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Der Algorithmus hinter Tinder und Co.: It's a match!

Zwei Personen mit Denim-Klamotten halten Händchen. Justin Groep – unsplash.com/license

Die Algorithmen der Dating-Apps: Wer matcht wen – und warum?

  • Justin Groep – unsplash.com/license
  • 24. April 2020

Online-Dating über Apps ist heute ein selbstverständlicher Teil unseres Liebeslebens. Doch wie sehen die Algorithmen hinter deinen Matches auf Tinder, Bumble oder OkCupid aus? Und wie verändert sich unsere Dating-Kultur, wenn Algorithmen uns vorschlagen, wen wir daten sollen?

Stichwort Selbstrepräsentation: Bei manchen Dating-Apps beantwortest du am Anfang mehrere Fragen zu dir selbst. Darauf basierend schlägt dir die App passende Personen vor. Bei anderen lädst du einfach ein paar Bilder hoch, schreibst vielleicht eine kurze Biografie und kannst dann losswipen. Was aber steckt hinter dem Matchmaking selbst?

Die Dating-Apps-Algorithmen: Viele Geheimnisse

Die Algorithmen der Dating-Apps möchten die Firmen oft nicht offenlegen. Man weiß aber, dass viele ein sogenanntes Score-System nutzen. Dein Score steigt unter anderem abhängig davon, wie oft du gematcht wirst und ob deine Matches beliebt sind.

Carla Hustedt leitet das Projekt „Ethik der Algorithmen“ der Bertelsmann Stiftung. Sie beschreibt, wie viele Dating-Apps funktionieren: „Der Algorithmus beobachtet dein Verhalten, wen swipt man nach rechts, wen swipt man nach links, und lernt daraus, welche Personen man präferiert, und versucht, zukünftig Personen vorzuschlagen, die den eigenen Präferenzen entsprechen.“ So funktioniert zum Beispiel Tinder.

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Tinders Algorithmus: Damals und heute

Tinder ist mit rund 57 Millionen Nutzer*innen weltweit eine der bekanntesten und beliebtesten Dating-Apps. Wie viele andere Dating-Apps es auch tun, hat Tinder früher den sogenannten Elo-Score benutzt: Dein Score ist angestiegen, wenn viele Leute dir ein Like gegeben, also nach rechts geswipt haben. Das wurde aber auch danach gewichtet, wer der oder die jeweilige „Swiper*in“ war: Je mehr Swipes nach rechts diese Person zuvor bekommen hatte, desto mehr hat ihr Swipe nach rechts für deinen Score bedeutet. Tinder hat dann Personen, die ähnlich beliebt waren, wahrscheinlicher füreinander angezeigt.

Seit März 2019 ist dies aber nicht mehr aktuell. Laut Tinder ist jetzt die aktive Nutzung der App der wichtigste Faktor für dein Match-Potenzial: Priorisiert werden mögliche Matches, die aktiv sind. Inaktive Nutzer*innen rutschen nach hinten in der Schlange mit Profilen, die Tinder dir anzeigt. Doch ist der Elo-Score wirklich Geschichte? Dem Blog von Tinder zufolge passt das aktuelle System die potenziellen Matches jedes Mal an, wenn dein Profil nach links oder rechts geswipt wird. Die Antwort wäre also: Jein.

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Was machen die Algorithmen mit unserem Liebesleben?

Weil die algorithmischen Systeme auf diese Weise oft die Beliebtheit als wichtiges Kriterium nutzen, können die Apps gesellschaftliche Stereotype, Normen und Diskriminierung verstärken. Wir sind nämlich auch beim Online-Dating nicht frei von Stereotypen: Zum Beispiel bekommen asiatische Männer und schwarze Frauen weniger Anfragen als Menschen mit anderen ethnischen Hintergründen. Das führt dazu, dass die Apps zum Beispiel Menschen mit eben diesen Hintergründen weniger häufig vorschlagen. Und so können die Apps Vorurteile darüber verstärken, wer als attraktiv gilt und wer nicht.

Allerdings helfen uns Dating-Apps gleichzeitig, unterschiedliche Menschen zu treffen, denen wir sonst vielleicht nie begegnen würden: Man verlässt dank dieser Apps öfter die eigene soziale Bubble. Die Diversität in Ehen ist nach dem Einzug von Dating-Apps sogar gestiegen, etwa zwischen afroamerikanischen und weißen Personen in den USA.

Inwiefern es problematisch sein kann, die Kontrolle über unser Liebesleben an die Technik abzugeben, kommentiert die Algorithmenexpertin Carla Hustedt so: „Man muss sich auf jeden Fall darüber bewusst werden, dass der Einsatz solcher Systeme und die Häufigkeit der Nutzung immens steigen. Und dass dies einen wirklich großen Einfluss auf die Gesellschaft hat sowie dass Technik keinesfalls neutral ist.“ Sie fordert eine kritische gesellschaftliche Debatte und eine Aufklärung über die Algorithmen hinter den Dating-Apps.

Mehr über Algorithmen und Dating-Apps erfahren? Dr. Janina Loh hat im Rahmen des Projekts „Ethik der Algorithmen“ der Bertelsmann Stiftung zum Thema „Algorithmen und Liebe“ einen Beitrag über Dating-Apps und Sexroboter geschrieben.