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change Magazin – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

Mobiles Arbeiten: Büro auf dem Mittelmeer – so geht's!

Maren und Matthias Wagener auf ihrem Katamaran bei der Arbeit
Interview
Dennis Williamson

Arbeiten, wo andere Urlaub machen: Dieses Paar zeigt, wie’s geht

  • Dennis Williamson
  • 28. Juni 2019

Statt eine Kaffeepause in der Firmenküche einzulegen, springen Maren und Matthias Wagener schnell mal ins Mittelmeer – denn ihr Büro ist ein Segelschiff. Wie die beiden trotzdem erfolgreich ein Unternehmen führen und welche Werte dabei wichtig sind, darüber sprachen sie im Interview mit change.

Maren und Matthias Wagener arbeiten an Bord ihres Katamarans

Maren und Matthias Wagener

… leben seit 2015 auf einem Segelschiff und erkunden die Weltmeere. Von Bord leiten sie ein Unternehmen, das Service-Partner für Werbe-, Kreativ- und Digital-Agenturen ist. Die beiden teilen ihre Erfahrungen als Remote Worker und im Virtual Leadership auf Konferenzen und in Workshops.


change | Ihr führt euer Unternehmen von einem Segelschiff aus. Wie kommt man auf so eine Idee?

Maren Wagener | Das war keine Entscheidung von heute auf morgen. Alles fing 2007 an, als ich nach Hamburg gezogen bin, so habe ich erst mal zum Segeln gefunden. Matthias segelt schon, seit er klein ist. Auf Alster und Ostsee haben wir dann festgestellt, dass das super klappt, vor allem zusammen. 2008 gründete ich die Agentur Vast Forward. Wir haben dann die Wochenend- und Urlaubstörns immer weiter ausgedehnt und angefangen, von Bord aus zu arbeiten.

Matthias Wagener | Das ging einher mit einer beruflichen Entwicklung bei mir. Ich wurde freier Berater und konnte meine Zeit freier nutzen. Aus dieser Melange – Marens eigene Firma, meine neu gewonnene Zeit und unser gemeinsames Hobby – ist die Idee entstanden, über einen längeren Zeitraum auf dem Boot zu arbeiten.

Maren | Und zwar gerne dort, wo ein bisschen öfter die Sonne scheint und das Wasser wärmer ist. (lacht)

Matthias | Im Frühjahr 2015 sind wir dann Richtung Mittelmeer aufgebrochen. Dass ich meinen vorigen Job als freier Berater so nicht weiterführen konnte, war klar, also stieg ich bei Marens Firma ein.

Segelboote liegen in einem Hafen
Nicht die ganze Zeit wird gesegelt. Im Winter liegen Maren und Matthias fest vertäut im Hafen, hier in Capo d'Orlando im Norden Siziliens. (Foto: Dennis Williamson)
Maren und Matthias Wagener laufen einen Weg entlang
Auch mal runter vom Schiff: Maren und Matthias erkunden Capo d'Orlando zu Fuß. (Foto: Dennis Williamson)
Maren und Matthias Wagener sitzen an Bord ihres Katamarans und arbeiten am Laptop
Auch unterwegs erreichbar: Mit einfachen Tools wie Skype, E-Mail und Telefon bleiben die Wageners mit ihren Angestellten im Dauerkontakt. (Foto: Dennis Williamson)
Maren und Matthias Wagener essen zu Mittag
Gekocht wird an Bord – und zwar frisch, nicht aus der Dose. (Foto: Dennis Williamson)
Ein Katamaran liegt in einem Hafen.
Transparenz ist Maren Wagener wichtig. Ihr Unternehmen führt sie mit Freude, Sorgfalt und einer entwaffnenden Offenheit. (Foto: Dennis Williamson)
Matthias Wagener arbeitet im Boot.
Matthias Wagener während der Arbeit: „Digitalisierung – die Profis sprechen meist von einer Veränderung der Wirtschaft und Industrie. Und dann gibt es die Digitalisierung als veränderte Kommunikation, die unser aller Leben betrifft." (Foto: Dennis Williamson)


Leben, wohnen, segeln und arbeiten mit dem Partner: Wird das nicht auch mal etwas viel? Wie geht ihr mit Stress auf so engem Raum um?

Maren | Wenn wir nicht so harmonieren würden, hätten wir diese Entscheidung nicht getroffen. Stress miteinander ist also kein Thema. Wenn es um beruflichen Stress geht, ist es von Vorteil, dass wir meistens nicht parallel gestresst sind. So kann einer den anderen auffangen.

Matthias | Es geht viel um Vertrauen, sowohl bei der Arbeit als auch beim Segeln. Wenn wir längere Strecken zurücklegen und nachts durchsegeln, muss einer von uns schlafen, der vertraut dann dem anderen mit seinem Leben. Es hilft auch viel, aufmerksam zu sein und zu schauen, wie es dem anderen wirklich geht und entsprechend damit umzugehen.

Mal ehrlich: Es sind 30 Grad in der Sonne, ihr schippert übers Mittelmeer, hat man da immer Lust zu arbeiten? Wie motiviert ihr euch selbst?

Maren | Wir sind als Unternehmen im ersten Jahr stark gewachsen, da gab es sehr viel Arbeit. So viel haben wir von der Umgebung gar nicht mitbekommen. Das Problem war eher, Feierabend zu machen. Inzwischen ist das anders. Morgens oder in der Mittagspause mal kurz ins Wasser springen ist natürlich drin. Wir erledigen unsere Arbeit meist bis zum frühen Nachmittag und sind danach noch mobil erreichbar. So kommen wir dann auch mal vom Schiff runter.

Matthias | Wenn man im Hafen liegt und arbeitet, während andere an der Strandbar sitzen und sich vergnügen, ist das nicht immer einfach. Das Stichwort ist Disziplin.

Das Cover des change Magazins 01/2019.

Ein Büro an der Nordküste Siziliens

Mehr über Marens und Matthias‘ Arbeitsalltag auf dem Mittelmeer im kostenlosen change Magazin 1/2019.

Euer Lebens- und Arbeitsstil erfordert anscheinend eine ganze Menge davon. Welchen praktischen Tipp habt ihr für Leute, die mit Selbstorganisation Schwierigkeiten haben?

Matthias | Es gibt nicht die eine Methode, die für alle richtig ist, weil die Jobs untereinander und auch die Menschen sich so stark unterscheiden. So ein Arbeitsleben, wie wir es führen, ist sicherlich nichts für jedermann. Maren und ich sind Projektmanager, das Organisieren liegt uns im Blut. Auch unsere Mitarbeiterinnen haben diese Form des Arbeitens nicht einfach so gewählt, sondern es gibt da eine intrinsische Motivation. Die sollte man schon haben, wenn man sich für solche Arbeitsmodelle entscheidet. 

Maren | Ein ganz einfacher Tipp ist, morgens beim Kaffee drüber nachzudenken, was die wichtigsten To-dos sind. Wenn die wichtigsten Dinge abgearbeitet sind, geht man mit einem beruhigten Gefühl in den Feierabend.

Welche Skills habt ihr beim Leben auf dem Segelboot erlernt oder verbessert? 

Maren | Das kann man schön mit dem verbinden, was Matthias gerade gesagt hat. Im Kern sind es Managementkompetenzen und damit auch Dinge, die er gerade angesprochen hat. Über Kommunikation in all ihren Facetten kann man viel lesen, aber man muss sie dann auch ausprobieren. 

Für viele Menschen spielt mobiles Arbeiten eine immer größere Rolle. Doch was tun, wenn der Chef einfach nicht mitspielen will? 

Maren | In einem Webinar für die Women Speaker Foundation habe ich es mal so verpackt: Wenn man in einem verteilten Team miteinander arbeitet, muss jeder jedem vertrauen können. Das ist wie in einer Fernbeziehung. Wenn einer in dem Konstrukt – ob jetzt Arbeit oder Beziehung – sich das nicht vorstellen kann, dann hat das Konstrukt keine Zukunft. Das ist bei vielen Chefs noch nicht angekommen, da braucht es einen Mentalitätswechsel weg von Micromanagement, hin zu mehr Eigenverantwortung und besserer Kommunikation.

Ein Mann sitzt an einem Laptop

Arbeit im Umbruch: Was sind die Jobs der Zukunft?


„Kommunizieren, kooperieren, selbst steuern“: Zukunftsforscherin Cornelia Daheim behauptet, dass das die Kompetenzen der Zukunft sind. Welche Fähigkeiten werden eurer Meinung nach immer wichtiger?

Matthias | Verbale und schriftliche Kommunikation auf Distanz ist ganz klar ein Zukunftsthema. Statt Kooperation würde ich eher Kollaboration sagen, das hängt auch viel mit Kommunikation zusammen. Eigenverantwortung spielt sicherlich in Zukunft auch eine noch größere Rolle. Immer wichtiger wird die Weiterentwicklung – genau wie Unternehmen wachsen und sich weiterentwickeln, müssen das die Mitarbeiter auch tun. Die Anforderungen an den eigenen Job ändern sich, da muss man Schritt halten.

Wie verändern Digitalisierung und Demographie unseren Arbeitsalltag? Die Bertelsmann Stiftung bietet unter zukunftderarbeit.de eine Plattform, um Handlungsansätze in diesem Transformationsprozess zu diskutieren. Das Projekt „Creating Corportate Cultures“ unterstützt Führungskräfte bei der Entwicklung einer zukunftsfähiger Unternehmenskultur.