Social Media erst ab 16: Pro und Kontra für ein Verbot
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Till Spielhoff
Immer mehr Stimmen fordern strengere Regeln für die Social-Media-Nutzung bei Kindern und Jugendlichen. Doch würde ein Verbot wirklich schützen oder eher neue Probleme schaffen? change hat sich das genauer angeschaut.
Australien hat als erstes Land der Welt einen radikalen Schritt gewagt: Seit dem 10. Dezember 2025 dürfen Jugendliche unter 16 Jahren keine Konten mehr auf großen Social-Media-Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube nutzen. Auch bereits bestehende Konten müssen gelöscht werden. Die Unternehmen sind verpflichtet, das Alter ihrer Nutzer:innen zu kontrollieren. Verstoßen sie gegen die Vorgaben, drohen Bußgelder von bis zu 49,5 Millionen australischen Dollar.
International wird das Gesetz aufmerksam beobachtet. Auch in Europa diskutieren Regierungen über Altersgrenzen für soziale Medien, und in Frankreich, Dänemark und Spanien laufen entsprechende Gesetzgebungsverfahren. Auch in Großbritannien soll Social Media für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren bald verboten sein. Die zentrale Frage lautet: Schützt ein Verbot junge Menschen? Oder schränkt es ihre Teilhabe ein?
Warum Befürworter:innen handeln wollen
Für viele Unterstützer:innen des Gesetzes ist die Ausgangslage klar: Soziale Medien sind längst nicht mehr nur Kommunikationsplattformen. Ihre Algorithmen sind darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Besonders bei Kindern und Jugendlichen kann das Spuren hinterlassen: schlechterer Schlaf, verzerrtes Selbstbild und die Gefahr, in endlosen Feeds festzuhängen. Laut einer aktuellen DAK-Studie nutzt inzwischen knapp ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen in Deutschland soziale Medien riskant. Dreimal so viele wie noch 2019. Julie Inman Grant, Australiens Beauftragte für Online-Sicherheit, sieht die Altersgrenze deshalb als Schutzmaßnahme. Junge Menschen sollen mehr Zeit bekommen, sich zu entwickeln, bevor sie den Mechanismen sozialer Plattformen ausgesetzt werden.
Warum Kritiker:innen skeptisch sind
Gleichzeitig gibt es erhebliche Zweifel, ob ein Verbot die Probleme tatsächlich löst. Für viele Jugendliche sind soziale Medien weit mehr als Unterhaltung. Sie pflegen dort Freundschaften, organisieren ihren Alltag, informieren sich oder drücken sich kreativ aus. Für manche gehören die Plattformen inzwischen zur eigenen Identität.
Kritiker:innen warnen deshalb vor pauschalen Lösungen. Sie argumentieren, dass soziale Medien sowohl Risiken als auch Chancen bieten. Ein Verbot könne Jugendliche von wichtigen Kommunikationsräumen ausschließen, ohne die eigentlichen Ursachen anzugehen. Und auch in der Praxis holpert es. Schätzungen zufolge sind nach wie vor knapp 70 Prozent der unter 16-Jährigen auf den Plattformen aktiv. Tech-Unternehmen prüfen zwar Konten, sperren einige Zugänge oder verlangen Altersnachweise. Diese Kontrollen gelten aber aktuell noch als leicht umgehbar. Von Kritiker:innen kommt daher auch der Vorwurf, sie würden nicht entschlossen genug vorgehen.
Die entscheidende Frage: Verbot oder Regulierung?
Viele Expert:innen sind sich einig: Eine Altersgrenze allein greift zu kurz. Was es wirklich braucht, sind Plattformen, die sich an Regeln halten, und transparentere Algorithmen, bessere Altersprüfung sowie weniger manipulative Designs. Die EU hat mit dem Digital Services Act bereits einen Rahmen geschaffen, der genau das fordert. Das Problem: Er wird bislang kaum durchgesetzt. Deshalb werden die Forderungen nach mehr Konsequenzen immer lauter. Denn nicht die Jugendlichen sind das Problem, sondern digitale Geschäftsmodelle, die ihre Aufmerksamkeit gezielt ausnutzen.
Das ist vielleicht auch der größte blinde Fleck des australischen Gesetzes: Jugendliche wurden kaum bei der Entwicklung der Regelung beteiligt. Dabei betrifft das Gesetz besonders ihren Alltag. Wer über digitale Teilhabe entscheidet, sollte deshalb auch die Perspektiven derjenigen berücksichtigen, die täglich in diesen Räumen unterwegs sind.
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Einzelmaßnahmen wie Plattformverbote werden der Komplexität digitaler Risiken nicht gerecht. Es geht darum, den Schutz von Kindern und Jugendlichen ganzheitlich zu verbessern, durch Regulierung, Plattformverantwortung und Medienkompetenz.
Dr. Regina von Görtz, Leiterin des Programms „Demokratie und Zusammenhalt“ der Bertelsmann Stiftung
Zwischen Schutz und Freiheit
Das australische Experiment zeigt, wie schwierig der Umgang mit sozialen Medien geworden ist. Die Risiken sind real. Gleichzeitig sind digitale Plattformen für viele junge Menschen ein selbstverständlicher Teil ihres sozialen Lebens. Ob Altersgrenzen langfristig wirken, ist noch offen. Klar ist jedoch: Ein Verbot allein wird die Herausforderungen der digitalen Welt nicht lösen. Die Herausforderung besteht darin, beides ernst zu nehmen: den Schutz und die Teilhabe. Und dabei nicht über junge Menschen zu reden, sondern mit ihnen.
Australien wagt ein weltweit einzigartiges Experiment: Social Media erst ab 16 Jahren. Welche Folgen hat das für Jugendliche, Familien und die Gesellschaft? Die vollständige Reportage „Schutz oder Eingriff?“ gibt es in der aktuellen PDF-Ausgabe des change Magazins der Bertelsmann Stiftung. Jetzt nachlesen!




