliane | Technischer Fortschritt hat den Nachteil, dass er dazu verführt, auch benutzt zu werden. „Jetzt haben wir schon so viel Geld investiert, jetzt benutzen wir unser Video-Konferenz-Tool auch!“ Dabei zeigen Studien, dass der Blutdruck steigt und Stress entsteht, wenn einen Dutzende Menschen anstarren. Die Folge: Zoom-Fatigue – man ist nach diesen Gesprächen erschöpft. Auch Gruppenarbeit ist meist ineffizient, und Brainstormings sind oft Zeitverschwendung, sagt die psychologische Forschung. Sie fördern nicht die Kreativität.

Die vier großen Stärken der Innenmenschen sind Reflexion, Autonomie, Diplomatie und Kreativität.

Juliane Marie Schreiber

change | Welche Stärken introvertierter Menschen werden in Schule und Job oft übersehen?

Juliane | Die vier großen Stärken der Innenmenschen sind Reflexion, Autonomie, Diplomatie und Kreativität. Im Mittel sind Innenmenschen etwas kritischer, nachdenklicher und folgen weniger den schnellen Impulsen. Sie sind auch etwas selbstbestimmter, weniger konformistisch und abhängig von äußerer Bestätigung. Sie sind kompromissbereiter, weniger dominant und etwas vermittelnder. Und Innenmenschen sind überdurchschnittlich innovativ, also häufiger unter sehr erfolgreichen Wissenschaftler:innen, Erfinder:innen und Künstler:innen zu finden. 

change | Du schreibst von „Tiefe statt Tempo“. Warum brauchen wir davon heute mehr?

Juliane | Wir leben in einer Zeit, die den schnellen Effekt belohnt. Doch die aktuellen Konflikte und Spaltungen erfordern das Gegenteil: Zuhören, Einfühlen, Impulskontrolle und komplexes Nachdenken. Denn die Krisen unserer Zeit lassen sich nicht mit Selbstdarstellung lösen. Um all diesen Herausforderungen zu begegnen, sind langfristige und ausgewogene Entscheidungen wichtig. 

change | Was geht gesellschaftlich verloren, wenn vor allem die Lautesten Aufmerksamkeit bekommen?

Juliane | An der Politik sieht man das sehr deutlich: Der Fokus auf Personen, ihr Verhalten, ihre Inszenierung und ihr Privatleben verdrängt politische Debatten über Interessen und Macht. Durch digitale Medien ist Politik ein noch extrovertierteres Spielfeld geworden, als sie ohnehin schon war. Das führt dazu, dass extrovertierte Selbstdarsteller:innen als Politiker:innen nach oben kommen, manchmal in ihrer Extremform als Populist:innen und Narzisst:innen. Viele Studien zeigen, dass extreme Extroversion sogar etwas eher mit Impulsivität, Aggression und Dominanz einhergeht.

Die Gestalt der Öffentlichkeit verändert sich im Moment. Der Ton ist rau. Wer geht noch in die Öffentlichkeit, in die Politik? Wir steuern da auf eine Schieflage zu, denn viele kluge, kritische Stimmen ziehen sich zurück, während sich umgekehrt eher taffe, abgebrühte Menschen mit einem gewissen Geltungsdrang in die Öffentlichkeit wagen.

In einer Welt der Wunderkerzen sind Innenmenschen Dynamit.

Juliane Marie Schreiber

change | Was würdest du jungen Menschen sagen, die oft denken, sie seien „zu leise“?

Juliane | Ich würde die Frage sofort zurückspielen: Warum sind die anderen eigentlich immer so laut? Innenmenschen haben Fähigkeiten, die sehr wichtig sind. Wir brauchen die Innenmenschen. Nicht sie sind das Problem, sondern wir alle sollten den Leisen mehr Gehör geben, den kritischen Stimmen und den Zwischentönen. Ich würde ihnen auch sagen, dass in ihren Gedanken eine große potenzielle Energie schlummert. Mit anderen Worten: In einer Welt der Wunderkerzen sind Innenmenschen Dynamit.

Wenn unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen, ist eine Frage besonders wichtig: Wie können wir gut miteinander reden und streiten – auch online und in schwierigen Zeiten? Genau damit beschäftigt sich das Projekt „Diskurs und Partizipation" der Bertelsmann Stiftung.