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change Magazin – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

Homeoffice ist das Beste, was uns je passiert ist. Oder?

Das Foto zeigt eine Szene im Homeoffice: Eine Frau schaut fröhlich auf den Bildschirm ihres Laptops, während sie an einem Call teilnimmt. Im Hintergrund hängen Post-its und Zettel an einer Pinnwand. tirachard – stock.adobe.com

Homeoffice ist das Beste, was uns je passiert ist. Oder?

  • tirachard – stock.adobe.com
  • 14. Februar 2022

Ob Arbeitnehmer:innen, Student:innen oder gar Schüler:innen, viele von uns haben sich in den letzten beiden Jahren ans Homeoffice gewöhnt – oder gewöhnen müssen. Wie geht es uns mit der Arbeit von zu Hause eigentlich? change hat nachgeforscht, wie die Stimmungslage im heimischen Büroalltag ist.

Länger schlafen, weil der Weg ins Büro nur noch ein paar Sekunden dauert, in der Mittagspause einen Plausch in der Küche mit Mitbewohner:innen statt Kolleg:innen halten oder zwischendurch Wäsche zusammenlegen: Viele Arbeitnehmer:innen haben sich nach zwei Jahren Pandemie gut im Homeoffice eingerichtet. Doch sind alle gleichermaßen zufrieden?

Studie zeigt große Zufriedenheit – und eine Überraschung

Acht von zehn Befragten bewerten ihre Arbeit von zu Hause als positiv oder sogar sehr positiv. Das hat eine Studie der Bertelsmann Stiftung ergeben, die zusammen mit dem Marktforschungsinstitut Ipsos durchgeführt wurde. Auch Work-Life-Balance, Motivation, Wohlbefinden und Produktivität werden von Arbeitnehmer:innen, die von zu Hause arbeiten, generell besser bewertet als von Beschäftigten, die keine Möglichkeit zum Homeoffice haben. Doch wie steht es um den Kontakt mit anderen Kolleg:innen? Im Homeoffice entfällt das Gespräch an der Kaffeemaschine genauso wie das gemeinsame Feierabendbier oder die Feierabendlimo. Überaschenderweise gaben 71 Prozent der Befragten an, dass sich die Beziehung besonders zu Kolleg:innen, mit denen sie eng zusammenarbeiten, kaum verändert habe.
 


Bedeutet Homeoffice das Ende vom nervigen Pendeln?

Die meisten Menschen fühlen sich also mit der Situation im Homeoffice wohl. Der Zeitfaktor spielt dabei eine große Rolle, weil etwa das Pendeln zwischen Zuhause und Arbeitsplatz wegfällt. Das hat eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ergeben. Zum gleichen Ergebnis kam auch die Hans-Böckler-Stiftung. Rund die Hälfte der Befragten wünschte sich, dass auch nach der Pandemie die Möglichkeit zum Homeoffice zumindest teilweise erhalten bleibt. Das ergibt Sinn, wenn man sich vor Augen führt, dass vor der Pandemie sechs von zehn Arbeitnehmer:innen zur Arbeit gependelt sind. Das entsprach 19,3 Millionen Menschen im Jahr 2018. Durchschnittlich pendelten sie rund 17 Kilometer zum Job, in ländlichen Regionen wie etwa Teilen Mecklenburg-Vorpommerns oder Brandenburgs sogar im Schnitt 30 Kilometer.

Das Foto zeigt sechs Personen, die für ein Gruppenfoto posieren. Es handelt sich um Teilnehmer:innen des "Summer of Pioneers", ganz links außen steht Sarah Ackermann.

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Ganz so rosig ist die Homeoffice-Idylle aber doch nicht

Die schöne Fassade der deutschen Homeoffice-Landschaft wirft auch Schatten. Viele Beschäftigte fühlen sich im Homeoffice isoliert. Die Kommunikation mit Kolleg:innen, etwa der private Austausch, komme zu kurz. Als eher negativ wird außerdem wahrgenommen, dass Berufs- und Privatleben nicht mehr so klar zu trennen sind. Dazu kommt, dass die allgemeine Stimmung in der Arbeitswelt eh angespannt ist. Die Gründe dafür liegen laut der von der Bertelsmann Stiftung und Ipsos durchgeführten Befragung in privaten Konflikten, die sich auf die Arbeit auswirken, in Geldsorgen und allgemeiner Zukunftsangst begründet. Außerdem hat sich herauskristallisiert, dass besonders Frauen und junge Arbeitnehmer:innen im Homeoffice belastet sind.
 

Das Foto zeigt eine Person, die im Bett arbeitet, mit Blick von oben. Sie sitzt im Schneidersitz auf dem Bett und hat den Laptop auf ihren Beinen abgestellt. In der rechten Hand hält sie einen mit aufwendiger Schaumkunst gestalteten Kaffee, der beste Barista-Skills vermuten lässt. Was man an Wegzeit zur Arbeit spart, kann man zum Beispiel in Barista-Skills investieren.


Berufseinsteiger:innen fühlen sich im Homeoffice abgeschottet und alleingelassen

Von den jüngeren Arbeitnehmer:innen (unter 25) bewertet nur jede:r zweite die Situation im Homeoffice als positiv. Gerade beim Berufseinstieg fehlt dieser Gruppe die Orientierung. Viele gaben an, sich im Homeoffice abgeschottet und alleingelassen zu fühlen. Sie könnten sich bei Fragen zwar über Telefon oder Messenger an ihre älteren Kolleg:innen wenden, allerdings fänden sie sich trotzdem nicht gut zurecht, weil es niemanden gebe, den sie im Arbeitsumfeld beobachten könnten. Das ist gerade in schwierigeren Situationen wichtig, um zu lernen, wie man sich am besten verhält.

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Frauen sind im Homeoffice klar im Nachteil

Auch Frauen fühlen sich im Vergleich zu Männern im Homeoffice weniger wohl. Sie nehmen die Arbeit von zu Hause verstärkt als Doppelbelastung wahr. Und das, obwohl 20 Prozent der Männer angaben, dass sie seit Pandemiebeginn mehr Arbeit im Haushalt übernähmen. Allerdings bestätigten das nur sieben Prozent der befragten Frauen. Alte Rollenmuster bleiben auch im Homeoffice bestehen. Auch die Balance zwischen Arbeit und Privatleben nehmen viele Frauen als schlechter wahr. Nur fünf von zehn gaben an, dass sich die Work-Life-Balance durch die Pandemie nicht verändert habe, während bei den Männern sechs von zehn keine Veränderung wahrnahmen.

Keine Homeoffice-Pflicht: Freiwilligkeit und faire Regeln sind die Schlüssel zum Erfolg

Damit die Arbeit im Homeoffice gut klappt, muss es klare Regeln geben. Zuallererst sollte das Arbeiten von zu Hause freiwillig sein. Außerdem müssen die Rahmenbedingungen stimmen: Gibt es eine Betriebsvereinbarung, in der Dinge wie Erreichbarkeit, technische Ausstattung im Homeoffice oder die Arbeitszeiten geregelt sind? Das führe zu überwiegend positiven Erfahrungen, fand die Hans-Böckler-Stiftung heraus. Auch die Befragung der Bertelsmann Stiftung kommt zu dem Schluss, dass es klare Konzepte fürs Homeoffice geben sollte, die am besten gemeinsam mit den Beschäftigten erarbeitet werden. So könne unter anderem vermieden werden, dass sich eine Art „Anwesenheitsbonus“ für Mitarbeiter:innen vor Ort herausbildet.

Homeoffice is here to stay

Eine gute Nachricht für alle, die sich schon sehr komfortabel im Homeoffice eingerichtet haben: Das Arbeiten von zu Hause wird auch nach der Pandemie eine Rolle spielen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat zusammen mit dem Jobportal Indeed Stellenanzeigen durchforstet und eine Entdeckung gemacht: Jobausschreibungen mit Option auf Homeoffice sind auch dann nicht bedeutend zurückgegangen, als die Coronabeschränkungen beispielsweise wegen sinkender Infektionszahlen gelockert wurden. Es sieht also so aus, als würde der Trend zum Homeoffice erhalten bleiben, auch wenn die Pandemie (hoffentlich bald) zu Ende geht.

Wie sieht der Arbeitsmarkt der Zukunft aus? Welchen Einfluss hat die Coronapandemie auf unser Arbeitsleben und wie kann Unternehmenskultur für nachhaltigen Erfolg sorgen? Diesen Fragen geht die Bertelsmann Stiftung nach.