Streitgespräch
Herdprämie oder Betreuungsgeld?
Sie sind wie Feuer und Wasser: Die CSU-Politikerin Christine Haderthauer (49, zwei Kinder), Bayerische Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, fordert das Betreuungsgeld. Manuela Schwesig (38, ein Kind), SPD-Ministerin für Arbeit, Gleichstellung und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern, sieht darin eine Herdprämie und kämpft stattdessen für eine bessere Betreuung. – Was passiert, wenn beide aufeinandertreffen?
Ist heute die beste Zeit, um Kind zu sein? Oder gab es bessere Zeiten für eine „ideale“ Kindheit?
Christine Haderthauer: Für Kinder sind verlässliche Bindungen am wichtigsten, zu Eltern wie auch zu Freunden. Das bestätigen alle Umfragen. Erst an zweiter Stelle steht die materielle Absicherung. Viele Baustellen unserer Kinder, die durch mangelnde Bindung entstanden sind, sind später nur mit großem Begleitungs- und Betreuungsbedarf wieder zu reparieren. Die Armut unserer Zeit heißt Bindungsarmut.
Manuela Schwesig: Ich wäre gerne noch einmal Kind. Sehr viele Kinder werden sehr behütet, aber zu viele Kinder in Deutschland wachsen bildungsfern und in materieller Armut auf. Und auch in materiell gut gestellten Familien erfahren viele zu wenig Aufmerksamkeit und Liebe und zu viel Druck. Mich erschreckt die Umfrage, dass 71 Prozent der Kinder und Jugendlichen sich nicht willkommen fühlen. Da ist unsere Gesellschaft, da ist jeder gefordert. Das kann die Politik nicht allein richten.
Haderthauer: Wir sind stellenweise „kinderentwöhnt“. Viele halten es gar nicht mehr aus, auch mal ein Kleinkind in der U-Bahn weinen zu hören.
Schwesig: Sie trauen sich kaum mit Kindern in ein Restaurant …
Haderthauer: Die Gesellschaft hierzulande ist ziemlich unentspannt beim Thema Kinder.
Ist das denn wirklich ein deutsches Phänomen?
Schwesig: Vielleicht gibt es das auch in anderen Ländern. Aber wir schauen ja immer sehr in Richtung Skandinavien, und da ist es selbstverständlich, dass Kinder überall dabei sein können. Auch ein Spitzenpolitiker kann um 17 Uhr sagen: „Ich muss los, mein Kind abholen.“ Da werden eher die Väter und Mütter schräg angeschaut, die noch um 21 Uhr im Büro sitzen. Wir glauben noch zu sehr an den „richtigen“ Zeitpunkt zum Kinderkriegen. Aber den gibt es nicht. Wir müssen zu der Philosophie kommen, dass immer dann, wenn sich ein Kind ankündigt, der richtige Zeitpunkt ist.
Haderthauer: Viele junge Eltern und gerade Frauen lassen sich leider beim eigenen Lebensentwurf stark verunsichern.
Da tut sich doch schon viel in der Generation der 30-, 40-Jährigen …
Haderthauer: Es tut sich viel, aber es muss auch vorgelebt werden. Wir brauchen wieder eine Ermutigungskultur fürs Kinderkriegen. Meine Tochter hat ganz bewusst ihr erstes Kind als Studentin bekommen und damit meinen Lebensweg sozusagen „kopiert“. Sie ist damit aufgewachsen, dass wir es immer als unsere beste Entscheidung bezeichnet haben, sie und ihren Bruder während des Studiums und der Referendarzeit bekommen zu haben.
Schwesig: Ich hätte gedacht, dass wir moderner und entspannter wären, aber dass 71 Prozent der Kinder das Gefühl haben, von Erwachsenen als störend empfunden zu werden, ist ein Alarmsignal.
Haderthauer: Kein Wunder bei Schlagzeilen wie: „Kinder sind das größte Karriere-hindernis für ihre Mütter“ oder „Kinder sind das größte Armutsrisiko“. Auch die ganzen Bemühungen, Kinder outzusourcen, kommen doch zwangsläufig so rüber, als ob sie nur stören.
Schwesig: Da widerspreche ich. Ich glaube nicht, dass in der Umfrage eine Rolle gespielt hat, was Kinder in der Zeitung lesen. Studien zeigen, dass Kinder, deren Eltern arbeiten gehen, zufriedener sind. Das Problem ist wirklich, was Kinder im Alltag erleben, dass man mit den Augen rollt, wenn sie mit dem Skateboard durch die Fußgängerzone fahren, dass sie die Angespanntheit merken, wenn man mit ihnen essen gehen will. Und sie bekommen den Verteilungskampf mit, dass gerade bei Schulen und Kitas das Geld nicht reicht, aber tolle Bankenpaläste entstehen. Alle sagen, Kinder seien das Wichtigste, aber das findet sich im Alltag nicht.
Der Horizont der Politik reicht nur bis zur nächsten Wahl, so schnell zahlen sich Maßnahmen für Kinder nicht aus …
Schwesig: Das ist der große Fehler der Familienpolitik, aber auch der Sozialsicherungssysteme: Man investiert nicht, sondern repariert nur.
Haderthauer: Das ist ein klassisches Problem in einer Demokratie, das finden wir in vielen Bereichen.
Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus? Oder müssen wir uns damit abfinden?
Schwesig: Es ist ein ständiger Kampf. Früh in die Köpfe und Herzen der Kinder zu investieren und gleichzeitig auf Konsolidierung zu achten, das ist unser Rezept in Mecklenburg-Vorpommern. Wir machen keine neuen Schulden, zahlen sogar zurück. Nur in einem Bereich geben wir mehr aus: bei den Investitionen in Kinder mit Schwerpunkt auf dem Kita-Bereich. Wir dürfen nicht erst bei den Einschulungstests die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, sondern wir müssen früh in der Kita fördern.
Haderthauer: Da kann ich mich nur anschließen. Das ist in Bayern genauso: Wir investieren ganz massiv in Kinder.
Also wenn alle so handelten wie Sie, wäre alles perfekt?
Haderthauer: Nachhaltigkeit ist immer schwieriger als kurzfristige Erfolge. So tickt der Mensch nun einmal. Darum ist es die Kunst von Politik, die Folgen deutlich zu machen, wenn wir bestimmte Weichen jetzt nicht stellen.
Schwesig: Investieren statt reparieren hat sich politisch noch nicht durchgesetzt. Wir müssen nicht nur in die Quantität, sondern auch in die Qualität investieren: Die Erzieherinnen müssen besser bezahlt werden, wir brauchen kleinere Gruppen, Sozialpädagogen an sozialen Brennpunkten. Jeder Euro muss hier investiert werden und nicht in ein Betreuungsgeld, das dann auch noch daran geknüpft ist, dass die Leute ihr Kind nicht in die Kita bringen dürfen.
Haderthauer: Wenn man die Kita für das Allheilmittel hält.
Wollen Sie den Ausbau der Betreuungseinrichtungen für das Betreuungsgeld zurückfahren?
Haderthauer: Nein, wer einen Krippen- oder Kita-Platz möchte, soll ihn bekommen. Aber wir müssen uns auch um die Eltern kümmern, die für ihr Ein- und Zweijähriges die Krippe nicht ideal finden. Ohne die Familien gegeneinander auszuspielen.
Schwesig: Einspruch, Frau Haderthauer! Die Realität ist doch eine andere, denn nicht alle, die einen Krippenplatz wollen, finden ihn auch. Und: Sind Sie nicht diejenige, die Familien gegeneinander ausspielt? Denn Sie wollen diese Fernhalteprämie ja – und das ist meine harte Kritik – daran knüpfen, dass man sein Kind nicht in eine Krippe gibt. Wenn Sie Erziehungsleistungen wirklich würdigen und wertschätzen wollen, dann müssen Sie sie für alle Familien anbieten. Sonst unterstellen Sie, dass die Mütter und Väter ihr Kind zusammen mit dem Erziehungsauftrag an der Kita-Tür abgeben. So ist es ja nicht!
Haderthauer: Natürlich nicht. Sie konstruieren künstlich einen Widerspruch, wo keiner ist. Betreuungsgeld soll nicht die Erziehung honorieren – sonst hieße es ja Erziehungsgeld. Es soll einfach eine alternative Betreuung ermöglichen.
Schwesig: Eine Fernhalteprämie von Zukunftschancen …
Haderthauer: … weil Sie die Krippe für die einzige Zukunftschance halten …
Schwesig: Das ist meine praktische Erfahrung. Mein Sohn geht selbst, seit er anderthalb ist, in eine Krippe. Sonst hätten mein Mann und ich gar nicht Beruf und Familie miteinander vereinbaren können. Ich erlebe täglich, dass mein Sohn eine individuelle Förderung bekommt, nach einem Bildungsplan, denn Bildung fängt nicht erst in der Schule an.
Haderthauer: Sie können aber Ihren Weg nicht allen aufstülpen.
Schwesig: Jetzt kommen Sie aber um die Ecke und bieten Eltern Geld an, wenn sie ihr Kind nicht in die Kita geben. Viele Eltern, vor allem alleinerziehende Frauen, sind auf diese 150 Euro im Monat angewiesen und nehmen das Kind aus der Krippe, weil sie von Hartz IV leben müssen.
Haderthauer: Ihr Beispiel hinkt: Hartz-IV-Empfänger bekommen das Betreuungsgeld nicht.
Warum denn nicht?
Haderthauer: Weil sie den Kita-Platz auch kostenlos bekommen.
Schwesig: Aber dann wird das ganze System ja noch ungerechter.
Haderthauer: Nein. Das ist sogar nach Ihrer eigenen Argumentation nur logisch, um Fehlanreize zu vermeiden.
Schwesig: Die Nachfrage nach Krippenplätzen wird aber zum 1. Januar 2013 nicht gestillt sein. Familienministerin Schröder hat jetzt eine Studie vorgestellt, nach der es gerade für Kinder von alleinerziehenden Berufstätigen gut ist, wenn sie in eine Kita gehen. Und deswegen müsste man eigentlich einen Ganztagsanspruch haben, wenigstens für die Alleinerziehenden.
Haderthauer: Wissenschaftliche Langzeituntersuchungen weisen auf Risiken der sozio-emotionalen Fehlentwicklung hin, wenn Kleinstkinder von einem Jahr zu früh und zu lang am Tag in Krippen betreut werden. Zumal die Gruppengrößen, die wir in Deutschland haben, dem Bindungsbedürfnis eines Ein- oder Zweijährigen nicht entsprechen. Darum verstehe ich alle Eltern, die in diesem Alter die eigene oder eine privat organisierte Betreuung wählen, zum Beispiel mit der Oma oder einer Nanny. Wenn der Staat den Eltern von Ein- und Zweijährigen bei der Lösung der Betreuungsfrage schon helfen will, dann muss er das für alle tun. Wer die auch mit seinen Steuergeldern finanzierte Sachleistung „Krippenplatz“ nicht will, kann stattdessen das deutlich geringere Betreuungsgeld wählen.
Schwesig: Aber Frau Haderthauer, Sie bekommen doch für 150 Euro im Monat keine Nanny!
Haderthauer: Ich hätte auch lieber 500 Euro, aber das ist schon mal ein erster Schritt.
Schwesig: Viele Familien sind auf diese 150 Euro in der Haushaltskasse angewiesen.
Haderthauer: Diesen Familien ist dann auch der Elternbeitrag für den Krippenplatz zu teuer. Da bleibt das Kind ohnehin zu Hause.
Ist das nicht ein Problem bei Familien aus bildungsfernen Schichten?
Haderthauer: Nein, in diesem Alter zählt die liebevolle Zuwendung, nicht, welchen Bildungsabschluss die Eltern haben.
Schwesig: Wenn Sie sagen, alle Familien bekommen eine Unterstützung, damit sie sich zusätzlich zur bestehenden Infrastruktur Betreuung organisieren können, dann gestalten Sie das Kindergeld gerechter. Aber Sie knüpfen daran die Bedingung, dass man ein Kind nicht in eine Bildungseinrichtung schicken kann.
Haderthauer: Sie können die Krippe nennen, wie Sie wollen, Tatsache ist, dass in dem Alter der Kinder nicht ihre Bildung, sondern ihr Bindungsbedürfnis an erster Stelle steht.
Schwesig: Bei uns in Mecklenburg-Vorpommern ist die Krippe keine Erziehungs-, sondern eine Bildungseinrichtung, wenn auch anders als die Schule.
Haderthauer: Widerspruch: Nicht die Krippe, sondern die Familie ist die wichtigste Bildungsinstitution, und von der halten Sie die Kinder fern, wenn Sie sie in die Krippe lenken. Unter Bildungsaspekten sollten sich nicht alle auf die Krippe fokussieren, sondern darauf, Ganztagsstrukturen für Schulkinder auszubauen.
Schwesig: Sie machen gerade genau das, was Sie eigentlich nicht wollen: Sie spielen die Familien gegeneinander aus. Sie sagen, Ganztagsschule wäre richtig, Krippe nicht.
Haderthauer: Na, dass Einjährige andere Bedürfnisse haben als Schulkinder, müsste Ihnen aber schon einleuchten. Es ist doch zynisch, zu verkünden, dass Einjährige dringend die Krippe brauchen, um „gebildet“ zu werden, sich aber nicht genug um den Schulkindnachmittag zu kümmern, obwohl mit fortschreitendem Alter externe Bildungseinflüsse tatsächlich wichtig werden.
Schwesig: Familienministerin Schröder hat gerade eine Studie vorgestellt, dass man jetzt 2,4 Milliarden bräuchte, um die Ganztagsplätze für Kinder von Alleinerziehenden auszubauen. Diese Summe entspricht ungefähr dem Betreuungsgeld.
Haderthauer: Ich finde es familienfeindlich, Familien auf diese Weise gegeneinander auszuspielen.
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Manuela Schwesig
Manuela Schwesig wurde 1974 in Frankfurt (Oder) geboren. Als Diplom- Finanzwirtin machte sie zuerst Karriere im Finanzministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Parallel lief ihr politischer Aufstieg in der SPD, deren stellvertretende Bundesvorsitzende die Ministerin für Arbeit, Gleichstellung und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern heute ist. Manuela Schwesig ist Mutter eines kleinen Sohnes
Christine Haderthauer
Christine Haderthauer wurde 1962 in Neumünster geboren, wuchs in München auf. Sie studierte Rechtswissenschaften, gründete 2002 eine Kanzlei in Ingolstadt. Parallel machte sie in der CSU Karriere, wurde 2007 Generalsekretärin, trat nach der Landtagswahl 2008 zurück und wurde kurz darauf Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen. Sie ist Mutter von zwei Kindern



