Teilen:

change Magazin – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

Sieben Fakten, die du noch nicht über Moldawien wusstest

Ein großes Mehrparteienhaus in Moldavien. Sasha Pleshco - unsplash.com/license

Sieben Dinge, die du noch nicht über Moldawien wusstest

  • Sasha Pleshco - unsplash.com/license
  • 24. Juni 2021

Schon gewusst? Das kleine Land heißt eigentlich Republik Moldau. Umgangssprachlich wird auch von Moldawien gesprochen. Eingebettet zwischen Rumänien und der Ukraine, gilt es als unbeliebtestes Reiseland Europas – gerade mal 17.500 Menschen bereisten die Republik im Jahr 2017. Und es gibt noch mehr Dinge, die du vielleicht nicht über Moldawien weißt. change lädt zu einer Entdeckungsreise ein.

1. Unter Moldawien liegt der weltweit größte Weinkeller

Das jährlich im Oktober stattfindende Weinfest ist in Moldawien ein Feiertag. Zurecht, denn Moldawien könnte auch in Republik des Weines umgetauft werden: Im Land gibt es über 1.000 verschiedene Weinsorten und den größten Weinkeller der Welt. Er erstreckt sich über eine Länge von 250 Kilometern, auf 55 Kilometern davon werden ganze 1,5 Millionen Flaschen Wein gelagert. Man kann sogar mit dem Auto hindurchfahren.
 


2. Bittere Armut und der Kampf ums Überleben

Die Republik Moldau ist das ärmste Land Europas. Etwa ein Drittel der Menschen dort lebt unterhalb der Armutsgrenze, für viele ist es ein Kampf ums nackte Überleben. Wegen der schwierigen Wirtschaftslage arbeiten viele Moldawier:innen im Ausland, entweder in Russland oder in europäischen Ländern. Die Kinder dieser Arbeitsmigrant:innen wachsen deshalb ohne ihre Eltern auf, sie leben bei Verwandten oder sind ganz auf sich allein gestellt. Außerdem fehlen Arbeitskräfte im Land selbst, die es wirtschaftlich wieder auf die Beine bringen könnten. Hinzu kommt, dass Moldawien immer wieder von politischen Korruptionsskandalen erschüttert wird, sodass die Bevölkerung wenig Vertrauen in die Regierung hat.
 

Eine Straße in Tiraspol in Moldawien. Hommage an den Sozialismus: Auf der transnistrischen Flagge haben Hammer und Sichel noch immer einen Platz – ebenso wie Leninstatuen im Stadtbild.


3. Der Fake-Staat Transnistrien

Ungültige Pässe, falsches Geld und eine Grenze, die nur so tut als ob: Willkommen in Transnistrien! Der abtrünnige Möchtegern-Staat zwischen der Republik Moldau und der Ukraine ist eigentlich Teil Moldawiens. Anerkannt wird Transnistrien nur von Südossetien und Abchasien, zwei Staaten, die ebenfalls keine internationale Anerkennung genießen. Trotzdem gibt es zwischen Moldawien und dem 200 Kilometer langen Transnistrien eine Grenze mit Kontrollen und Militär. Das Land, das sich selbst Pridnestrowische Moldauische Republik (kurz Pridnestrowien oder PMR) nennt, hat ein eigenes Parlament, einen Präsidenten, ein Amt, das Pässe für die 555.000 Einwohner:innen ausstellt, und eine eigene Währung, den transnistrischen Rubel. Das Problem: Außerhalb Transnistriens kommt man weder mit den Pässen noch mit dem Geld weit.
 


Nach dem Ende der Sowjetunion wurde die in Moldawien lebende russische Minderheit von der moldawisch-rumänischen Mehrheitsbevölkerung teilweise diskriminiert. Außerdem gab es Bestrebungen, sich an Russland anzuschließen. Aus diesen Strömungen bildete sich auf dem Gebiet des heutigen Transnistriens eine Unabhängigkeitsbewegung. Nach mehreren kriegerischen Zusammenstößen erklärte Transnistrien seine Unabhängigkeit und hält bis heute daran fest. Von Moldawien wird der Vorwurf erhoben, dass Russland den Konflikt massiv unterstützt habe und bis heute unterhält.

4. Stefan der Große, das Fürstentum Moldau und das Osmanische Reich

Im Mittelalter wurde das Gebiet, das wir heute Republik Moldau oder Moldawien nennen, abwechselnd aus den umliegenden Ländern wie dem heutigen Bulgarien und Ungarn erobert und besiedelt. Das Fürstentum Moldau wurde im 14. Jahrhundert von Fürst Bogdan gegründet, damals hieß es Bogdania und war ein ungarischer Vasallenstaat. Mitte des 15. Jahrhunderts erlebten das Fürstentum Moldau und das angrenzende Rumänien unter Stefan dem Großen als Herrscher einen kulturellen Höhepunkt. Stefan der Große wird deswegen bis heute in Moldawien und Rumänien als Held und „größter Rumäne aller Zeiten“ gefeiert. Jedoch verlor ausgerechnet er Moldawiens Zugang zum Schwarzen Meer an das Osmanische Reich. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde auch der Rest des Fürstentums erobert.
 

Eine Frau hält zwei Frühlingsblüten.

Sieben gute Dinge, die im Frühling 2021 passiert sind


5. Moldawien und Rumänien: Vereint oder nicht?

In Forschung und Politik wird immer noch gestritten, ob die Moldawier:innen überhaupt ein eigenes Volk sind oder Teil der rumänischen Ethnie. Oft trifft man auf das Wort „Bessarabien“, eine historische Landschaft, die ziemlich genau dem heutigen Staatsgebiet von Moldawien entspricht. Dort wohnten mehrheitlich Rumän:innen, zwischen 1812 und 1917 gehörte Bessarabien zum russischen Kaiserreich. Zwischen den zwei Weltkriegen war es eine Provinz Rumäniens. Im geheimen Hitler-Stalin-Pakt von 1940 wurde Bessarabien dann der Sowjetunion zugeschlagen. In dieser Zeit wurden die eigentlich starken Verbindungen zwischen Moldawien und Rumänien verdrängt. Dabei sind mehr als 60 Prozent der Bevölkerung Moldawiens aus ethnische Rumän:innen, außerdem ist Rumänisch die Landessprache. In der UdSSR wurde Rumänisch kurzerhand in Moldawisch umgetauft, obwohl es sprachlich kaum Unterschiede zwischen den beiden Ländern gab und gibt. Mit dem Ende der Sowjetunion wurde aus Moldawien die unabhängige Republik Moldau. Bei einem Referendum über die Wiedervereinigung der Republik mit Rumänien im Jahr 1994 stimmten 90 Prozent der Moldawier:innen dagegen.
 

Bunte Graffiti schmücken einen Basketballplatzin Tallinn.

Sieben Dinge, die du noch nicht über Estland wusstest


6. Gaga was? Gagausien mit Betonung auf „u“

Anders als die Transnistrier:innen hat eine andere ethnische Minderheit in Moldawien die Autonomie unblutig und rechtsgültig erlangt: die Gagaus:innen. Gagausien liegt im Süden Moldawiens an der Grenze zur Ukraine. Die dort lebenden Menschen sind vor Hunderten von Jahren aus den Gebieten der heutigen Türkei über den Balkan nach Moldawien gezogen. Bis heute haben sie ihre kulturellen Traditionen und sogar ihre eigene Sprache, die dem Türkischen ähnelt, erhalten. Die Autonomie Gagausiens wurde 1994 in der moldawischen Verfassung verankert, seitdem wird die Region von einer eigenen Regierung selbstverwaltet.

7. Das Problem mit der Rechtsstaatlichkeit – und ein Aktionsplan

Warum ist es für die Republik Moldau so schwierig, über Korruption hinwegzukommen und Rechtsstaatlichkeit zu erreichen? Dieser Frage haben sich Iulian Rusu und John Lough in einer von der Bertelsmann Stiftung geförderten Studie gewidmet. Dabei ist herausgekommen, dass die bislang in Moldawien unternommenen Reformen noch nicht einmal einen kleinen Erfolgszyklus haben schaffen können, der die Moldawier:innen die Chance auf faire Justiz erkennen und echte Gerechtigkeit erhoffen ließe. Es ist daher wenig überraschend, dass so wenige ihren Institutionen vertrauen. Neue Hoffnung macht ein vierjähriger Aktionsplan: Der Europarat, dem 47 europäische Länder angehören – darunter 27 EU-Staaten –, unterstützt die Republik Moldau für mehr Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Zwischen 2021 und 2024 sollen Gesetzgebung, Institutionen und Praktiken an europäische Normen angeglichen werden.

Hallo Nachbar:in! Was bei unseren europäischen Nachbar:innen passiert, betrifft oft auch uns. Das Projekt „Strategien für die EU-Nachbarschaft“ der Bertelsmann Stiftung entwickelt Lösungsvorschläge für Krisen und Konflikte und will dazu beitragen, Wohlstand, Stabilität und Sicherheit in ganz Europa zu stärken.