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„Spitzenvater des Jahres“ 2011

„Es war eine Herzensentscheidung“

Seit 2006 ehrt die Großbäckerei Mestemacher die „Spitzenväter des Jahres“. Einer der Preisträger ist Stefan Linke. Er traf vor 17 Jahren die Entscheidung, zu Hause bei den Kindern zu bleiben, während Ehefrau Elke arbeiten ging. – Ein Besuch bei einem dreifachen Familienvater, der seine Entscheidung nie bereut hat

text: Tanja Breukelchen ][ fotos: Michael Bergmann

Fachwerkhäuser mit grünen Fensterläden, steil ansteigende Straßen, dichte Wälder und gleich nebenan die Dhünntalsperre. Idyllisch liegt die Gemeinde Kürten in den Hügeln des Bergischen Landes, rund 30 Kilometer nordöstlich von Köln. So idyllisch, dass es sich sofort herumspricht, wenn da eine Familie hinzieht, in der der Mann fürs Windelnwechseln, Wäschewaschen, Bügeln, Einkaufen, Kochen und Kindererziehen zuständig ist. Und das auch noch ganz freiwillig.

Das Umfeld war entsetzt

Stefan Linke (43) ist die Ruhe selbst. Besonnen, ausgeglichen und doch immer mit einem Auge auf den kleinen Severin, der gleichzeitig versucht, ein Ei zu pellen und Lego-Steine zu sortieren. „Für uns war das nie eine Frage der Karriere, sondern es war schon damals klar, dass wir uns das teilen wollten“, beginnt er zu erzählen. Damals, das war, als 1995 die älteste Tochter Marie (17) geboren wurde. Stefan Linke und seine Frau Elke (42) verdienten in etwa gleich viel. Sie als Bankkauffrau, er als Konditor. Marie war ein Wunschkind. Und noch mehr Familienzuwachs war geplant. „Am Anfang bin ich zu Hause geblieben“, erinnert sich Elke, „und war der festen Überzeugung, zwei Jahre ganz für Marie da sein zu wollen. Ich habe voll gestillt, ein halbes Jahr lang. Doch dann habe ich gemerkt: Hausarbeit alleine ist es nicht. Das füllt mich nicht aus und macht mich nicht zufrieden.“ – Und genau das gab sie damals offen zu.

Das Umfeld war entsetzt. Von einer Rabenmutter war die Rede, die nur an das Geld und die Karriere denkt. Doch einer stand vom ersten Moment an hinter ihr: Ehemann Stefan! „Wir wollten es uns teilen, ob jetzt oder später, ist doch egal, frag doch einfach mal bei deinem Arbeitgeber nach“, sagte er damals. Also tauschten die Linkes die klassischen Rollen, die eh nie in ihren Köpfen waren. Elke arbeitete ganztags in einer Bankfiliale als Kundenberaterin, Stefan blieb bei Marie und arbeitete zwei Tage die Woche in seinem alten Betrieb als Konditor. Das änderte sich auch nicht, als Sohn Simon (heute 14) auf die Welt kam. Stefan Linke: „Das war eine absolute Herzensentscheidung, aber damals noch ein ganz anderes Thema. Ein Vater, der zu Hause bleibt? Das gab es gar nicht. Die Leute fragten sich, ob ich das überhaupt schaffe.“ Und ob er das schaffte! Auch wenn er den Blicken der Spielplatzmütter lieber auswich: „Ich war selten auf dem Spielplatz. Es war nicht meine Welt, dass sich alles nur noch um Kinder und Haushalt dreht. Ich hab auch direkt gesagt, ich gehe nicht in die Krabbelgruppe oder zum Mutter-Kind-Turnen.“

Gleichzeitig bastelten die Linkes an einer privaten Karriere. Sie bauten in Kürten ein Haus, stemmten alles alleine, mit kleinem Budget. Als Stefan Linkes Konditorei schließen musste, arbeitete er nachts als Lagerarbeiter auf dem Flughafen Köln-Bonn, versorgte tagsüber Marie und Simon. „Das war eine Herausforderung“, sagt er und schaut lächelnd zu Marie. Ein junges Mädchen mit wachem Blick, das zweimal die Klasse übersprungen hat und jetzt mit 17 das Abi macht. Ihr Traum: ein Psychologiestudium in Oxford. Zwei Semester Jura hat sie während der Schule bereits in Köln studiert, zugleich Leichtathletik gemacht, Handball gespielt und zwei Instrumente gelernt. „Marie wollte von Anfang an gefördert werden“, sagt Stefan Linke. Und Marie ergänzt: „Sonst wird es mir langweilig.“

Ehrung zum Spitzenvater

Die Arbeitsteilung ihrer Eltern findet sie richtig cool: „Ich war immer stolz darauf – und will das später genauso machen.“

Dass dem Postboten einmal herausrutschte: „Ach, Sie sind der Hausmann von Kürten!“, prallt wie so vieles an Stefan Linke ab. Und dass sich Familie und Freunde mit der Zeit an den Vollzeit-Papa gewöhnten, zeigte sich spätestens, als sie ihn bei Mestemacher als „Spitzenvater des Jahres 2011“ vorschlugen. „Als meine Frau dann vor drei Jahren mit Severin schwanger war, wurde direkt gefragt, wann Elke denn wieder anfängt zu arbeiten“, sagt er. „Da hatte es sich komplett gedreht und es wurde vorausgesetzt, dass wir alles wieder genauso machen.“

Nach acht Wochen ging sie tatsächlich wieder arbeiten. Zuerst als Kundenberaterin, dann sehr schnell als Filialleiterin und seit zwei Jahren als Regionaldirektorin mit 75 Mitarbeitern. „Das alles kann ich nur machen, weil ich zu Hause volle Rückendeckung habe“, sagt sie. „Das ist eben nicht nur meine, es ist unsere gemeinsame Karriere!“ Trotzdem sei manchmal dieses Gefühl da, etwas zu verpassen: „Davon kann man sich nicht freimachen, die Frage ist eher, wie man damit umgeht. Ich frage abends oft, was der Tag gebracht hat, und lasse mir lustige Momente erzählen, in denen Severin mal wieder alle um den Finger gewickelt hat.“ Morgens versucht die ganze Familie noch zehn Minuten gemeinsam um den großen Holztisch im Esszimmer herum zu sitzen. Und am Abend kocht Stefan für alle – das gemeinsame warme Abendessen ist ein Familienritual. Genau wie der Blick in den sechsspaltigen Kalender – eine Spalte für jeden, eine für alle. Und wie der gemeinsame Abend, der meistens noch die Frage aufwirft, wer denn nun Severin ins Bett bringt. Der kann es sich dann aussuchen: Mama, Papa oder eines seiner Geschwister.

Als er beim Spielen hinfällt, läuft er auch prompt zu Papa und lässt sich trösten. Stefan Linke lächelt: „Hätte ich die letzten 17 Jahre Vollzeit als Konditor gearbeitet, hätte ich vieles verpasst. Ich finde es halt klasse, die Zeit mit den Kindern zu haben, voll dabei zu sein, alle Höhen und Tiefen hautnah mitzuerleben.“

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Projekte der Stiftung

Lebenswerte Arbeitswelt – Verantwortung von Unternehmen

Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend führt das Projekt das Qualifizierungsprogramm „work-life-competence“ durch. Ziel ist es, auf regionaler Ebene eine familienbewusste Personalpolitik zu entwickeln und in der Unternehmenskultur zu verankern. Die „Expertenkommission Familie“ erarbeitet Anforderungen an eine moderne Familienpolitik. Seit 2011 vergibt die Bertelsmann Stiftung das Qualitätssiegel „Familienfreundlicher Arbeitgeber“.

Linktipp: www.familienfreundlicher-arbeitgeber.de
Kontakt: Dr. Alexandra Schmied 

Moderne Familienpolitik

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Familienpolitik im 21. Jahrhundert
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Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)
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Das Personalkonzept „work-life-competence“ 2011, 108 Seiten, Ordner mit 3 Broschüren, 25 Euro ISBN 978-3-86793-338-4