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Gendergap: Die Gleichstellung lässt warten

Zwei Frauen sitzen nebeneinander Trung Thanh / Unsplash – Unsplash License, unsplash.com/license

Gendergap: Warum echte Gleichstellung noch Jahrhunderte dauern könnte

  • Trung Thanh / Unsplash – Unsplash License, unsplash.com/license
  • 26. April 2019

Wie gut es unserer Gesellschaft geht, hängt auch von der Gleichstellung von Mann und Frau ab. Die Hälfte der Menschheit ist weiblich – und doch sind Frauen weltweit in der Politik unterrepräsentiert und verdienen bei gleicher Qualifikation schlechter als Männer. Berechnungen des World Economic Forum gehen davon aus, dass das auch noch über 100 Jahre so bleiben wird.

Pünktlich zur Europawahl rücken Frauenrechte wieder in den Fokus. Die Organisation TERRE DES FEMMES vergibt der europäischen Politik Sterne, um auf die Diskriminierung von Frauen Aufmerksam zu machen. „Rated by Women“ heißt die Aktion, die Europa aus weiblicher Sicht bewertet. Nicht nur in Europa, auf allen Kontinenten lässt die Gleichstellung von Männern und Frauen auf sich warten. Das ergibt sich aus Daten des „Global Gender Gap Reports 2018“ des World Economic Forum. Die Studie untersucht die Gleichstellung von Frauen auf einer Skala bis 100 % in 149 Ländern anhand von

·     wirtschaftlicher Teilhabe und Chancen,
·     Zugang zu Bildung,
·     Gesundheit und Lebenserwartung sowie
·     politischer Beteiligung.

Ein Mann und eine Frau sehen skeptisch in die Kamera.

Warum Algorithmen Nachhilfe in der Gleichberechtigung brauchen


Die Unterschiede zwischen einzelnen Ländern und Regionen sind teilweise gravierend. Daher lohnt sich auch ein Blick auf die Länderprofile. Und auch das Maß an Gleichberechtigung in den untersuchten Feldern könnte unterschiedlicher nicht sein. So sind Frauen weltweit mit Männern fast gleichauf bei den Themen Gesundheit und Bildung (rund 95 %), hinken aber bei der politischen Teilhabe stark hinterher (rund 20 %).

Die Gleichstellung der Geschlechter könnte Jahrhunderte dauern

Die Gleichstellung der Geschlechter geht Schritt für Schritt voran, in manchen Regionen jedoch eher in dem Tempo, mit dem sich Gletscher bewegen. Unsere Infografik zeigt, wie viele Jahre verschiedene Teile der Welt bei gleichbleibender Entwicklungsrate warten müssten, bis Mann und Frau komplett gleichgestellt sind.

Eine Weltkarte mit eingefärbten Regionen
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Nordamerika: Rückläufige Entwicklung

Geht es weiter so wie bisher, wächst die Kluft zwischen Männern und Frauen in Nordamerika. Geschlechterparität: 72 %

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Lateinamerika & Karibik: 61 Jahre

61 Jahre würde es bei derzeitigem Tempo dauern, bis Männer und Frauen komplett gleichgestellt sind. Nicaragua schneidet in diesem Erdteil global gesehen am besten ab (Platz 10). Geschlechterparität: 70 %

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Mittlerer Osten & Nordafrika: 356 Jahre

In 356 Jahren wären Frauen und Männer komplett gleichgestellt. Jemen schnitt im internationalen Vergleich am schlechtesten ab und belegte den letzten Platz im Ranking. Bei der Geschlechterparität bildet die Region das internationale Schlusslicht: 61 %

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Subsahara-Afrika: 63 Jahre

63 Jahre bis zur Gleichstellung. Im internationalen Vergleich schnitt Ruanda am besten ab (Platz 5). Geschlechterparität: 68 %

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Westeuropa: 47 Jahre

Island, Finnland, Norwegen und Schweden führen die Top 4 der Weltrangliste an, wenn es um die Gleichstellung von Männern und Frauen geht. 47 Jahre würde es bei derzeitiger Entwicklung dauern, bis eine komplette Gleichstellung erreicht wäre. Im internationalen Vergleich hat Westeuropa die größte Geschlechterparität: 75 %

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Osteuropa & Zentralasien: 93 Jahre

In dieser Region schneidet Slowenien im internationalen Vergleich am besten ab (Platz 8). 93 Jahre braucht es in Osteuropa & Zentralasien bis zur vollkommenen Gleichstellung. Geschlechterparität: 70 %

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Südasien: 1.000 Jahre

Südasien hat den längsten Weg vor sich: 1.000 Jahre könnte es dauern, bis Männer und Frauen komplett gleichgestellt sind. Indien (Platz 87) und Pakistan (Platz 143) schneiden in vielen Bereichen schlecht ab. International gesehen hat Südasien den zweitschlechtesten Wert, was die Geschlechterparität angeht: 63 %

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Ostasien & Pazifikraum: 111 Jahre

Bei gleichbleibendem Tempo dauert es noch 111 Jahre, bis die Gleichstellung der Geschlechter in dieser Region erreicht ist. Spitzenreiter im internationalen Vergleich: die Philippinen (Platz 7). Geschlechterparität: 68 %

Konzept und Umsetzung: Infographics Group; Illustration: Christian Eisenberg

Südasien schneidet am schlechtesten ab

Beim derzeitigen Entwicklungstempo könnte es 1.000 Jahre dauern, bis Männer und Frauen in Südasien völlig gleichgestellt sind. Das hat viele Gründe: Die wirtschaftliche Teilhabe von Frauen in Pakistan und Indien rangiert am unteren Ende der Weltrangliste, in der Politik sind sie nur schlecht repräsentiert und können ihre Rechte nur bedingt durchsetzen. Arrangierte Ehen und Gewalt gegen Frauen sind häufig. 

Die Zahlen zeigen aber auch, dass man die Länder des asiatischen Kontinents nicht über einen Kamm scheren kann. Staaten wie Laos und die Philippinen haben die Geschlechterkluft in einigen Bereichen schon fast geschlossen. Die Philippinen führen die Rangliste in puncto Gleichstellung in Asien an und schneiden im internationalen Vergleich mit Platz 7 sogar besser ab als Deutschland, das Platz 13 belegt. 

Der Gender Pay Gap wird kleiner, aber immer weniger Frauen arbeiten

Wirtschaftlich stehen Frauen global gesehen besser da als im „Gender Gap Report 2017“: Die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen – der Gender Pay Gap – verkleinerte sich auf 51 % und die Zahl der Frauen in Führungspositionen stieg auf 34 %. Doch obwohl es bei den Themen Löhne und Führungspositionen im weltweiten Durchschnitt vorangeht, sinkt die Zahl der Frauen, die erwerbstätig sind. Das hat vor allem damit zu tun, dass Frauen oft in „niedrig qualifizierten“ Jobs arbeiten müssen, die im Zuge der Automatisierung wegfallen.

Schild mit dem Text "MY BODY MY CHOICE"

18 Dinge, die 2018 wirklich gut waren


Wir brauchen mehr Frauen in Politik und Wirtschaft 

Fehlende Gleichberechtigung ist nicht nur ein Problem von „Entwicklungsländern“. Selbst hoch industrialisierte Staaten wie Deutschland hinken hier hinterher. Eine durch die Bertelsmann Stiftung geförderte Langzeitstudie zeigt zwar, dass Frauen immer bessergestellt sind. Aber konservative Rollenbilder in der Gesellschaft verzögern die Entwicklung. Trotz eines gleichen Bildungsniveaus verdienen Frauen deutlich weniger und arbeiten öfter als Männer in Berufen, für die sie überqualifiziert sind. 

Auch wenn die völlige Gleichstellung von Frauen auf sich warten lässt – kommen wird sie ganz bestimmt. Mehr Frauen in Politik und Wirtschaft können diesen Prozess beschleunigen und damit für mehr Gerechtigkeit sorgen.  

Mehr dazu? Das Programm „Deutschland und Asien“ der Bertelsmann Stiftung analysiert asiatische Entwicklungen und ihren globalen Einfluss sowie die Auswirkungen auf Deutschland und Europa.