Neun Gründe, warum Nordmazedonien mehr ist als ein unbekannter Balkan-Staat
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Kristijan Arsov - unsplash.com
- 23. Januar 2026
Ein uralter See, ein jahrzehntelanger Namensstreit, mehrere Amtssprachen und engagierte Frauen, die für die Zukunft kämpfen: Nordmazedonien ist ein Land voller Gegensätze und Geschichten, die kaum jemand kennt. Jetzt auf change mehr über das Land erfahren!
Nordmazedonien ist ein Binnenstaat in Südosteuropa und nur wenig bekannt. Dabei kann das kleine Land mit rund 1,7 Millionen Einwohner:innen auf der Balkanhalbinsel viele Geschichten von beeindruckenden Landschaften, kultureller Vielfalt und gesellschaftlichem Aufbruch erzählen. Zwischen mittelalterlichen Kirchen, osmanischen Basaren und modernen Bürgerinitiativen haben wir die neun spannendsten Fakten für dich gesammelt.
1. Ein See, der älter ist als viele Zivilisationen
Der Ohridsee gilt als der älteste See Europas. Über 1,4 Millionen Jahre alt und tief genug, dass du fast 300 Meter nach unten tauchen müsstest, um den Grund zu erreichen. Das Besondere: Es gibt dort über 200 Tierarten, die sonst nirgendwo auf der Welt vorkommen. Am Ufer des Sees liegt die kleine Stadt Ohrid, in der mittelalterliche Kirchen und viele kleine Gassen aufeinandertreffen. Grund genug, dass die Ohrid-Region als Natur- und Kulturerbe auf der Liste des UNESCO-Welterbe steht.
2. Zwischen Marmorstatuen und Plattenbau
Skopje ist eine Stadt, die sich jeder klaren Definition entzieht. Wer durch das Zentrum läuft, steht plötzlich vor überlebensgroßen Marmorstatuen, Säulen und Springbrunnen. Sie gehören zum umstrittenen Projekt „Skopje 2014“, mit dem die damalige Regierung ein neues, stolzes Selbstbild erschaffen wollte – inspiriert von antiken Imperien. Doch das ist nur ein Teil der Stadt. Wenige Gehminuten entfernt liegt der Old Bazaar, eines der ältesten Basarvierteln des Balkans. Hier riecht es nach frischem Börek, die Gassen sind eng, und zwischen kleinen Läden und Moscheen begegnet man einer anderen Seite Skopjes: historisch, lebendig, multikulturell. I Im Kontrast dazu stehen die grauen Plattenbauten aus der Zeit Jugoslawiens, die das Stadtbild bis heute prägen.
3. Ein Staat, zwei Sprachen
In Nordmazedonien leben viele Menschen mit albanischen Wurzeln. Rund ein Viertel der Bevölkerung spricht Albanisch. Seit 2018 ist albanisch offiziell als zweite Amtssprache anerkannt. Das bedeutet: In vielen Regionen wird es nicht nur im Alltag gesprochen, sondern auch in Behörden, Schulen und auf öffentlichen Schildern verwendet. Für viele war das ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung.
4. Streitpunkt Alexander der Große: Wem gehört die Geschichte?
Alexander der Große gilt in Griechenland als Nationalheld, denn das antike Königreich Makedonien, aus dem er stammte, lag größtenteils im heutigen Nordgriechenland. Als sich das Nachbarland 1991 nach der Unabhängigkeit von Jugoslawien „Republik Mazedonien“ nannte, fühlten sich viele Griech:innen provoziert. Der Name klang für sie so, als wolle sich das Land ein Stück griechischer Geschichte aneignen oder sogar Gebietsansprüche stellen.
Besonders emotional wurde es, als in Skopje eine riesige Reiterstatue errichtet wurde, die Alexander sehr ähnlich sieht. Viele empfanden das als politische Provokation. Erst mit der offiziellen Umbenennung in „Republik Nordmazedonien“ im Jahr 2019 konnte der Streit beigelegt werden. Die Statue steht noch immer, offiziell unter einem anderen Namen.
5. WLAN für alle – und das schon 2005
Schon 2005 war Nordmazedonien eines der ersten Länder weltweit, das flächendeckend WLAN in Schulen und öffentlichen Gebäuden anbot. Unterstützt von internationalen Partner:innen wurde das kleine Land zum digitalen Vorreiter. Gerade ländliche Regionen profitierten davon. Für viele Kinder und Jugendliche war es der erste Zugang zur digitalen Welt.
6. Eine Sternwarte aus der Bronzezeit
In den Bergen bei Kokino entdeckten Archäolog:innen eine steinerne Anlage, die über 3.800 Jahre alt ist. Die Steine dort sind so angeordnet, dass man daran den Verlauf der Sonne sowie Mondphasen beobachten konnte. Die NASA zählt die Sternwarte zu den ältesten der Welt. Zwischen Himmel und Erde liegt hier ein Ort, an dem Menschen schon vor Jahrtausenden den Kosmos erkundeten. Durch das Beobachten des Stands von Sonne, Mond und Sternen, ermittelte man außerdem das perfekte Timing für die Landwirtschaft.
7. Die Stadt der 365 Kirchen
Die Kleinstadt Ohrid wird auch „Jerusalem des Balkans“ genannt. Früher gab es hier angeblich eine Kirche für jeden Tag im Jahr. Viele davon stehen noch heute und machen den Ort zu einem Zentrum der mazedonisch-orthodoxen Kultur. Gleichzeitig gibt es in Nordmazedonien auch viele Moscheen. Etwa ein Drittel der Bevölkerung ist muslimischen Glaubens. Das friedliche Nebeneinanderleben der Religionen ist nicht selbstverständlich, aber ein wichtiges Zeichen für gelebte Vielfalt.
8. Kein Krieg, aber viele Krisen
Im Gegensatz zu anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens hat sich Nordmazedonien friedlich unabhängig gemacht. Trotzdem war der Weg etwas holprig: Es gab ethnische Spannungen, Korruption, einen fast vergessenen Bürgerkrieg 2001 und einen jahrzehntelangen Streit mit Griechenland über den Staatsnamen. Doch das Land hat sich immer wieder zusammengerauft, auch dank internationaler Vermittlungen und starker zivilgesellschaftlicher Akteur:innen. Heute ist Nordmazedonien Mitglied der NATO und seit 2005 Bewerberland für die Europäische Union (EU). Um alle Voraussetzungen für einen Beitritt in die EU zu erfüllen, vergehen aber wohl noch einige weitere Jahre.
9. Armut trifft auf Aufbruch
Nordmazedonien zählt zu den ärmsten Ländern Europas. Die Jugendarbeitslosigkeit ist mit knapp 40 Prozent sehr hoch, viele junge Menschen wandern deshalb aus. Gleichzeitig wächst im Land eine starke zivilgesellschaftliche Bewegung, die genau dort ansetzt, wo staatliche Strukturen oft nicht ausreichen. Gemeinsam mit UNICEF arbeitet die Weltgesundheitsorganisation in Nordmazedonien daran, die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu stärken. In mehreren Städten werden weibliche Führungskräfte aus Kommunen geschult, die Eltern, Schulen und lokale Netzwerke zusammenbringen, über psychische Belastungen aufklären und Stigmatisierung abbauen.
Nordmazedonien mag wirtschaftlich eher schwach sein, aber in Sachen Verantwortung, Solidarität und Engagement ist es auf einem guten Weg.
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