Madagaskar: 9 spannende Fakten über die Insel der Lemuren
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- 12. Juni 2026
Lemuren, Vanille und Zyklone: Madagaskar ist die viertgrößte Insel der Welt und zugleich eine der ungewöhnlichsten. Zwischen tropischen Regenwäldern, spirituellen Traditionen und den Folgen des Klimawandels lebt ein Land voller Widersprüche. change hat recherchiert.
Wer an Madagaskar denkt, dem kommen vielleicht zuerst die bunten Zeichentrickfiguren aus den Animationsfilmen in den Sinn. Doch die Realität der Insel ist weitaus komplexer und mindestens genauso faszinierend. Madagaskar liegt etwa 420 Kilometer vor der Ostküste Mosambiks im Indischen Ozean. Mit seinen knapp 590.000 Quadratkilometern ist es ungefähr so groß wie Deutschland, Holland, Belgien, Österreich und die Schweiz zusammen. Die Insel bietet also viel Platz für Außergewöhnliches.
1. Madagaskar ist nicht Afrika – zumindest nicht ganz
Obwohl Madagaskar geografisch zu Afrika zählt, ist die Kultur des Landes von einem ganz anderen Kontinent geprägt. Die ersten Siedler:innen kamen vermutlich nicht aus dem nahen Ostafrika, sondern aus dem heutigen Indonesien und Malaysia. Das Ergebnis ist eine Bevölkerung mit afrikanischen und asiatischen Wurzeln, die sich heute aus 18 verschiedenen ethnischen Gruppen zusammensetzt. Wer nach Madagaskar reist, spürt diese Besonderheit überall: Die Sprache Malagasy ist verwandt mit einem Dialekt auf der indonesischen Insel Borneo, das Hauptnahrungsmittel ist Reis (wie in weiten Teilen Südostasiens), und der Ahnenkult erinnert ebenso an indonesische wie an afrikanische Traditionen.
2. Der achte Kontinent
Geologisch betrachtet ist Madagaskar eine echte Ausnahmeerscheinung. Vor über 90 Millionen Jahren brach die Insel vom afrikanischen Kontinent ab. Dies geschah zu einer Zeit, in der Dinosaurier die Erde bewohnten. Durch diese Isolation entwickelten sich einzigartige Tier- und Pflanzenarten, die es nirgendwo sonst auf der Erde gibt. Kein Wunder also, dass Madagaskar manchmal als „achter Kontinent“ bezeichnet wird. Die Zahlen sprechen für sich: Rund 80 Prozent der Tier- und Pflanzenarten auf der Insel sind endemisch. Das heißt, sie kommen ausschließlich auf Madagaskar vor. Viele davon wurden erst in den vergangenen Jahren entdeckt.
3. Heimat von über 100 Lemurenarten
Das bekannteste Symbol Madagaskars sind zweifellos die Lemuren. Diese Primaten leben in freier Wildbahn ausschließlich auf Madagaskar und seinen unmittelbaren Nachbarinseln. Heute sind mehr als 100 Lemurenarten bekannt, von der winzigen Mausmaki-Art bis hin zum Indri. Doch der Bestand dieser einzigartigen Tiere ist alarmierend gefährdet. Laut der Weltnaturschutzorganisation IUCN gelten heute über 90 Prozent der Lemurenarten als bedroht, was sie zur am meisten gefährdeten Primatengruppe der Erde macht. Hauptursachen dafür sind die Abholzung der Wälder und die illegale Jagd. Ursprünglich war fast die gesamte Insel bewaldet, heute sind es nur noch rund 20 Prozent.
4. Das Land der Vanilleschote
Wer Vanilleeis isst, Parfüm trägt oder Weihnachtsplätzchen backt, kommt dabei sehr wahrscheinlich mit einem Produkt aus Madagaskar in Berührung. Mit rund 80 Prozent Weltmarktanteil ist Madagaskar der größte Vanilleproduzent der Erde, vor allem die sogenannte SAVA-Region im Nordosten der Insel spielt dabei eine große Rolle. Wusstest du außerdem, dass Vanille nach Safran das zweitteuerste Gewürz der Welt ist?
Der Anbau ist mühsam: Da die natürlichen Bestäuber der Vanillepflanze, wie bestimmte Bienenarten und Kolibris, auf Madagaskar nicht vorkommen, müssen die Kleinbäuerinnen und -bauern jede einzelne Blüte per Hand bestäuben. Doch trotz des wertvollen Exportprodukts kommt der Reichtum oft kaum bei ihnen an, denn ein Großteil der Gewinne bleibt bei Zwischenhändler:innen.
5. Einer der ärmsten Staaten der Welt
Kaum etwas zeigt den Widerspruch Madagaskars deutlicher als dieser Kontrast: Die Insel mit ihrer spektakulären Natur und ihren wertvollen Exportgütern gehört gleichzeitig zu den ärmsten Ländern der Erde. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Jahrzehntelange politische Instabilität, Korruption und eine schwache Regierungsführung haben die wirtschaftliche Entwicklung immer wieder zurückgeworfen.
Als Madagaskar 1960 seine Unabhängigkeit von Frankreich erlangte, zählte der Inselstaat noch zu den Ländern mit mittlerem Einkommen. Doch nach einer sozialistischen Ausrichtung ab 1972 sowie mehreren Staatsstreichen und wirtschaftlichen Krisen steckt das Land heute tief in der Armut.
Madagaskar gehört außerdem zu den Ländern, die den globalen Klimawandel am härtesten spüren. UNICEF listet Madagaskar unter den zehn Ländern der Welt, in denen Kinder am verwundbarsten gegenüber dem Klimawandel sind. Die Temperatur steigt dort schneller als im globalen Vergleich: rund 0,35 Grad pro Jahrzehnt. Mehrjährige Dürren brachten das Land an den Rand einer Hungersnot. Im Norden wiederum zerstören immer häufiger auftretende und stärkere Zyklone Häuser, Schulen und Ernten.
6. Lebende Tote und tanzende Vorfahren
Madagaskar hat eine der faszinierendsten spirituellen Traditionen der Welt: die sogenannte Famadihana. Bei diesem Ritual werden die Gebeine der Vorfahren ausgegraben, in neue, kostbare Seidentücher gehüllt und mit Musik, Tanz und Festlichkeiten ein weiteres Mal beigesetzt. Die Zeremonie drückt aus, dass Verstorbene für die Lebenden nicht wirklich tot sind. Sie gelten als Mittler:innen zwischen der Welt der Menschen und dem Göttlichen.
Eng damit verbunden ist das Konzept der Fady. Das ist ein System aus Tabus und Verboten, welches auch das soziale Leben in Madagaskar bestimmt. Fady können sich auf Orte, Tiere, Nahrungsmittel oder Verhaltensweisen beziehen und variieren je nach Region, Familie und ethnischer Gruppe. Sie können auch zum Schutz der Natur beitragen. In einigen Regionen ist es etwa fady, bestimmte Tierarten zu jagen, da diese als Reinkarnationen von Ahn:innen gelten.
7. Piratenparadies im Indischen Ozean
Ein wenig bekanntes Kapitel der Inselgeschichte: Im 17. Jahrhundert war Madagaskar die wichtigste Pirateninsel im Indischen Ozean. Ideal gelegen, um große Handelsschiffe abzufangen, die reich beladen nach Europa unterwegs waren, bot die Insel Frischwasser, Holz zum Reparieren von Schiffen und unzählige Buchten als Versteck.
8. Sechs von acht Baobab-Arten
Der Baobab, auch Affenbrotbaum genannt, gilt als das ikonischste Bild Afrikas. Doch die meisten seiner Arten sind auf Madagaskar zu Hause: Von den acht weltweit bekannten Baobab-Arten kommen sechs ausschließlich auf der Insel vor. Besonders berühmt ist die Baobab-Allee nahe der Stadt Morondava an der Westküste, wo jahrhundertealte Bäume eine Schotterstraße säumen und vor allem in der Abenddämmerung magische Bilder erzeugen. Auch bei Chamäleons ist Madagaskar Weltrekordhalter: Von den weltweit 193 bekannten Chamäleon-Arten leben mehr als 40 Prozent ausschließlich auf der Insel. Dazu gehört auch das kleinste Chamäleon der Welt, das etwa die Größe eines Sonnenblumenkerns hat.
9. Ein Land im demokratischen Ausnahmezustand
Politisch steht Madagaskar vor enormen Herausforderungen. Seit der Unabhängigkeit hat das politische System mehrfach gewechselt, Staatsstreiche destabilisierten das Land immer wieder. Heute gilt die Demokratie als angeschlagen. Im September 2025 wurden Demonstrationen junger Menschen von der Regierung gewaltsam niedergeschlagen, dabei kamen mehr als 20 Demonstrant:innen ums Leben. Internationale Beobachtende und Menschenrechtsorganisationen zeigen sich besorgt über die politische Lage. Gleichzeitig ist Madagaskar ein Land mit vielen jungen Menschen. Rund 40 Prozent der Bevölkerung sind unter 15 Jahren.
Was ist eigentlich der BTI Transformationsindex? Der Bertelsmann Transformation Index (BTI) der Bertelsmann Stiftung analysiert regelmäßig, wie gut Demokratie und Marktwirtschaft in unterschiedlichen Ländern funktionieren – auch in Madagaskar. Jetzt nachlesen!




