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Oper ist langweilig und altbacken? Dann kennst du David Oštrek nicht

Der Opernsänger David Ostrek vor der Deutschen Staatsoper in Berlin Nora Heinisch | noraheinisch.com

Opernsänger*innen sind langweilig und altbacken? Dann kennst du David Oštrek noch nicht

  • Nora Heinisch | noraheinisch.com
  • 9. September 2019

David Oštrek ist 26, Handballtorwart, spielt E-Gitarre und Bass, hört am liebsten Rock und Metal, fährt Motorrad. Und David ist Opernsänger an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Dort trafen wir ihn zum Gespräch über verstaubte Stereotype, sportliche Herausforderungen und die Oper im 21. Jahrhundert.

Der Zwei-Meter-Bass-Bariton kommt komplett verschwitzt aus der Probe. „Die lustigen Weiber von Windsor“ steht auf dem Plan, er spielt den Dr. Cajus. Erst Mitte August gab David Oštrek in Bregenz den Graf Ceprano in „Rigoletto“, auf der ziemlich beeindruckenden Seebühne.


Auf die Idee, das alles „Arbeit“ zu nennen, kommt er aber nicht: „Ich sage immer: ‚Ich gehe zur Probe‘, nie: ‚Ich gehe zur Arbeit‘. Dass ich mit meiner Stimme Geld verdienen kann, ist ein großes Privileg.“ Ob er damit reich wird? „Reich woran? An Erfahrung: Ja. An Freude: Klar. An Geld: Kommt drauf an. Das schafft wirklich nur das eine Prozent an der Spitze“, sagt David. Davon leben könne er aber gut, keine Frage.

Zwischen Handballtor und Bühnenvorhang

Wir sitzen in einem Probenzimmer der Berliner Staatsoper. Seit der Spielzeit 2015/16 war er hier Mitglied des Internationalen Opernstudios, das von der Liz Mohn Kultur- und Musikstiftung gefördert wird. 2018/19 wurde er dann festes Ensemblemitglied. Wir wollen wissen, ob er neben den Proben und Auftritten überhaupt noch Zeit für Privates hat. „Das kommt auf die Rolle an“, gibt er zu bedenken. „Wenn man eine kleinere hat, kann man durchaus auch mal Luft holen. Aber bei größeren Rollen oder mehreren Produktionen parallel hat man sehr wenig Freizeit.“ Und wenn er doch mal welche hat? „Spiele ich zum Beispiel Handball, als Torwart im SCC Berlin.“

Das sei auch gut für die Anforderungen des modernen Musiktheaters, wo viel rumgeturnt wird. „Ich kann nicht einfach sagen: ‚Da kann ich nicht hochklettern‘, wenn der Regisseur das von mir verlangt. Da muss man schon fit sein. In den Proben habe ich auch oft Sportklamotten an, das ist dann eher wie ein Work-out.“

David Oštrek an der Deutschen Staatsoper, Berlin
Seit vier Jahren ist David Oštrek in Berlin zu Hause, seit 2018 festes Ensemblemitglied an der Berliner Staatsoper. (Foto: noraheinisch.com)
David Oštrek an der Deutschen Staatsoper, Berlin
Der Rock- und Metal-Fan ist Bass-Bariton, spielt E-Gitarre und -Bass – und fährt gern Motorrad. (Foto: noraheinisch.com)
David Oštrek an der Deutschen Staatsoper, Berlin
Dass Opernsänger*innen langweilig seien, hält er für ein falsches Vorurteil: „Diese verstaubten Stereotype treffen nicht zu, wir stehen nicht steif auf der Bühne und singen in albernen Kostümen.“ (Foto: noraheinisch.com)
David Oštrek an der Deutschen Staatsoper, Berlin
Der Beruf Opernsänger*in hat sich extrem verändert, moderne Produktionen verlangen auf der Bühne viel ab. „Vor 50 Jahren trat man vor, hat seine Arie gesungen und ging zurück. Heutzutage muss man körperlich viel präsenter sein“, sagt David Oštrek. (Foto: noraheinisch.com)
David Oštrek an der Deutschen Staatsoper, Berlin
David Oštrek kennt nicht nur klassisches Opern- und Liedrepertoire, sondern mag und macht auch andere Musik. Privat hört der gebürtige Kroate gerne Hardrock und Heavy Metal, funkigen Jazz und Balkan Beats. (Foto: noraheinisch.com)
David Oštrek an der Deutschen Staatsoper, Berlin
Was David Oštrek geworden wäre, wenn er nicht an der Oper gelandet wäre? „Handballer. Oder Philosoph.“ (Foto: noraheinisch.com)
David Oštrek an der Deutschen Staatsoper, Berlin
Den Sprung an die großen Opernhäuser schaffen nicht alle. David Oštrek kam in der Spielzeit 2015/16 als Mitglied des Internationalen Opernstudios an die Staatsoper Berlin. Mittlerweile ist das altehrwürdige Haus seine feste Arbeitsstätte. (Foto: noraheinisch.com)


Operngesang – ein Hochleistungssport 

Der Beruf Opernsänger*in hat sich extrem verändert. Wo früher oft steif auf der Bühne gesungen wurde, verlangen moderne Produktionen den Sänger*innen alles ab. Entsprechend werden sie schon in der Ausbildung darauf vorbereitet: „Bei den Proben wird uns viel abverlangt, gerade wenn man eine große Rolle hat. Im 21. Jahrhundert muss man zum Beispiel viel mehr schauspielern als noch vor 50 Jahren. Man muss sich bewegen können, tanzen können. Das fängt schon in der Ausbildung an: Als ich in Wien studierte, hatten wir vier Stunden die Woche Schauspiel, zwei Stunden Atem- und Körperschulung, Sport, Tanz, Sprachen, Social Skills. Da ist man gut mit beschäftigt.“

„Vor 50 Jahren trat man vor, hat seine Arie gesungen und ging zurück. Heutzutage muss man körperlich viel präsenter sein.“

David Oštrek, Opernsänger


Oper, Metal, Hardrock – kein Widerspruch

David Oštrek kennt aber nicht nur klassisches Opern- und Liedrepertoire, sondern mag und macht auch andere Musik. Privat hört der gebürtige Kroate gerne Hardrock und Heavy Metal, funkigen Jazz und Balkan Beats. Der E-Gitarre spielende Bass-Bariton auf dem Motorrad entspricht nicht gerade dem Bild, das viele im Kopf haben, wenn sie an die Oper denken. Die Branche wird immer noch als recht steif wahrgenommen. Ein Trugschluss? „Oper im 21. Jahrhundert sieht anders aus als früher. Das spiegelt sich aber auch im Publikum wider. Ich komme gerade aus Bregenz, da waren wieder viele junge Menschen. Auch an der Staatsoper sehe ich das. Diese verstaubten Stereotype treffen nicht zu, wir stehen nicht steif auf der Bühne und singen in albernen Kostümen.“ 

Eine ältere Frau trägt Brille und Kopfhörer und singt.

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Zweifel gehören dazu

Den Sprung an die großen Opernhäuser schaffen nicht viele, der Weg dahin ist hart. Es ist auch nicht der einzige Weg, als Opernsänger*in zu arbeiten. Viele in der Branche haben Patchwork-Laufbahnen an kleineren Häusern und singen in Chören. Hat David jemals ans Aufhören gedacht, weil er daran zweifelte, es zu schaffen? „In unserem Job denkt man mindestens einmal am Tag ans Aufhören. Für eine Sekunde. Wir haben wie alle Menschen Zweifel, das gehört dazu. Und wenn ich vor Tausenden Leuten stehe, die mich alle singen hören wollen, dann ist das viel Druck. Aber auch eine große Belohnung.“ 

Doch was passiert, wenn David mal aufhören muss oder will? Noch stellt sich diese Frage dem 1992 geborenen Sänger nicht. „Ich bin eine optimistische Person, was kommt, das kommt.“ Unterrichten mache ihm Spaß, vielleicht wird er in ferner Zukunft mal Gesangslehrer. Und wenn er darauf keine Lust hat, hat er noch ein Ass im Ärmel: Im Mai 2019 gründete er seine eigene Biermarke. 

Beim Rausgehen wollen wir noch wissen, was David geworden wäre, wenn er nicht an der Oper gelandet wäre? „Handballer. Oder Philosoph“, sagt er im Weglaufen und setzt sich den Helm auf, bevor er sich auf sein Motorrad schwingt. Er fährt an diesem heißen Spätsommerabend noch schwimmen.

Opernsänger*in – ein Job mit Zukunft? Wie es um die Karriereaussichten von Nachwuchssänger*innen in Deutschland steht, erfährst du in dieser Studie der Bertelsmann Stiftung. Wer lieber hört, als zu lesen, ist bei „NEUE STIMMEN“ richtig, einem Projekt, das Nachwuchstalente findet. Auch David Oštrek wurde dort ausgezeichnet.