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Warum Work-Life-Balance in Japan dein Leben retten kann

Viele Menschen sitzen in einem Großraumbüro Enno Kapitza

Work-Life-Balance – warum der Begriff in Japan dein Leben retten kann

  • Enno Kapitza
  • 14. November 2019

In Japan ist es keine Seltenheit, dass Menschen vor Erschöpfung auf der Straße einschlafen oder sich zu Tode arbeiten. Die Arbeitsmoral im Land ist hoch, und viele Überstunden gehören zum Alltag. Die Folgen sind desaströs. Wie kann die Balance ins Leben der Japaner*innen zurückkehren?

In Japan herrscht eine Kultur der Überarbeitung. Der Job kommt für viele an erster Stelle, und eine perfektionistische Denkweise durchdringt das Land. Die hohe Arbeitsmoral treibt einige Japaner*innen sogar in den Tod. Das soll sich jetzt ändern: Nicht nur in der japanischen Großstadt Kitayushu, sondern im ganzen Land strebt man nach einem balancierteren und nachhaltigeren Leben.

Karoshi: Tod durch Überarbeitung

Viele Japaner*innen sind stolz darauf, extrem hart zu arbeiten: In fast einem Viertel der japanischen Unternehmen arbeitet man gewöhnlich mehr als 80 Überstunden im Monat. Die Angestellten nutzen zudem im Schnitt nur 8,8 Tage oder weniger als die Hälfte ihres Urlaubsanspruchs.

Diese Überarbeitungskultur führt sogar dazu, dass Menschen sterben. Das ist in Japan als „Karoshi“ bekannt: Tod durch Überarbeitung. Es ist außerdem nichts Ungewöhnliches, dass Angestellte nach einem langen Arbeitstag total erschöpft und überarbeitet auf der Straße einschlafen. Manchmal ist das Feierabendbier mit den Kolleg*innen Schuld daran, meistens aber die bloße Erschöpfung.


Inemuri: anwesend sein und schlafen

In Japan ist es nicht unüblich, einfach mal einzuschlafen: Das Schlafen in der Öffentlichkeit ist aufgrund von Erschöpfung und langer Fahrtzeiten zur Arbeit gang und gäbe. Man nennt es „Inemuri“, was „im Dienst schlafen“ oder „anwesend sein und schlafen“ bedeutet. In vielen Unternehmen ist es akzeptiert und sogar gern gesehen, ein Nickerchen auf der Arbeit zu machen. Denn das zeigt, dass man hart gearbeitet hat. Und danach mehr Energie hat, um noch härter zu arbeiten.

Die Suizidrate in Japan ist hoch – was auch mit der Kultur der Überarbeitung zu tun hat. Mit Maßnahmen für eine bessere Work-Life-Balance arbeitet die Regierung jedoch jetzt dagegen. Dank eines Plans zum Kampf gegen Selbstmorde ist die Suizidrate in den vergangenen Jahren deutlich gesunken.

Kitakyushu zeigt, wie es besser geht

Wie lässt sich eine so sehr von Konsum und Arbeit getriebene Gesellschaft ändern? Die Antworte könnte die japanischen Stadt Kitakyushu entdeckt haben. Dort hat man sich einer nachhaltigeren Entwicklung und einem balancierteren Leben verschrieben. Vor vier Jahren haben sich 193 Staaten – darunter auch Japan – dazu verpflichtet, 17 Sustainable Development Goals (SDGs) in den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt umzusetzen.

Zu den Zielen gehören zum Beispiel die Gleichberechtigung der Geschlechter, die Bekämpfung von Armut und Hunger, nachhaltige Landwirtschaft und menschenwürdige Arbeit für alle. Kitakyushu ist als „SDGs Future City“ ein Vorbild.

Das Cover des change Magazins, Ausgabe 2/2019

Auf dem Weg zum neuen Lebensstil

Wie die Stadt Kitakyushu die Sustainable Development Goals (SDGs) aus den drei Kernbereichen Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt umsetzt – jetzt im kostenlosen change Magazin 2/2019 lesen!


Im Gespräch mit Einwohner*innen der Stadt wurde das tradierte Bild bestätigt, dass man mit dem Renteneintritt quasi seine Identität verliere. Die Menschen hier wünschen sich eine bessere Balance zwischen Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft – der Fokus auf die Wirtschaft sei derzeit zu stark. Die SDGs können der Impuls zur Transformation und für eine nachhaltige Entwicklung vor Ort sein. Und so kann nicht nur Kitakyushu, sondern ganz Japan einem neuen Lebensstil auf der Spur sein: nachhaltiger, gesünder und fairer.

Wie geht es voran mit der Nachhaltigkeit? Der Sustainable Development Goals Index wird jährlich durch die Bertelsmann Stiftung und das UN Sustainable Development Solutions Network (SDSN) veröffentlicht. 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen haben die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) verabschiedet. Die Ziele sollen bis 2030 erreicht werden.