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change Magazin – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

Ian Goldin: Wir brauchen wieder mehr Solidarität

Kinderhände liegen in größeren Händen auf rosa Hintergrund
Interview
New Africa – stock.adobe.com

Dieser Professor redet Klartext über Ungleichheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt

  • New Africa – stock.adobe.com
  • 13. Dezember 2019

Ian Goldin ist Experte, wenn es um die Globalisierung geht. change hatte die Chance, den Oxford-Professor im Interview zu den brennenden Themen unserer Zeit zu befragen – gesellschaftlichen Zusammenhalt, Ungleichheit und Wege aus der Krise.

Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sind riesig, das zeigen nicht nur die Proteste gegen die Klimakrise oder Demokratiebewegungen weltweit. Wir müssen einen Weg finden, wie der Wohlstand, den die Globalisierung schafft, bei allen ankommt. Professor Goldin hat die ein oder andere Idee, wie das gelingt.

Professor Ian Goldin

Professor Ian Goldin

... war von September 2006 bis September 2016 Gründungsdirektor der Oxford Martin School. Bei der diesjährigen internationalen Konferenz „Trying Times“ der Bertelsmann Stiftung hielt er eine Keynote.

Derzeit ist Ian Goldin Professor für Globalisierung und Entwicklung an der Oxford University und Direktor des Oxford Martin Programme on Technological and Economic Change. Er ist Senior Fellow an der Oxford Martin School und Professorial Fellow am Balliol College der Universität.

Ian Goldins Website und Twitter.


change | Professor Goldin, im Januar hofften Sie noch, dass das Jahr 2019 Veränderungen historischen Ausmaßes bringen würde. Im Vorjahr hatten Sie die Vertiefung von Gräben in und zwischen Gesellschaften beobachtet und diagnostiziert, dass der soziale Zusammenhalt zerbricht. Jetzt haben wir Dezember, sind die Veränderungen eingetreten?

Ian Goldin | Es sind bedeutende Veränderungen passiert. Einige sind gut, andere etwas besorgniserregender. Was wir beobachten können, ist ein wachsendes Bewusstsein dafür, handeln zu müssen. Ein Symbol dafür ist Greta Thunberg, die eine weltweite Protestbewegung ausgelöst hat, die sich schnell ausgebreitet hat. Heute sind auf der ganzen Welt junge Menschen aktiv. In vielen Gesellschaften beobachten wir Proteste gegen wachsende Ungerechtigkeit und abgehobene Eliten – denken Sie an Hongkong, Santiago de Chile oder Algiers, aber auch hier in Europa. Natürlich passieren auch negative Dinge: Viel zu wenig geschieht viel zu langsam, wenn es um den Klimawandel geht. Wir werden die SDGs wohl nicht erreichen. Die Politik erarbeitet nur kurzfristige Lösungen. Und in meinem Land gibt es das Brexit-Durcheinander. Alles in allem würde ich sagen, nicht alle Veränderungen, die ich mir erhofft hatte, sind eingetreten, aber wir leben sicherlich in bewegten Zeiten.

Wenn man einen Blick in die Nachrichten wirft, könnte man schnell denken, alles wird immer schlechter. Gibt es überhaupt noch Hoffnung?

Ja. Man kann das aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Nehmen wir zum einen die sogenannten „aggregierten Indikatoren“, die zeigen, wie es um die menschliche Entwicklung steht [z. B. Human Development Index, Gini-Koeffizient etc.; Anm. d. Red.]. Wenn wir uns diese Daten anschauen, sehen wir schnell, dass viel davon abhängt, wo auf der Welt man sich befindet. In weiten Teilen der Entwicklungsländer, insbesondere in Asien, haben sich die Einkommen und die Lebenserwartung dramatisch verbessert, dort läuft es sehr gut. Und das gilt auch für viele Menschen in den Industrieländern, die in florierenden Metropolen leben. Die Einkommen sind dort so hoch wie noch nie, die Arbeitslosigkeit auf historischem Tiefstand. Das große Problem ist, dass nicht alle in den Genuss dieser Vorteile kommen. Viele Länder sind abgehängt, und in nicht wenigen Ländern – auch in den reichen Nationen – findet sogar eine Rückwärtsentwicklung statt. 

Zum Beispiel?

In den USA und Großbritannien ging die Lebenserwartung im vergangenen Jahr zurück. Das sind natürlich Durchschnittswerte. Ein Individuum ist kein Durchschnitt. Deshalb müssen wir hinter diese Daten blicken, um zu verstehen, warum der soziale Zusammenhalt zerbricht. Gründe dafür sind die wachsenden Extreme. Einigen Menschen geht es immer besser, während es anderen immer schlechter geht. Das gilt insbesondere für die reichen Länder, wo die Konzentration von Reichtum rasant voranschreitet. Hier findet die gesellschaftliche Rückwärtsentwicklung am schnellsten statt, besonders seit der Finanzkrise vor zehn Jahren.

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Warum positive Nachrichten so wichtig für uns sind


Weltweit leben etwa eine Milliarde Menschen in absoluter Armut, mehr als 2,2 Milliarden Menschen leben von weniger als zwei Dollar pro Tag. Selbst in wohlhabenden Ländern wie Deutschland lebt jedes fünfte Kind in Armut. Was können wir tun, um diese Ungleichheit zu bekämpfen?

Armut ist ein zentrales Thema. Es gibt viele Gründe für wachsende Ungleichheit, aber ein wichtiger ist, dass Unternehmen und wohlhabende Einzelpersonen global agieren und sich nicht mehr an nationale Regeln halten. Ganz konkret: Wir müssen die Offshore-Steueroasen schließen. Sonst können die Regierungen nicht mehr genügend umverteilen, sich um sozial Schwächere kümmern und in die Sozialfürsorge investieren. Ein weiterer Grund für Ungleichheit ist, dass Orte immer wichtiger werden. Nehmen Sie die ärmeren Regionen in Ostdeutschland, Nordengland, im Mittleren Westen der USA – dort spiegelt die Politikentwicklung den Kampf um Arbeitsplätze wider. Während die Mauern zwischen den Nationen fallen, werden neue innerhalb der Länder errichtet. Die nationalen Regierungen müssen viel mehr für die Umverteilung tun. Menschen in Arbeit bringen geht am besten, indem man Menschen zur Arbeit bringt. Es geht also um bezahlbares Wohnen, öffentliche Verkehrsmittel, wie lange man zum Arbeitsplatz braucht, es geht um Kinderbetreuung – um all diese Dinge, die erklären, warum in vielen Ländern die Menschen heute weniger mobil sind als damals ihre Eltern. Das liegt daran, dass die Immobilienpreise dort, wo die Arbeitsplätze sind, unerschwinglich geworden sind.

Warum leiden besonders die Schwächsten der Gesellschaft darunter?

Allgemein gesprochen führen mehr Risiken zu größerer Ungleichheit. Arme Menschen leiden mehr unter Risiken als Wohlhabende, egal, ob das Risiko Klima- oder Finanzkrise heißt. Reiche Menschen sind belastbarer, sie können leichter den Wohnort wechseln, haben Ersparnisse, ein Netzwerk, auf das sie zurückgreifen können. Ärmere Menschen haben diese Möglichkeiten oft nicht. Und weil die Globalisierung zu mehr Risiken führt, verschärft sie die Ungleichheit. Wir müssen also diese Risiken managen, wir brauchen mehr Zusammenarbeit zwischen den Nationen – tatsächlich kooperieren wir aber immer weniger. Die fehlende Koordination im Umgang mit transnationalen Risiken ist die größte Schwachstelle der Globalisierung.

Professor Ian Goldin

„Wir haben eine ethische und wirtschaftliche Verantwortung, die über uns selbst und unsere nahen Verwandten hinausgeht.“

Prof. Ian Goldin


Nun heißt ja Armut nicht nur „wenig Geld haben“, sondern umfasst auch mangelnde Bildung, Gesundheitsversorgung, Teilhabe – und hat so Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes. Anfang dieses Jahres haben Sie auf der
Konferenz „Trying Times“ eine Keynote gehalten, in der Sie dargelegt haben, warum gesellschaftlicher Zusammenhalt wichtig ist und was getan werden muss, um ihn zu stärken. Was war Ihr Fazit?

Die Kernbotschaft ist: Wir haben eine ethische und wirtschaftliche Verantwortung, die über uns selbst und unsere nahen Verwandten hinausgeht. Je weniger wir das Gefühl haben, dass wir im selben Boot in die gleiche Richtung fahren, desto größer ist die Gefahr, dass wir uns gegenseitig zerfleischen. Dann leiden nicht nur die Schwächsten der Gesellschaft, sondern wir alle – weil wir nicht mehr in der Lage sein werden, unsere gemeinsame Zukunft auf regionaler, nationaler und globaler Ebene zu gestalten. Gesellschaften zerfallen vor unseren Augen, in der Politik herrscht Blockadehaltung. Wir sehen massive Schwierigkeiten bei Entscheidungsfindungen, sei es beim Thema Klimawandel oder bei der Umverteilung, in Bildung oder Infrastruktur. Regierungen handeln nur auf kurze Sicht, auch Unternehmen tun das immer mehr. Es ist total unklar, wer auf lange Sicht Verantwortung trägt. Das ist sehr gefährlich.


Was können wir dagegen tun?

Meiner Meinung nach müssen wir etwas wiederentdecken, das in uns allen steckt: Solidarität mit anderen und unsere eigene Handlungsfähigkeit. Will der*die Einzelne gewinnen, müssen wir alle gewinnen. Das bedeutet, dass wir bereit sein müssen, kurzfristig Einschnitte hinzunehmen. Dazu sind wohlhabende Menschen am besten in der Lage, denn sie können Opfer bringen, ohne dass sich ihr Leben wirklich verändert. Die Verantwortung, am meisten zu geben, liegt bei denen, die am meisten haben. Und weil das natürlich auf Widerstand stößt, brauchen wir Regierungen, Regeln und Vorschriften, die das durchsetzen.

Lassen Sie uns mit einem Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft schließen. Sie haben einmal gesagt, dass unsere Zeit durch das Bild vom Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 bestimmt war. Ein vor 30 Jahren gefallenes Bollwerk aus Beton hatte dramatische Auswirkungen auf das Leben der Menschen, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Inzwischen sind viele andere Mauern gefallen, und heute leben wir in dieser hochkomplexen, vernetzten Welt. Welche Mauern fallen als nächstes?

Die Vergangenheit ist leichter zu verstehen als die Zukunft (lacht). Auf der ganzen Welt werden wir Zeugen eines Kampfes um Freiheit und Selbstbestimmung, ich denke da an Hongkong oder Venezuela. Um Freiheit und Selbstbestimmung ging es auch bei den Protesten in der DDR. Sie sehen, diese Forderungen verschwinden nicht einfach, sie sind weltweit präsent, in unterschiedlichen Formen. Die Mauern, die zukünftig fallen werden, sind Mauern, die um alte Gewissheiten gebaut sind. Ich denke an die Metoo-Bewegung. Oder schauen Sie ins katholische Irland, da haben wir einen schwulen Premierminister. Wir sehen, wie schnell Mauern um Vorurteile zusammenbrechen können. Die nächsten Mauern, die einstürzen werden, sind Mauern um den Klimawandel, um Ungleichheit und sozialen Zusammenhalt. Zumindest deutet einiges darauf hin.

Vielen Dank für das Gespräch, Professor Goldin.

„Trying Times“, herausfordernde Zeiten – das ist der Titel der internationalen Konferenz, zu der die Bertelsmann Stiftung im September 2019 Persönlichkeiten aus aller Welt zusammengebracht hat, um die Zukunft des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu beleuchten. Die dazugehörige Studie gibt es hier kostenlos zum Download.