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Deutschland feiert… Jom Kippur! Den heiligsten Tag des jüdischen Jahres

Ein junger Mann mit Kippa vor einem hellen Fenster Unsplash/Toa Heftiba

Deutschland feiert … Jom Kippur! Den heiligsten Tag des jüdischen Jahres

  • Unsplash/Toa Heftiba
  • 18. September 2018

Jom Kippur ist der wichtigste Feiertag für alle Juden – egal ob sie religiös sind oder nicht. Doch was genau passiert am heiligsten Tag im jüdischen Kalender? change Magazin wirft einen Blick auf kreisende Hühner, innere Einkehr und Sexverbot.

Egal ob man es mit dem Glauben nicht so genau nimmt oder streng religiös ist: Jom Kippur wird von den meisten Juden begangen. Dabei gibt es einige Unterschiede, wie das geschieht: Die einen schwenken Hühner über dem Kopf, die anderen drehen ein paar Runden mit dem Rad. Verwirrend? Wir haben die Antworten auf die häufigsten Fragen zu Jom Kippur.

Was genau ist Jom Kippur eigentlich?

Oft liest man, Jom Kippur sei der „Tag der Versöhnung“ – und das hat einen wahren Kern. Denn als wichtigster Feiertag und strengster Fastentag im jüdischen Jahr beendet Jom Kippur eine zehntägige Zeit der Reue („Zehn Tage der Umkehr“), in der sich Juden mit allen Mitmenschen wieder vertragen sollen, die sie im vergangenen Jahr beleidigt oder verletzt haben. Das jüdische Jahr endet nämlich kurz vor Jom Kippur – mit Rosch ha-Schana, dem Neujahrsfest. Dieses Jahr feierten Juden den Beginn des Jahres 5779. 

Wer es aber ganz genau nehmen will: Korrekt übersetzt heißt Jom Kippur „Tag der Bedeckung“. Es ist der Tag, an dem Gott die Sünden vergibt und bedeckt, wenn der Sünder aufrichtig bereut. Laut jüdischer Tradition schließen sich die Tore des Himmels und die Bücher vor Gott. Denn dem Glauben nach trägt Gott alle Menschen in drei Bücher ein: Eins für die schlechten Menschen, eins für die guten und eins für den ganz normalen Durchschnittsmenschen.

An Rosch ha-Schana werden diese Bücher geöffnet und stehen bis Jom Kippur offen, bevor sie wieder versiegelt werden. Dazwischen haben die Menschen Zeit, sich zu bessern, um ins Buch mit den guten Menschen zu kommen. Auf Hebräisch wünscht man sich daher zu Jom Kippur „Chatima tova!“, „Gutes Eintragen!“ ins Buch des Lebens.

Wann feiern Juden Jom Kippur?

Acht Tage nach Rosch ha-Schana beginnt Jom Kippur, dieses Jahr also am Dienstag, den 18. September 2018. Oder laut jüdischem Kalender am 10. Tischri 5779. Der Feiertag beginnt mit Sonnenuntergang und endet mit Anbruch der Nacht am 19. September und dauert 25 Stunden lang. 

Wie alle anderen Feiertage fällt Jom Kippur jedes Jahr auf einen anderen Tag. Denn der jüdische Kalender richtet sich nach den Zyklen des Mondes und der Sonne. 

Matzen spielen beim Passahfest eine zentrale Rolle.

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Wie feiern Juden Jom Kippur?

Der Abend, an dem der Feiertag beginnt, wird mit dem berühmten Kol Nidre eröffnet. Das ist ein Gebet, in dem man alle leichtfertig gegebenen Versprechen gegenüber Gott zurücknimmt. Voraussetzung für die Versöhnung mit Gott ist aber erst einmal die Versöhnung mit den Menschen. Dabei darf man nicht tricksen: Sich per WhatsApp oder Twitter zu entschuldigen, zählt nicht, sondern man muss sich persönlich bei denen melden, die man im vergangenen Jahr verletzt oder beleidigt hat. 

Selbst wenig religiöse Juden fasten an Jom Kippur. Es darf weder gegessen noch getrunken werden – nicht einmal ein Schluck Wasser ist erlaubt. Ebenso verboten ist körperliche Arbeit – dazu gehört auch Sex.

Streng religiöse Juden verzichten an Jom Kippur auch auf das Tragen von Lederschuhen, aufs Duschen, Baden sowie auf Kosmetik und tragen zum Zeichen der Reinheit ihr weißes Totenhemd, in dem sie später einmal begraben werden. Sie verbringen den Tag betend in der Synagoge. Hier bitten sie um Vergebung für ihre Sünden. Anders als bei den Katholiken jedoch geschieht das nicht im Beichtstuhl, sondern gemeinsam mit den anderen Gläubigen.

Orthodoxe Juden lassen an Jom Kippur dreimal ein Huhn über ihrem Kopf kreisen. Ähnlich wie ein Sündenbock soll das Huhn die Sünden auf sich nehmen und wird anschließend geschlachtet und an Bedürftige verschenkt.

Jom Kippur in Israel

In Israel steht das öffentliche Leben still, es gibt kein Radioprogramm und die Straßen sind frei von Autos. In Städten sieht man daher an Jom Kippur oft Jugendliche auf Fahrrädern auf den leeren Straßen. Es erscheinen keine Zeitungen, Büros und Schulen sind geschlossen, selbst an den Flughäfen steht der Verkehr still. Bars und Kneipen haben zu und es gilt – selbst wenn man nicht religiös ist – als unhöflich, in der Öffentlichkeit zu essen oder zu trinken.

Eine leere Autobahn in Tel Aviv an Jom Kippur


Nach 25 Stunden Fasten ist so ziemlich jeder hungrig. Ein lang gezogener Ton aus einem Widderhorn, dem Schofar, läutet das Ende des Feiertags ein. Dann geht es ans Eingemachte: Im Kreis von Familie und Freunden wird ein riesiges Festmahl serviert. 

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