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Corona verändert gesellschaftlichen Zusammenhalt – aber wie?

Ein Handschlag Sincerely Media - unsplash.com/license

Was Corona mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt macht

  • Sincerely Media - unsplash.com/license
  • 29. Januar 2021

Würdest du sagen, dass die Pandemie unsere Gesellschaft zusammengeschweißt hat? Oder droht ihr die Spaltung durch Corona-Leugner:innen? Die gefühlte Wahrheit unterscheidet sich je nachdem, wen man fragt. Es gibt aber repräsentative Umfragen, die eine eindeutige Sprache sprechen.

Seit fast einem Jahr wird das Leben in Deutschland von der Corona-Pandemie bestimmt. Wie verändern Lockdown, Social Distancing und die Bedrohung durch das Virus unsere Gesellschaft? Und was können wir von der Pandemie für eine Welt nach Corona lernen?

Unsere Gesellschaft wird immer individualistischer

Die deutsche Gesellschaft ist eine individualistische: Wir können unseren Job relativ frei wählen, können eine Familie gründen, wenn wir wollen. Das Leben vieler Menschen richtet sich mehr und mehr nach ihren eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen. Wo noch vor wenigen Jahrzehnten vorwiegend klassische Familien das Zusammenleben prägten, blüht heute eine Vielfalt an unterschiedlichsten Lebensmodellen.

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Corona zwingt uns, über Gemeinschaft nachzudenken

Dieses auf Selbstverwirklichung ausgerichtete Leben wurde mit Beginn der Pandemie gründlich durchgeschüttelt: Durch das Alleinsein, die wochenlange Betreuung der Kinder zu Hause aufgrund von Schul- und Kitaschließungen, finanzielle Sorgen oder die Angst um den Job haben viele zum ersten Mal so richtig über Gemeinschaft nachgedacht. Mit dem Ergebnis, dass die meisten die Gesellschaft anderer Menschen, Gemeinschaftsgefühl und Unterstützung gerade in Krisenzeiten unbedingt brauchen und – falls nicht vorhanden – schmerzlich vermissen.
 


Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird besser bewertet als vor der Pandemie

Außerdem hat das Virus als Bedrohung und gemeinsamer Feind der Menschheit ein „Wir-Gefühl“ geschaffen, das es vorher so noch nicht gegeben hat. Zu diesem Resultat kommt die Studie „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt 2020“ der Bertelsmann Stiftung: Noch im Februar 2020 gaben 46 Prozent der Befragten an, dass sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland als gefährdet ansehen. Mit Beginn der Kontaktbeschränkungen im März sank der Anteil auf 40 Prozent, und im Mai und Juni sorgten sich nur noch 36 Prozent um den Zusammenhalt. Außerdem nahm zwischen Februar und Juni der Eindruck, die Menschen in Deutschland würden sich nicht um ihre Mitbürger:innen kümmern, um ganze 20 Prozent ab, von 41 Prozent im Februar zu 21 Prozent in Mai und Juni.

Wie steht es um den Zusammenhalt ein Jahr nach dem Pandemiebeginn?

In den ersten Monaten der Pandemie hat Corona noch eine gewisse Magie des Neuen versprüht: Das Zuhausebleiben war eine willkommene Abwechslung, mit dem Frühlingsbeginn konnte man viel Zeit an der frischen Luft verbringen. Kinder haben sich gefreut, schulfrei zu haben, und Menschen haben allabendlich von ihren Balkonen herunter für das Krankenhaus- und Pflegepersonal applaudiert und musiziert. Mit fortschreitender Zeit wurde klar, dass die Beschränkungen im Alltagsleben von Dauer sein werden. Die meisten Menschen ertragen das irgendwie, es gibt aber auch einen kleinen – jedoch lauten – Anteil an der Gesellschaft, der gegen die Maßnahmen zur Viruseindämmung Sturm läuft.
 


Mehr als jede:r zehnte Deutsche glaubt an Steuerung durch „geheime Mächte“

Es gibt Menschen, denen die Pandemie als erneuter Beweis für Verschwörungstheorien gilt. Rund 11 Prozent der Deutschen glauben, dass die Welt von „geheimen Mächten“ gesteuert wird, weitere 19 Prozent halten es für wahrscheinlich, dass diese Mächte zumindest im Hintergrund am Werk sind. Bewegungen wie „Querdenken“ und Corona-Leugner:innen mögen zahlenmäßig klein sein, aber sie bestimmen die öffentliche Diskussion stark mit, sei es in den sozialen Netzwerken oder durch Demonstrationen und Kundgebungen. Selbst Familien und Freundeskreise spalten sich immer häufiger.
 

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Die Rückkehr der alten Geschlechterrollen

Corona belastet die Gesellschaft auch in anderer Hinsicht: So haben Umfragen ergeben, dass durch den Lockdown die Rollenverteilung in Familien wieder stärker in alte Muster zurückgefallen ist: Während sich Väter eher ins Arbeitszimmer zurückziehen, kümmern sich Mütter häufiger um Haushalt und Kinder, obwohl sie in vielen Fällen selbst berufstätig sind. Frauen und Mütter sind in der Krise doppelt belastet, wie so oft.


Corona wirft ein Schlaglicht auf bestehende Ungleichheiten

Darüber hinaus treten durch die Pandemie auch andere Ungleichheiten stärker zutage: Die sogenannten „systemrelevanten Berufsgruppen“ – Krankenhauspersonal, Kassierer:innen, Reinigungskräfte, aber auch Fließbandarbeiter:innen, Bauarbeiter:innen und Handwerker:innen – können nicht aufs Homeoffice ausweichen. Sie müssen trotzdem vor Ort weiterarbeiten und sind daher ständig einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. Dazu kommt, dass die in den erwähnten Berufsgruppen Beschäftigten oft nicht zu den Gutverdienenden gehören. Warum das eine Rolle spielt? Das Virus behandelt nicht alle Menschen gleich. Man geht davon aus, dass der Krankheitsverlauf einer Corona-Infektion bei Menschen mit sozial niedrigerem Status oft schwerer und das Sterberisiko höher ist.

Wir-Gefühl durch Distanz

Stress und eine Bedrohung von außen können eine Gesellschaft solidarischer machen. Dauert dieser Zustand zu lange an, kann das allerdings auch zu Frust und Erschöpfung führen, was wiederum solidarischem Verhalten schadet. Bei Corona verhält es sich besonders paradox: Das Wir-Gefühl begründet sich darin, dass man Abstand hält und aus Gemeinschaft und dem Zusammensein mit anderen Menschen etwas Verbotenes geworden ist.

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Corona könnte zu mehr Solidarität führen

Der Zukunftsforscher Matthias Horx ist der Meinung, dass die Corona-Pandemie die Gesellschaft besonders im Umgang mit zukünftigen Krisen, beispielsweise dem Klimawandel, nachhaltig verändern wird. Seine Überlegung: Was die globale Erderwärmung angeht, hat sich die ältere Generation bisher nicht besonders solidarisch mit den Forderungen der Jüngeren und Bewegungen wie „Fridays for Future“ nach einem klimafreundlicheren Lebensstil gezeigt. Andersherum hat die junge Generation in den letzten Monaten ihr Leben komplett umgestellt – besonders um die ältere Generation vor dem Virus zu schützen. Können wir dafür in der Zeit nach Corona auf eine aktivere Mithilfe gegen den Klimawandel und mehr Solidarität mit unserer eigenen Zukunft hoffen?

Wohin bewegt sich unsere Gesellschaft? Das Projekt „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ der Bertelsmann Stiftung widmet sich dieser Frage. Corona ist ein Aspekt davon. Projektmitarbeiter Kai Unzicker beleuchtet diesen genauer. Seine Analyse besprach er in der Sendung „Streitkultur“ mit dem Kulturwissenschaftler Thomas Macho.