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Das Buurtzorg-Modell: Pflege ohne Hierarchie

Krankenpflege-Konzept Buurtzorg luke jones - unsplash.com/license

Die New-Work-Innovation in der Pflege: Buurtzorg

  • luke jones - unsplash.com/license
  • 09. Oktober 2020

Wie sollen Menschen mit Demenz sich die Gesichter von zehn Pfleger:innen merken? Welche Leistungen passen noch ins Pflegebudget, und wo bleibt bei dem Papierkram noch Zeit für die Patient:innen? Das Buurtzorg-Modell setzt auf unbürokratische Pflege und revolutioniert damit die Branche.

In der Theorie gibt es New Work schon seit den 1980er-Jahren. Der Begriff beschreibt ein Idealbild der Arbeit: selbstbestimmt und sinnstiftend. Wir haben für euch recherchiert, wie das Pflegeunternehmen Buurtzorg aus den Niederlanden dieses Arbeitsmodell in die Praxis umsetzt, mittlerweile auch in Deutschland

Was ist New Work?

Bei der Arbeit der Zukunft geht es um mehr als nur Homeoffice. Um New Work in die Wirklichkeit zu holen, braucht es viel Vertrauen, Kommunikation und vor allem Verantwortungsbewusstsein der Mitarbeiter:innen. Es braucht den Mut, alte Strukturen aufzubrechen und vieles anders zu machen. Gibt es das alles zusammen überhaupt?

Nachbarschaft kann mehr als Zaunkriege

Das wohl bekannteste Beispiel für eine Organisation, die sich an New Work orientiert, schuf Jos de Blok, als er 2007 das Sozialunternehmen „Buurtzorg“ (ausgesprochen etwa „Bütsorch“, auf Deutsch: „Nachbarschaftspflege“) gründete. Buurtzorg ist nicht einfach nur ein weiteres Pflegeunternehmen am Markt, es ist eine soziale Innovation. Es ist die Antwort auf die Frage, wie man Pflege in einer stark alternden Gesellschaft effektiv und menschlich organisieren kann. Daher auch der Leitsatz der Organisation: „Menschlichkeit vor Bürokratie“. Davon sind klassische Pflegebetriebe oft leider weit entfernt. Der Fachkräftemangel ist dabei nicht das einzige Problem, hinzu kommt zum Beispiel, wie die wenigen Mitarbeiter:innen organisiert sind.
 

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Reibungsverluste: die Bremsscheiben der Pflegebranche

Was passiert nämlich, wenn man eine Aufgabe an eine:n Kolleg:in abgibt, anstatt sie selbst zu erledigen? Es entstehen Reibungsverluste – so nennt es die Wirtschaftswissenschaft. Man muss jemandem erklären, was zu tun und worauf zu achten ist. Das kostet Zeit – und oft wird es auch noch missverstanden.

Klassische Pflege arbeitet bürokratisch

Klassische Pflegeunternehmen sind insoweit menschlich, als dass Patient:innen mit sehr vielen Menschen Kontakt haben. Unterschiedliche Pflegeleistungen werden meistens auch von unterschiedlichen Personen und Dienstleister:innen erbracht. Das Protokollieren der Leistungen und Nachfragen beim Team verschlingt Zeit, die bei den Patient:innen fehlt. Für diese bedeutet das auch zusätzlichen Stress: Man stelle sich vor, man müsste mit Demenz leben und dann täglich mehrere Fremde an sich ranlassen. Unzumutbar, eigentlich.
 


Wie funktioniert das Buurtzorg-Modell?

Ideal wäre es, wenn Patient:innen mit jeweils einer einzigen Pflegekraft auskommen würden. Das ist das Ziel von Buurtzorg. Um das zu schaffen, bedarf es einer neuen Organisation der Teams. Das Buurtzorg-Modell sieht kleine Teams mit vier bis zwölf Mitarbeiter:innen vor, viel kleinere Einheiten als in klassischen Pflegeunternehmen. Sie wohnen alle in derselben Nachbarschaft und kümmern sich, wenn man so will, um ihre pflegebedürftigen „Nachbar:innen“. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man kennt sich untereinander und kann außerdem auf die Arztpraxis und Apotheke des Vertrauens sowie das soziale Umfeld der Patient:innen zugreifen.

Pragmatisch, praktisch, gut gepflegt

Bei Buurtzorg darf nämlich auch die Familie und der Freundeskreis mit anpacken. Den Betreuer:innen steht dabei frei, wie sie die Pflegeleistungen organisieren. Sie können sie zum Beispiel selbst erledigen oder ihre:n Ehepartner:in anlernen oder alle anderen, die helfen möchten. Diese Freiheit entsteht dadurch, dass die Pfleger:innen bei Buurtzorg nicht nach einzelnen Leistungen abrechnen, sondern nach Stunden.

Verantwortung und Autonomie stehen im Mittelpunkt

Durch das Einbeziehen des sozialen Netzes versucht Buurtzorg die Patient:innen Stück für Stück unabhängiger von der formellen Pflege zu machen. Die bekannten Gesichter machen die Pflege persönlicher, und die gemeinschaftlich erbrachten Leistungen setzen mehr Kapazitäten frei. Die Mitarbeiter:innen erfahren, wenn sie frei zwischen Pflegetätigkeit und Organisation wechseln, Selbstwirksamkeit auf einer neuen Ebene. Buurtzorg gibt ihnen aber auch Aufgaben, die ihnen früher abgenommen wurden. Sie müssen zum Beispiel selbstständig Pflegepläne für Angehörige entwerfen und Anträge bei Kostenträger:innen stellen.
 

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Warum macht das nicht jedes Unternehmen so?

Buurtzorg wird oft als Vorzeige-Organisation genannt, wenn man von New Work spricht: ein von Grund auf überdachtes und erfolgreiches Unternehmen. Warum machen es dann nicht alle so? Buurtzorg musste nichts niederreißen. Das Unternehmen wurde neu gegründet und von Beginn an anders aufgebaut. Bei bestehenden Firmen ist das deutlich schwieriger, denn Organisationen sind träge und zielen mit ihren Prozessen oft auf Selbsterhaltung. Die Personalstruktur beispielsweise zu ändern, heißt oft, dass am Ende Personal abgebaut wird. Das wissen auch die Angestellten und stehen solchen Veränderungen – verständlicherweise – ablehnend gegenüber.

Der Mut, Verantwortung abzugeben

Das andere große Problem ist wohl der Mangel an Vertrauen: „Mit meinen Leuten geht das nicht!“, so denken viele über ihre Kolleg:innen. Selbstorganisation und Verantwortung muss sich dabei erst entwickeln. Das geht nur, wenn der Raum dafür besteht und die Mitarbeiter:innen sich ausprobieren können.

Wie sieht die Pflege der Zukunft aus? Das Projekt „Zukunft Pflege“ der Bertelsmann Stiftung setzt sich dafür ein, die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern. Nicht nur dort spielt New Work eine immer größere Rolle. Das Projekt „Zukunft der Arbeit“ befasst sich branchenübergreifend mit dem Aspekt von New Work.