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change Magazin – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

Raúl Krauthausen: „Wir hören viel zu selten Behinderten zu“

Ein Mann mit Brille und Kappe sitzt gegenüber von einer anderen Person an einem Tisch. Andi Weiland

Raúl Krauthausen: „Viel zu häufig reden nicht behinderte Menschen über solche mit Behinderung“

  • Andi Weiland
  • 13. Mai 2020

Wäre es nicht toll, wenn alle Menschen ganz selbstverständlich dazugehören und mitmachen könnten? In der Schule, im Beruf, in der Freizeit – egal, wie sie aussehen, welche Sprache sie sprechen, ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Raúl Krauthausen setzt sich dafür ein. Im change-Interview spricht er über Barrierefreiheit, Inklusion in der Schule – und gibt Tipps, wie jede*r von uns ein Umdenken bewegen kann.

Ein Foto des Inklusionsaktivisten Raul Krauthausen

Raúl Krauthausen

… ist Deutschlands bekannteste Stimme, wenn es um Inklusion geht. Als Inklusionsaktivist und Gründer der Sozialhelden, studierter Kommunikationswirt und Design Thinker arbeitet er seit über 15 Jahren in der Internet- und Medienwelt. Bekannt geworden ist er vor allem durch die von ihm erfundene Wheelmap. Das ist eine weltweite digitale Landkarte barrierefreier Plätze, die von User*innen erstellt wird. Außerdem erregte er durch sein Undercover-Heimexperiment Aufsehen und durch den Protest gegen das Bundesteilhabegesetz.

Raúls Webseite, NewsletterTwitter, Facebook, Instagram, LinkedIn und YouTube.


change | Raúl, seit es die Sozialhelden gibt, habt ihr so ziemlich jeden Preis abgestaubt, den es zu den Themen „Inklusion“ und „Barrierefreiheit“ gibt. Man sollte meinen, die Belange behinderter Menschen werden also von politischen Entscheidungsträger*innen ernst genommen.

Raúl Krauthausen | Es ist gesellschaftlich akzeptiert, Preise zu Themen wie Inklusion, Vielfalt, Gleichberechtigung und Teilhabe zu vergeben. Aber so ein Preis allein schafft keine Barrierefreiheit. Oft gibt es zur Verleihung Fototermine mit Minister*innen und anderen Würdenträger*innen, die dann in einem guten Licht dastehen, ohne viel getan haben zu müssen. Klar, solche Preise sind oft dotiert mit 5.000 oder 10.000 Euro, das kommt den Projekten zugute. Aber das Geld ist irgendwann auch wieder alle und man begibt sich auf die Suche nach der nächsten Finanzierung. Das sehen wir bei den Sozialhelden zunehmend kritisch.

Eins der bekanntesten Projekte der Sozialhelden ist die Wheelmap, eine Karte, auf der man sieht, welche Orte rollstuhlgerecht sind und welche nicht. Orte, die nicht rollstuhlgerecht sind, sind rot markiert, teilweise rollstuhlgerechte gelb, komplett rollstuhlgerechte grün. Wie viel Grün ist seit dem Start der Wheelmap 2010 dazugekommen?­

Die Wheelmap trifft keine qualitative Aussage über den Status quo der Barrierefreiheit in Deutschland. Sie sagt etwas darüber aus, wie Menschen die Plattform benutzen. Wir stellen fest, dass die Leute sich eher Tipps geben, wo man hingehen kann, als dass sie markieren, wo man nicht hingehen kann. Dass es viele grüne Orte auf der Karte gibt, heißt also nicht, dass wir bei der Barrierefreiheit gut vorankommen. Aber als Orientierungshilfe für Menschen mit eingeschränkter Mobilität wird die Karte gut angenommen. Ich kann zum Beispiel herausfinden, wo ich in einer anderen Stadt problemlos als Rollstuhlfahrer*in einen Kaffee trinken oder eine Weißwurst essen kann.

Ein Foto des Inklusionsaktivisten Raul Krauthausen

„Inklusion hat keine Checkliste, die man Punkt für Punkt abhakt und dann als geklärt betrachtet wie beim Brandschutz.“

Raúl Krauthausen, Inklusionsaktivist und Gründer der Sozialhelden


Eigentlich sollte das für alle ganz normal sein: ein Café oder ein Restaurant besuchen, sich frei durch die Stadt bewegen. Menschen mit Behinderung sollen die gleichen Möglichkeiten haben wie alle anderen. Das ist der Anspruch, der in dem Wort „Inklusion“ steckt. Schon 2009 trat Deutschland der UN-Behindertenrechtskonvention bei und erklärte somit Inklusion zum Menschenrecht. Wurden dadurch spürbare Verbesserungen erreicht?

Es gibt bisher zumindest keine Verschlechterungen. Die Frage klingt so, als wäre diese Konvention eine Checkliste, die man abarbeitet und dann ist das Thema abgehakt. Aber Inklusion kann man nicht Punkt für Punkt abhaken und dann als geklärt betrachten wie beim Brandschutz. Die Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention ist ein symbolischer Akt. Die Staaten sind verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen und zumindest keine Verschlechterungen zuzulassen. Aber selbst, wenn keine Maßnahmen zur Verbesserung der Inklusion erlassen werden – in Form von Aktionsplänen zum Beispiel –, dann gibt es allenfalls alle paar Jahre in einer Prüfung eine schlechte Note. Reale Konsequenzen hat das keine. Außerdem ist es ziemlich schwer, in der Konvention verbriefte Rechte einzuklagen.

In einigen Bereichen gibt es aber schon Fortschritte, zum Beispiel wenn wir uns das Thema „Bildung“ anschauen. Im Förderschwerpunkt „Lernen“ sank die Exklusionsquote in fast allen Bundesländern. Das heißt, ein immer kleinerer Anteil von Schüler*innen mit Behinderung wird an separaten Schulen, getrennt von nicht behinderten Kindern, unterrichtet.

Gleichzeitig werden immer mehr Förderschulplätze geschaffen. Mit dem Argument, dass man eigentlich Inklusion will, aber die Regelschulen so ausgelastet sind. Durch verbesserte Diagnostik werden immer mehr Schüler*innen als behindert eingestuft. Wer früher der Zappelphilipp war, hat heute ADHS. So lernen zwar statistisch gesehen mehr behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen – das, was man als Inklusionsquote bezeichnet –, aber in totalen Zahlen gehen auch immer mehr Kinder in Förderschulen.

Personen in einem Klassenzimmer.

Sonderschule ade: Wie Inklusion unser Miteinander bereichert


Welche Konsequenzen hat das?

Bildung ist Ländersache, da gibt es große regionale Unterschiede. Bremen und Berlin zum Beispiel nehmen Inklusion ernster als Bayern oder Rheinland-Pfalz, dort steigt der Anteil der Förderschüler*innen nämlich. In der Diskussion um Inklusion in der Bildung kriegt man oft das „Schutzargument“ zu hören: Kinder seien an Förderschulen besser versorgt und geschützt vor der Außenwelt, die immer noch nicht barrierefrei ist. Aber in Wirklichkeit schützen diese Länder die Regelschulen davor, Inklusion zu machen. Kinder an Förderschulen werden nicht besser gefördert, im Gegenteil, ihre Leistungen sind schlechter als die von behinderten Kindern an Regelschulen. Je länger Kinder in Förderschulen sind, desto größer wird ihr Abstand zur Mehrheitsgesellschaft. Das nennt man „Schonraumfalle“. Außerdem begünstigt die soziale Isolation an Förderschulen Mobbing und Gewalt.

Was müsste denn getan werden, um diese Schonraumfalle zu durchbrechen?

Wir schauen viel zu wenig auf die Ausstattung an Schulen. Ich schätze, dass 80 Prozent der Inklusionsherausforderungen durch bessere Ausstattung zu lösen wären. Also kleine Klassen für alle und mehr Pädagog*innen. Das wäre für alle Kinder gut, auch für solche ohne Behinderung. Und am Geld kann es nicht liegen, denn auch der Ausbau der Förderschulen kostet Geld. Auch volkswirtschaftlich wäre es sinnvoller, weil die Kinder dann bessere Bildungsabschlüsse hätten. Und noch einmal: Es geht hier um Rechte. Wenn Menschen nicht die gleichen Rechte genießen, nur weil sie behindert sind, dann kämpfe ich dagegen.

Eine Frau lacht und blickt zur Seite.

Fünf gute Gründe, jetzt Lehrer*in zu werden


Für diesen Kampf hast du 2013 das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Das haben sicherlich andere Menschen viel eher verdient als ich. Wenn wir über die rechtliche Lage behinderter Menschen in Deutschland reden, muss man auch ganz nüchtern sagen, dass sich seit 2013 nicht sehr viel getan hat. Es geht mir nicht darum, Preise zu gewinnen, sondern es müssen Gesetze geschaffen werden, die Behinderte effektiv gleichstellen. Wenn man sich andere Bereiche anschaut wie Umweltschutz oder Frauenrechte, sieht man, dass Verbesserungen dort nie freiwillig erreicht wurden.

Sondern erstritten. Wie kann man dich, wie kann man euch Sozialhelden, dabei unterstützen, die Lage behinderter Menschen zu verbessern?

Mit Öffentlichkeit, mit Spenden, mit Engagement für Inklusion. Wir brauchen jede Hand. Beim Engagement hilft es, genau hinzuhören, wer spricht und warum. Viel zu häufig reden nicht behinderte Menschen über solche mit Behinderung, um selbst in einem guten Licht dazustehen. Umgekehrt hören wir viel zu selten Behinderten zu, die selbst Expert*innen sind. Im gesamten Diskurs zu Inklusion in der Schule kommt kein behindertes Kind zu Wort, sondern immer nur Eltern, Lehrer*innen, Politiker*innen und Ärzt*innen. Das Gleiche beim Thema „Arbeit“, hier hören wir fast nur Werkstattleiter*innen, Personaler*innen, aber nur selten Kolleg*innen mit Behinderung – und wenn, dann nur zur Legitimierung. Wir müssen die richtigen Fragen stellen. Warum wird in Behindertenwerkstätten unter Mindestlohn gearbeitet? Wie viele Menschen mit Behinderung schaffen es aus den Werkstätten in den allgemeinen Arbeitsmarkt? Nämlich unter ein Prozent. Dabei ist der Auftrag der Werkstätten die Vermittlung Behinderter in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Wie viele Menschen mit Behinderung arbeiten eigentlich in Führungspositionen? Und warum sind es so wenige? Wir müssen im Diskurs weiterkommen.

Danke für das Gespräch.

Vielfalt ist unsere Stärke! Das Projekt „In Vielfalt besser lernen“ der Bertelsmann Stiftung macht sich stark für Inklusion in der Bildung. Zudem verleihen die Bertelsmann Stiftung, der Bundesbehindertenbeauftragte und die Deutsche UNESCO-Kommission gemeinsam den Jakob Muth-Preis an Schulen, die inklusive Bildung beispielhaft umsetzen.