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Feminismus erklärt: Warum er auf Social Media so polarisiert

Eine Person hält bei einer Demonstration ein weißes Schild mit der Aufschrift „Fight Like A Girl" in den Händen, im Hintergrund steht eine weitere Person auf dem Gehweg.
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Rochelle Brown - unsplash.com

Ein Begriff, der polarisiert: Wofür steht Feminismus heute?

  • Rochelle Brown - unsplash.com
  • 27. Februar 2026

Im Grundgesetz ist die Gleichberechtigung verankert. Trotzdem erleben viele Menschen im Alltag etwas anderes. Feminismus ist keine kurzlebige Interneterscheinung, sondern eine seit Jahrhunderten bestehende Bewegung, die sich immer wieder neu erfindet. Vom Frauenwahlrecht über #MeToo bis zu aktuellen Diskussionen über Care-Arbeit, Männlichkeitsbilder und antifeministische Tendenzen: Worum geht es heute wirklich und warum ist der Gegenwind so stark?

Feminismus und Frauenbewegungen begleiten uns schon seit dem frühen 19. Jahrhundert. Im Laufe der Zeit konnten so Gesetze verändert, Rollenbilder verschoben und Debatten angestoßen werden, deren Nachwirkungen bis heute spürbar sind. Aber Feminismus ist kein einheitliches Projekt, sondern ein vielstimmiger Aushandlungsprozess zwischen verschiedenen Generationen, politischen Parteien und Lebensrealitäten. Obwohl die rechtliche Gleichstellung längst im Grundgesetz verankert ist, zeigen Daten  zu Einkommen, Gewalt oder politischer Repräsentation, dass strukturelle Unterschiede zwischen Frauen und Männern bestehen bleiben. Zudem lassen zunehmende antifeministische Bewegungen die Frage aufkommen: Hat der Feminismus ein Imageproblem? 

Was bedeutet Feminismus?

Kurz gesagt: Feminismus setzt sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein.

Etwas genauer: Er hinterfragt Machtstrukturen, Rollenbilder und gesellschaftliche Regeln, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligen – sei es im Job, in der Politik oder in Beziehungen. Dabei gibt es unterschiedliche Strömungen mit verschiedenen Schwerpunkten. Manche konzentrieren sich auf gleiche Chancen im Beruf oder bei der Care-Arbeit, queere Perspektiven oder andere soziale Ungleichheit. Was sie vereint, ist  die Idee, dass Gleichberechtigung nicht nur im Gesetz stehen, sondern im Alltag spürbar sein muss. 


Vom Wahlrecht bis #MeToo: Wie sich der Feminismus verändert hat

Der Begriff „Feminismus“ ist älter, als viele denken. Er taucht im 19. Jahrhundert in Frankreich auf, zunächst sogar in einem medizinischen Zusammenhang. Erst später wurde daraus ein politischer Begriff. Aktivistinnen eigneten ihn sich an und machten ihn zu einer Selbstbeschreibung für ihren Einsatz für Gleichberechtigung. Seitdem hat sich seine Bedeutung immer wieder verändert.

Mal ging es vor allem um das Frauenwahlrecht und Zugang zu Bildung. Später um gleiche Bezahlung, Selbstbestimmung über den eigenen Körper und neue Rollenbilder. In den 1980er- und 90er-Jahren kritisierten schwarze Feministinnen, dass ihre Perspektiven in der mehrheitlich weißen Bewegung zu wenig vorkamen. Queerfeministische Ansätze stellten infrage, ob das Geschlecht überhaupt so eindeutig ist, wie viele lange glaubten. In den 2010er-Jahren verlagert sich schließlich ein Teil der Debatte ins Netz: Mit Hashtags wie #MeToo erzählen Millionen Frauen öffentlich von sexueller Belästigung und machen sichtbar, was zuvor oft als „Einzelfall“ abgetan wurde.

Feminismus war nie statisch. Er war immer eine Reaktion auf das, was Menschen zu ihrer Zeit als ungerecht erlebt haben.

Worum geht es im Feminismus heute?

Rechtlich sind Frauen und Männer in Deutschland gleichgestellt. Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland regelt in Artikel drei “Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt”. In der Realität sieht das aber oft noch anders aus. Der Gender Pay Gap zeigt beispielsweise, dass Frauen im Jahr 2025 in Deutschland pro Stunde durchschnittlich 16% weniger verdient haben als Männer. Außerdem: Fast jeden Tag gibt es einen Femizid in Deutschland, also „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“. Das zeigt: Gleichberechtigung endet nicht beim Gesetzestext. Genau hier setzen viele aktuelle feministische Debatten heute an: Sie fragen, wo strukturelle Ungleichheiten im Alltag weiterbestehen.
 

Eine Frau arbeitet in einer Lagerhalle

So kann der Arbeitsmarkt für Frauen gerechter werden


Arbeit, Geld und Care

Ein zentrales Thema bleibt die ökonomische Ungleichheit. Frauen verdienen im Durchschnitt weniger als Männer (Stichwort: Gender Pay Gap). Sie arbeiten häufiger in Teilzeit, übernehmen mehr unbezahlte Sorgearbeit – also Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen oder Haushaltsarbeit. Diese sogenannte Care-Arbeit ist gesellschaftlich unverzichtbar, wird aber finanziell und strukturell oft kaum anerkannt. Feministische Positionen fordern hier nicht nur gleichen Lohn für gleiche Arbeit, sondern auch eine gerechtere Verteilung von Sorgearbeit und bessere politische Rahmenbedingungen, etwa durch Elternzeitmodelle oder Reformen im Steuersystem.
 

Eine Frau und ein Mann stehen gemeinsam am Herd

change feiert ... Equal Care Day!


Körper und Selbstbestimmung

Die Frage, wer über den eigenen Körper entscheidet, ist weiterhin zentral. Debatten um Schwangerschaftsabbrüche oder medizinische Versorgung zeigen, dass Selbstbestimmung kein abgeschlossenes Kapitel ist. Gleichzeitig geht es um Schönheitsnormen, Body Positivity, Essstörungen oder den Druck sozialer Medien. Nach wie vor scheinen Frauen größeren Druck ausgesetzt zu sein. Die Geschlechterverteilung unter den Patient:innen von Schönheitsoperationen in Deutschland zeigt: Über 80% sind weiblich, nur knapp 11% männlich.

Gewalt – auch im digitalen Raum

Sexualisierte sowie häusliche Gewalt und Belästigung sind weiterhin für viele Frauen Realität. Bewegungen wie #MeToo haben gezeigt, wie verbreitet solche Erfahrungen sind und wie lange sie unsichtbar bleiben können. Die #MeToo-Bewegung ist vor allem im Netz groß geworden. Unter dem Hashtag #MeToo, in Deutschland auch #aufschrei, teilen Menschen ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Gewalt.

Den Satz „Me too“ prägte schon 2006 die US-Aktivistin Tarana Burke, um Betroffene sexualisierter Gewalt zu unterstützen. Weltweit bekannt wurde der Hashtag 2017, nachdem Vorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein öffentlich wurden. Millionen Menschen posteten daraufhin ihre eigenen Erlebnisse mit sexuellen Übergriffen. Für viele wurde in diesem Moment sichtbar, wie verbreitet Alltagssexismus und sexualisierte Gewalt tatsächlich sind. Auch dort, wo lange geschwiegen wurde. Heute geht es nicht nur um strafrechtliche Fragen, sondern auch um Machtstrukturen. 

Intersektionalität: Mehr als nur Geschlecht

Ein wichtiger Begriff in aktuellen Debatten ist Intersektionalität. Er beschreibt, dass Diskriminierung nicht nur entlang einer Kategorie verläuft. Eine weiße Frau erlebt die Welt anders als eine schwarze Frau, eine Frau mit Behinderung oder eine queere Migrantin.

Moderne feministische Strömungen versuchen deshalb, verschiedene Ungleichheiten zu berücksichtigen – Geschlecht, Herkunft, Klasse, sexuelle Orientierung oder Behinderung.

Queerfeminismus und neue Männlichkeitsdebatten

Heute wird Feminismus auch breiter gedacht: nicht nur als „Frauenthema“, sondern als Frage von Geschlechterrollen insgesamt. Queerfeministische Ansätze hinterfragen, warum wir überhaupt so stark in „weiblich“ und „männlich“ denken.

Parallel dazu entstehen Diskussionen über Männlichkeitsbilder. Feminismus wird oft als „Frauenthema“ verstanden. Dabei betrifft das patriarchale System auch Jungen und Männer. Von klein auf lernen viele: “Sei stark. Zeig keine Schwäche. Weine nicht. Frag nicht nach Hilfe. Gefühle zu zeigen gilt schnell als „unmännlich“. Das Problem ist nicht, dass Männer keine Emotionen hätten, sondern dass sie gelernt haben, sie zu unterdrücken.
 


Feminismus ist kein Männerhass

Wut über Ungleichheit ist nachvollziehbar und oft auch berechtigt. Frauen erleben Diskriminierung, Gewalt und strukturelle Benachteiligung. Doch wenn aus dieser Wut pauschale Ablehnung von Männern wird, führt das in eine Sackgasse. Wer beginnt, Männer nur noch als Gegner zu sehen, reproduziert genau die Logik von Feindbildern, die Feminismus eigentlich überwinden will. Gleichberechtigung entsteht nicht dadurch, dass sich Fronten verhärten, sondern indem Machtstrukturen kritisch hinterfragt werden.

Studien zeigen zudem: Wer sich angegriffen oder bedroht fühlt, ist anfälliger für extreme Ideologien. Wenn Männer den Eindruck gewinnen, pauschal verurteilt zu werden, verstärkt das Abwehrhaltungen und treibt manche sogar in antifeministische Bewegungen. Das hilft niemandem. Feminismus, der Gleichberechtigung erreichen will, richtet sich nicht gegen Männer, sondern gegen ungerechte Strukturen. Er braucht klare Worte, aber auch konstruktive Strategien. Denn echte Veränderung gelingt nicht durch neue Feindbilder, sondern durch Dialog, Verantwortungsübernahme und gemeinsame Lösungen.

Hat Feminismus ein Imageproblem?

Die meisten Menschen in Deutschland finden Gleichberechtigung richtig, aber nur wenige nennen sich selbst Feminist:in. Laut einer YouGov-Umfrage sehen 61%der Befragten keine echte Gleichstellung zwischen Frauen und Männern, unter Frauen sind es sogar 73%. Gleichzeitig würden sich nur 15%als „feministisch“ bezeichnen. Interessant: Wird Feminismus schlicht als Einsatz für gleiche Rechte und gleichen Status definiert, steigt die Zustimmung deutlich. Das deutet auf ein Imageproblem hin. Viele unterstützen die Inhalte, aber schrecken vor dem Label zurück. Der Begriff wirkt für manche ideologisch, radikal oder missverständlich, obwohl seine Kernforderung breite Zustimmung findet. Feminismus scheint also weniger ein Akzeptanz- als ein Kommunikationsproblem zu haben.

Feminismus ist kein Label, das man sich einmal anheftet – oder auch nicht. Es ist kein starres Image, sondern etwas, das wir jeden Tag mitgestalten. Du bist Feministin, wenn du im Freundeskreis einen sexistischen Spruch nicht stehen lässt. Wenn du im Job gleiche Chancen einforderst. Wenn du online Haltung zeigst, statt wegzuscrollen. Vielleicht geht es also gar nicht zuerst um die Frage: „Bin ich Feminist:in?” sondern um etwas viel Einfacheres: „Ist mir Fairness wichtig, und handle ich danach?”

Wie wollen wir als Gesellschaft zusammenleben? Welche Werte tragen uns, welche Konflikte müssen wir aushalten? Mit genau diesen Themen beschäftigen sich auch die Expert:innen der Bertelsmann Stiftung im Projekt „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“. Dort geht es um aktuelle Entwicklungen, Spannungen und Chancen in unserer Demokratie. Jetzt mehr erfahren“