Für Betreuung mit Qualität: Dr. Jörg Dräger
Kinder brauchen starke Eltern
Die Familie ist der wichtigste Ort fürs Aufwachsen und Lernen. Klar ist jedoch auch, dass eine gute Kita die Chancen von Kindern zur Teilhabe enorm fördert. Wer Kindern helfen will, muss deshalb das Gegeneinander von Krippe und Familie überwinden
Bildung beginnt mit der Geburt. Damit ist ausdrücklich nicht gemeint, dass unsere Vierjährigen schon chinesische Gedichte aufsagen sollten. Ebenso falsch wäre es jedoch anzunehmen, das Motto der ersten Lebensjahre hieße lediglich „trocken und satt“. Es lautet: „forschen und entdecken“. Kinder sollen sich sicher fühlen, und zugleich braucht ihr wacher Geist Anregungen und Interessantes, um die Welt zu begreifen und die eigenen Fähigkeiten auszubilden.
Über wenig anderes wird so erbittert gestritten wie über die Frage, wo unsere Kinder diese Anregungen erfahren sollen. Zu Hause oder in der Krippe? Der Streit entzündet sich in der Regel daran, wie öffentliche Gelder verteilt werden. Dabei verbirgt sich hinter der aktuellen Debatte Betreuungsgeld versus Krippenplätze mehr als nur ideologisch aufgeladene Symbolpolitik. Sie ist der Spiegel konkreter Sorgen von Eltern, die mindestens intuitiv wissen: In den ersten Lebensjahren entwickelt sich das Fundament für die weitere (Bildungs-)Biographie unserer Kinder. Die Erfahrungen der ersten Lebensjahre beeinflussen die Teilhabechancen oft für ein ganzes Leben – positiv wie negativ.
Wie also mache ich es richtig als Eltern? Ein Patentrezept gibt es nicht, weil jedes Kind einzigartig ist. Fest steht: Die Familie ist der wichtigste Ort fürs Aufwachsen und Lernen. Das wird häufig unterschätzt – bei Familien in prekären Lebenslagen mitunter sogar infrage gestellt. Klar ist jedoch auch, dass eine gute Kita, die partnerschaftlich mit den Eltern zusammenarbeitet, die soziale, motorische, musikalische und kognitive Entwicklung von Kindern enorm fördert.
Wer eine gesunde Balance zwischen familiärer und außerfamiliärer Bildung anstrebt, stößt auf Probleme. Da ist auf der einen Seite der Mangel an Krippen. In einer Stadt wie Duisburg gibt es für jeden U3-Platz eine Warteliste. Über die Qualität des Betreuungsangebots ist da noch kein Wort verloren. Andererseits: In derselben Stadt wächst jedes dritte Kind in einer Hartz-IV-Familie auf. Die Sorgen dort sind ganz andere: Reicht das Geld für den nächsten Kindergeburtstag?
Kinder brauchen beides: starke Eltern und starke Bildungsinstitutionen. Investitionen in gute frühe Bildungsinstitutionen und in Familien mit jungen Kindern sind daher besonders wichtig und wirksam. Wir brauchen genügend gute Krippenplätze, damit alle Eltern eine echte Wahl haben – auch um Beruf und Familie zu vereinbaren. Jede Förderung von Familien wie auch von Institutionen muss anstreben, allen Kindern faire Entwicklungschancen zu bieten. Dies beginnt mit der Bekämpfung von Kinderarmut und reicht bis zur Frage, ob eine Stadt in sozialen Brennpunkten nicht mehr Geld in außerfamiliäre Einrichtungen investieren sollte als in anderen Stadtvierteln.
Gleiche Entwicklungschancen brauchen gezielten Einsatz der Mittel. Mutig wäre eine Politik, die sich dafür stark macht. Und Dinge infrage stellt wie das Ehegattensplitting für Kinderlose oder das Elterngeld für Spitzenverdiener. Eine ebensolche Fehlsteuerung wäre das Betreuungsgeld. In Norwegen nehmen das vor allem bil-dungsferne Eltern und Zuwanderer in Anspruch. Deren Kinder aber profitieren am meisten von einer guten Kita-Erziehung. Statt über das vermeintliche Gegeneinander von Krippe und Familie zu streiten, sollten wir lieber eine individuelle Förderung der Kinder durch pädagogische Fachkräfte im engen Schulterschluss mit den Eltern zur Selbstverständlichkeit machen: Das wäre ein wichtiger Schritt zu mehr Chancengerechtigkeit.
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