Arme Kinder
Ich hab noch nie das Meer gesehen...
Die Kinder in Oberhausen haben viele Wünsche. Und selbst die kleinsten darunter gehen eher selten in Erfüllung. Auch wenn die Stadt und viele engagierte Helfer alles dafür tun. Ein Besuch in einer der ärmsten Kommunen Deutschlands
Laura hat noch nie das Meer gesehen. Aber sie träumt davon. Immer mal wieder. „Ich wünsche mir, dass ich an die Nordsee darf. Da sind keine Autos. Nur Muscheln, Strand und hohe Wellen. Wir wollten da mal hin. Aber dann ging es doch nicht. Das war zu teuer.“ Die 13-jährige Förderschülerin sitzt in den Räumen des CVJM in der Oberhausener Innenstadt (www.cvjm-oberhausen.de). Dort bekommt sie nach der Schule kostenlos ein warmes Essen. Außerdem sind da andere Kinder. Und viele Erwachsene, die gut zuhören können. „Papa war mal LKW-Fahrer, jetzt ist er arbeitslos. Mama ist Putzfrau. Und ich möchte mal Tierpflegerin werden. Zu Hause hab ich einen kleinen Hund. Der klaut immer meine Socken.“ Ein Lächeln huscht über Lauras Gesicht.
In einer der ärmsten Kommunen
Hoffnung – auf einen Beruf, einen Tag am Meer. Die Kinder in Oberhausen sollen sie nicht aufgeben. Auch wenn die Stadt im Ruhrgebiet zu den ärmsten der Republik gehört. Laut aktuellem Familienbericht leben über 27 Prozent der Familien in armen und armutsnahen finanziellen Verhältnissen. Und wie in jeder Stadt sind es einzelne Viertel, die das Elend anziehen. Eines davon ist der Wohnpark an der Bebelstraße. Eine graue Hochhaus-Siedlung mit 475 Wohnungen, von denen viele leer stehen. 1.600 Menschen aller Nationalitäten wohnen noch dort. Die Siedlung haftet ihnen an wie ein Stigma. Und die meisten wollen einfach nur noch eines: weg!
„Über 90 Prozent der Bewohner leben von ALG II“, sagt Heike Beier, die mitten im Hochhaus-Dschungel den Treff der Arbeiterwohlfahrt (AWO) leitet (www.awo-oberhausen.de). Sie ist 52 Jahre alt, selber Mutter von drei Kindern und kämpft seit Jahren um jedes einzelne Kind im Wohnpark. „Wir haben es mit vielen Eltern zu tun, die den Wert einer guten Ausbildung nicht zu schätzen wissen und auch die Schule ihrer Kinder nicht nach dem Konzept aussuchen, sondern nach der Nähe zum Wohnort“, sagt sie. „Das liegt häufig daran, dass sie selber in ihrer Heimat nicht oder nur kurz zur Schule gegangen sind. Wir haben aber auch andere Beispiele, wie die Mutter, die Analphabetin ist und dennoch nichts auslässt, um ihren Kindern eine bessere Schul- und Ausbildung zu verschaffen.“ Das allerdings funktioniere nur, wenn sich die Menschen Hilfe holen. Sich nicht schämen. Deshalb bietet die AWO alles an, was nur irgendwie Unterstützung bietet – von Mädchen- und Jungengruppen über ein breites Sportangebot, Computerkurse bis hin zu regelmäßigen Beratungen, Kursen zur gesunden Ernährung und immer wieder: unbürokratische Einzelfallhilfe.
Hilfe durch Ganztagsbetreuung
Ein sehr dichtes Netz an Hilfsangeboten gebe es inzwischen. Nicht zuletzt durch das Engagement der Stadt und ihrer Kooperationspartner. Doch was ist mit den Familien, die sich gar nicht erst um Hilfe bemühen? Wie fängt man die auf, denen eh schon alles egal ist? „Das Erste, was wir anbieten, ist unser Besuchsdienst ‚Kinder im Mittelpunkt‘, der sehr früh beginnt“, erklärt Andreas Stahl, Leiter des Büros für Chancengleichheit der Stadt. „Wenn die Kinder erst ein paar Wochen oder Monate alt sind, besuchen wir die Familien und informieren sie umfassend und individuell, machen bei Bedarf oder auf Wunsch Folgebesuche und schauen immer sehr genau hin.“
Bedarfsanfragen zum U3-Ausbau laufen. Denn der aktuelle Kindergesundheitsbericht der Stadt belegt: „Je eher ein Kind die Kita besucht, umso besser ist seine Entwicklung im weiteren Verlauf. Von daher ist es das Ziel, möglichst früh und damit möglichst lange den Kita-Besuch zu ermöglichen.“ Das Gleiche gelte für die Grundschulen. Stahl: „Alle Grundschulen bieten seit ein paar Jahren den offenen Ganztag bis 16 Uhr an. Darin gibt es auch Sportangebote und natürlich ein gesundes Essen.“
Kooperationen, um sozial Schwachen zu helfen, gibt es in Oberhausen überall, denn auch die Stadt ist bitterarm und könnte die Last alleine nicht tragen. So kommen Übungsleiter von Sportvereinen in die Schulen und bieten Kurse an, Kindergärten veranstalten Kinderkleidermärkte und Frauen mit Migrationshintergrund lassen sich über das katholische Jugendwerk „die kurbel“ zu Bildungs-, Gesundheits- oder Kultur- und Nachbarschaftsmediatorinnen ausbilden, um in der eigenen Community Wissen zu vermitteln (www.die-kurbel-oberhausen.de). Und nicht nur der CVJM, sondern auch der gemeinnützige Verein „Ruhrwerkstatt“ fängt Tag für Tag Kinder auf – zum Beispiel mit einem Bauspielplatz nahe der Innenstadt (www.ruhrwerkstatt.de). Das ist Abenteuer pur, findet Pascal (11). Seine Mutter ist Anfang 30, war früher mal Gärtnerin und ist nach einem Bandscheibenvorfall arbeitsunfähig. Sein Vater ist schon 62 und ebenfalls zu Hause. Außerdem hat Pascal noch zwei kleinere Geschwister. „Zu Hause hänge ich vor der Konsole oder guck mir Lego-Star-Wars-Videos an“, sagt er. „Aber am meisten Spaß macht es, auf dem Baui zu spielen.“ Das findet auch Florian (12), der noch acht Geschwister hat. Die Kids haben Hütten selbst gezimmert, Fußballrasen eigenhändig verlegt, Blumen und Kräuter gepflanzt. Das macht stolz und hungrig, wenn man nach getaner Arbeit ums Lagerfeuer herum sitzt und an knusprigen Stockbroten, gegrillten Schoko-Bananen knabbert oder in der Spielhütte was Leckeres kocht.
Den Teufelskreis durchbrechen
Das gesunde Frühstück der „kurbel“, der kostenlose Mittagstisch beim CVJM, Stockbrot auf dem Bauspielplatz, Gesundheitskurse bei der AWO – das alles kommt nicht von ungefähr. Die Stadt Oberhausen hat erkannt, wie eng der Zusammenhang zwischen einem geringen Bildungsniveau, sich daraus entwickelnder Armut und daraus wiederum entstehender schlechter Ernährung und deren Folgen ist. Deshalb gehört sie auch zu den 18 Städten und Kreisen, die am gemeinsamen Modellvorhaben „Kein Kind zurücklassen!“ von Staatskanzlei NRW und Bertelsmann Stiftung teilnehmen, um die Zusammenarbeit aller Akteure zu stärken.
Diesen Teufelskreis zu durchbrechen versucht auch die Sankt-Martin-Grundschule – und zwar erfolgreich! Auch sie liegt in der von Armut geprägten Innenstadt, umrahmt von Spielhallen und Sexshops. Doch der Schulhof ist bunt gestaltet. Genau wie das Programm am Nachmittag. „Uns ist es wichtig, dass die Kinder bis 16 Uhr hier bleiben“, betont Hildegard Wagner (47), die seit seinem Beginn vor sieben Jahren den Offenen Ganztag leitet. Von rund 120 Kindern bleiben 95 am Nachmittag da. Es gibt ein warmes Mittagessen, nach dem sich alle die Zähne putzen. Außerdem gibt es beim Ganztag jeden Nachmittag Obst und Gemüse – „aber erst, bevor die Kinder gehen, damit sie noch ein bisschen was im Bauch haben“, erklärt Wagner. „Manchmal stehen die Eltern dann schon mit Chipstüten am Schultor. Und bei manchen Kindern habe ich den Eindruck, unser Nachtisch ist das Letzte, was sie bekommen haben, und sie kommen morgens mit knurrendem Magen wieder zur Schule. Dann fangen wir sie auf und schauen, dass wir etwas zu essen hier haben.“
Die Freizeitpädagogin hat selbst vier Kinder und findet die Arbeit im Ganztag erfüllend – und manchmal auch frustrierend. Denn manche Klischees stimmen tatsächlich, findet sie: „Fernseher, Handys, PlayStation – die Kinder haben alles. Und trotzdem ist kein Geld da. Armut ist bei uns immer ein Thema.“ Das kleine Mädchen, das bitterlich geweint hat, weil sie Geburtstag hatte und kein Geld, um ihren Klassenkameraden einen Kuchen auszugeben. Einige Kinder, die ganz viele Geschwister von verschiedenen Vätern haben und mit den eigenen Neffen und Nichten zusammen in eine Klasse gehen. Und: „Viele Kinder laufen lange noch mit den Wintersachen herum – und auch die Sommersachen bleiben, bis es kalt ist.“
Vielleicht geht es ihnen wie der kleinen Gina (8). Ganz verloren steht das Mädchen auf der Marktstraße. Einer Einkaufsmeile in der Innenstadt, die gezeichnet ist von leerstehenden Geschäften, Spielhallen, Ein-Euro-Shops und Billigketten. Ihre rote Jacke ist abgewetzt, unter ihren Schuhen sind große Löcher. Schnell verschwindet sie hinter der Tür des CVJM. „Ich wohne bei Oma und Opa“, erzählt sie. Mein Bruder ist bei Mama, unser Baby bei Papa. Die Oma macht mir morgens Frühstück, und dann bindet sie mir einen Zopf, bevor ich zur Schule gehe.“ Wenn man Gina fragt, wovon sie träumt, will sie ins Einhornland – „da, wo ganz viele Einhörner sind.“ Besuch von Freundinnen bekommt sie nicht. „Zu mir darf keiner, mein Zimmer ist viel zu klein.“ Fragt man sie, was sie einmal werden will, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Mathelehrerin!“ Und plötzlich zweifelt man nicht mehr daran, dass das zähe, kleine Mädchen das tatsächlich einmal schaffen wird.
Kinder, an die man glauben muss
„Unsere Kinder sind nicht dumm. Wenn man sich mit ihnen beschäftigt, merkt man, wie viel in ihnen steckt“, sagt Tamara (17). Sie macht beim CVJM ihr Jahrespraktikum und möchte nach dem Fachabi Erzieherin werden, vielleicht später noch studieren. „Man kann etwas bewirken. Und die Kinder haben wirklich eine Chance verdient.“
Und nach kurzem Zögern: „Ich bin zweimal aus meiner Familie herausgenommen worden und lebe jetzt in einer Verselbständigungsgruppe, in der wir auf die eigene Wohnung vorbereitet werden. Ich bin gleich hier in der Gegend aufgewachsen. Meistens haben wir auf einem Schulhof Fußball gespielt. Gegenüber war eine Bude, da konnte man sich Wassereis holen. Damals war ich neun Jahre alt.“ Und genau wie Gina hatte Tamara eine Oma, die an sie glaubte. „Die meisten denken, es ist doch hoffnungslos. Aber ich hab mir immer selbst das Ziel gesetzt. Heute weiß ich, dass man es schaffen kann. Man muss nur Menschen haben, die an einen glauben.“
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Chancenspiegel
Die Chancen von Schülern, soziale Nachteile zu überwinden und ihr Leistungspotenzial auszuschöpfen, unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland deutlich. Der „Chancenspiegel“ leistet erstmals eine umfassende Bestandsaufnahme und fragt: Wie gerecht und leistungsstark sind unsere Schulsysteme? Ergebnis: Chancengerechtigkeit und Leistungsstärke sind vereinbar, aber kein Bundesland ist überall spitze.
Kontakt: Ulrich Kober
Bertelsmann Stiftung, Institut für Schulentwicklungsforschung (Hrsg.)
Chancenspiegel
Zur Chancengerechtigkeit und Leistungsfähigkeit der deutschen Schulsysteme 2. Auflage 2012, 192 Seiten Broschur inkl. Zusammenfassung zentraler Befunde, 20 Euro, ISBN 978-3-86793-335-3
Auch als E-Book erhältlich
Kein Kind zurücklassen!
Bei der Prävention übernehmen Kommunen wesentliche Aufgaben im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe. Das gemeinsame Kooperationsprojekt mit dem Land NRW vernetzt Akteure in Kommunen und Sozialräumen, um die Wirksamkeit präventiver Maßnahmen zu verbessern. Am Projekt beteiligen sich 18 Kommunen in NRW, darunter auch Oberhausen.
Linktipp: www.kein-kind-zuruecklassen.de
Kontakt: Dr. Kirsten Witte
Jakob Muth-Preis für inklusive Schule
Unter dem Motto „Gemeinsam lernen – mit und ohne Behinderung“ engagiert sich das Projekt für mehr Inklusion und Qualität in Schulen, indem es Schulen für ihre Arbeit auszeichnet, positive Beispiele bekannt macht und zur Nachahmung anregt.
Linktipp: www.jakobmuthpreis.de
Kontakt: Anja Hülsken
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Dr. Brigitte Mohn, Bertelsmann Stiftung, starteten in Essen das gemeinsame Modellvorhaben „Kein Kind zurücklassen!“. Damit sollen bestmögliche Strategien entwickelt werden, um junge Menschen zu unterstützen
KECK: Kommunale Entwicklung – Chancen für Kinder
Der KECK-Atlas dokumentiert die Entwicklung von Kindern in der Kita und liefert Daten über soziale Lage, Bildung und Gesundheit. Kommunen können mit dem kostenlos nutzbaren Instrument Lebensbedingungen von Kindern in verschiedenen Wohngebieten vergleichen.
Linktipp: www.keck-atlas.de
Kontakt: Dr. Carina Schnirch
Küchen für Deutschlands Schulen
Starkoch Tim Mälzer, Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner, Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, und Hans Hermann Hagelmann, Nolte Küchen, wollen Schüler für Kochen und gesunde Ernährung begeistern.
Linktipp: www.in-form.de
Kontakt: Rüdiger Bockhorst









