Lokales Engagement
Mehr als ein Dorf-Modell
Zutrauen, vertrauen, wertschätzen: Im Münsterland vernetzt das Telgter Modell Schule und Wirtschaft auf eindrucksvolle Weise und hilft den Jugendlichen vor Ort damit schon frühzeitig, Chancen für die Zukunft zu nutzen
Der Brief kommt einen Tag vor Weihnachten. Nervös öffnet Jens Gronhoff das offiziell aussehende Schreiben. „Wir freuen uns“ steht da, und er weiß in dem Moment, dass er nur noch wenige Monate zur Schule gehen muss. Wo das Stillsitzen und Lernen, acht, neun Stunden am Tag, dem 16-Jährigen oft so sinnlos erscheint. Viel lieber arbeitet er, packt mit an, so wie zu Hause auf dem Bauernhof in Westbevern im Münsterland. Hier, wo sich Wiesen, Felder und Wälder abwechseln, Pferde grasen und die Gehöfte aus dunkelrotem Backstein sind, betreiben seine Eltern eine Forstwirtschaft. Auch nicht wirklich sein Ding, zumal er davon nicht leben könnte. Aber Metallbauer, das ist es. „Aus rohem Stahl ganze Anlagen zu bauen, das bewundere ich, das möchte ich können“, schwärmt der sonst so stille, große junge Mann, und seine Augen leuchten. Im Spätsommer geht’s los. Dass er nach der neunten Klasse die Hauptschule gleich mit einem Ausbildungsvertrag bei der Firma Münstermann in der Tasche verlassen kann, ist nur ein Beispiel dafür, wie gut in der Gemeinde Telgte Schule und Wirtschaft vernetzt sind, seit es das Telgter Modell gibt.
„Hauptschüler sind nicht mehr vermittelbar. Realschüler auch schon nicht mehr so richtig.“ Magdalena Münstermann hat diese Aussagen, die vor einigen Jahren häufig vorgebracht wurden, noch gut in Erinnerung. Mit ihrem Mann Bernd und Sohn Frank Münstermann führt die patente 58-Jährige das gleichnamige Unternehmen für Sonderanlagenbau im Telgter Stadtteil Westbevern, das mit seinen 200 Mitarbeitern international tätig ist – und dessen Werksgelände nur eine kurze Mofafahrt von Jens’ Elternhaus entfernt liegt. „Damals dachte ich irgendwann, alle klagen nur. Warum tun wir nichts?“
Sie tat was. Sprach mit der Clemens-Hauptschule, die auch Jens besucht, und zunächst sieben anderen Unternehmern in Telgte. Ihre Idee: jungen Menschen zusätzlich zu den üblichen Schulpraktika durch Tagespraktika frühzeitig Berufe nahezubringen, sie individuell zu fördern, Interesse zu wecken, Talente zu entdecken, sodass Unternehmen ihrerseits später auf Bewerber treffen, die hoch motiviert sind, wissen, was sie wollen und von der Realität der Berufswelt nicht hoffnungslos überfordert sind. Um Jobmöglichkeiten direkt in der Schule bekannter zu machen, sollten die Unternehmen außerdem Unterricht mitgestalten.
Heute veranschaulicht ein örtlicher Hörgeräteakustiker eine Stunde lang im Bio-Unterricht die komplexe Struktur des Ohrs und in Physik, wie es funktioniert. Ein Modehaus führt in Arbeitslehre in Verkaufspsychologie ein, ein Kinderarzt erläutert in Politik den Aufbau des Gesundheitssystems. Auszubildende der Firma Münstermann berichten im Englischunterricht von ihren Erfahrungen beim Auslandspraktikum und zeigen, wie wichtig es ist, eine Fremdsprache zu lernen. Natürlich auf Englisch. Praktiker machen Theorie lebendig.
Aus den acht Pionieren von 2008 wurden inzwischen knapp 100 Unternehmen. Das gesamte Schulzentrum inklusive Realschule und Gymnasium macht mit sowie die Stadt Telgte. Wirtschaftsförderer Andreas Bäumer hat seit 2009 mit www.telgter-modell.de eine Internetplattform aufgebaut, die in dieser Form vielleicht einmalig ist, da sie übersichtlich Unterrichtsangebote für Lehrer sowie Praktikums- und Ausbildungsplätze aller beteiligten Firmen für Schüler auflistet. „Damit fallen viele Hemmschwellen weg“, lobt der Leiter der Hauptschule, Hubertus Kneilmann-Uekötter: „Früher mussten Schüler in den Gelben Seiten danach suchen, was es überhaupt gibt, ohne Ansprechpartner. Heute sind Schüler und Unternehmen viel leichter in Kontakt.“ Damit Bewerbungen dann auch erfolgreich verlaufen, gibt’s zusätzlich Tipps, etwa fürs Vorstellungsgespräch: „Bauchfrei, zu viel Schmuck, dick aufgetragene Schminke und ungepflegt gehen gar nicht. Erscheine ohne Kaugummi...“
Im Schaukasten des Schulzentrums hängt ein Plakat des Telgter Modells, viele Jugendliche kennen und nutzen die Website, sagt Jens. Darüber fand auch er in der achten Klasse zu seinem ersten Schnupperpraktikum bei Münstermann. „An so einem Tag bekommt man schon einen Eindruck von einem Menschen“, sagt Magdalena Münstermann, die in Telgte so bekannt ist wie einst der Herr von der Versicherung in der Werbung. Und Jens, so war ihr Fazit nach einem Tag, der sei nett, sehr interessiert, begabt im Umgang mit Metall und stehe nicht nur rum, wenn grad mal nichts zu tun sei. Als seine Klassenlehrerin Gertrud von Plettenberg zudem deutlich machte, „dass Jens schulmüde ist“, setzten sich die beiden Frauen kurzerhand mit Jens zusammen, um für ihn einen Weg zu finden, früher in eine Ausbildung gehen zu können. Eine Stelle bei Münstermann wurde frei, Jens bewarb sich. „Auf die Zeugnisse gucken wir meist nicht“, sagt Magdalena Münstermann, „das Zwischenmenschliche zählt, Neugier, etwas auszuprobieren, und Lernbereitschaft.“
Auf „Soft Skills“ legt auch die Landschaftsgärtnerin Hildegard Theilmeier den größten Wert. Außerdem darf ein Auszubildender „kein Langweiler sein“, wie sie sagt. „Wenn ich einen Lehrling nehme, sind wir oft mit dem Lieferwagen unterwegs. Da muss man sich auch unterhalten können, vielleicht über sein Engagement bei der Jugendfeuerwehr, im Verein, über ein Hobby.“ Noten sagen darüber nichts aus. Die Inhaberin des Telgter Gartenbaus gehört zu den „Gründungsmitgliedern“ des Telgter Modells und unterrichtet zudem einmal pro Woche Gartenbau in der achten Klasse. Aus dem zugewucherten Schulgarten mit der alten Hütte, deren Schindeln schon ganz bemoost sind, wurde so wieder ein hübsches Areal mit Staudenbeeten, Beerenfrüchten im Sommer; sogar einen Teich legten die Schüler an und mauerten die Einfassung. „Hildegard,“ sagte eine Passantin da eines Tages, „was hast du Schönes gemacht.“ Da stellte sich einer der Jungs hin und sagte mit breiter Brust: „Wir sind Hauptschüler, wir können das!“ Selbstbewusstsein zu stärken, Fähigkeiten entwickeln, Jugendlichen den Wert von Handwerk zu vermitteln, das ist Theilmeier wichtig. Ebenso wie zu zeigen, „wofür Mathe gut sein kann, etwa zur Anlage von Flächen, oder um den Bau einer Trockenmauer zu berechnen.“
An einem Dienstagmittag im Winter steht die Gärtnermeisterin mit dem Pagenhaarschnitt zum Fototermin in dicken Wanderstiefeln, Jeans und wetterfester Jacke parat. Drei Schüler sind freiwillig dazugekommen und machen sich, wo sie schon mal da sind, auch gleich am Sinnespfad zu schaffen: Sandsteinplatten ordentlich verlegen, sodass sie nicht kippeln. „Prüft mal mit der Wasserwaage, die dürfen nicht hohl liegen, sonst muss noch ein bisschen mehr Split drunter.“ Der 15-jährige Daniel hat schon ein Praktikum bei ihr absolviert und möchte seitdem Gärtner werden – und nicht mehr Zweiradmechaniker: „Ich will nicht drinnen arbeiten!“ Der hoch aufgeschossene 16-jährige Philipp findet das Vielseitige an diesem Beruf spannend: „Hier kann ich mit so unterschiedlichen Materialien wie Erde, Holz, Pflanzen, Steinen, Wasser und Metall kreativ sein.“ Für ihre Zeit und ihr freiwilliges Engagement erhält Hildegard Theilmeier ein kleines Honorar, vor allem aber Dankbarkeit. Als Philipp unvermittelt sagt, „Frau Theilmeier, das ist toll, dass Sie uns das alles zeigen“, strahlt sie. „Verstehen Sie jetzt, warum ich das alles mache?“ Es war nie die Not, dringend einen Auszubildenden finden zu müssen, auch die Firma Münstermann hatte immer schon mehr Anfragen als Plätze.
Auf dem Erfolg ihrer Idee ruht sich Magdalena Münstermann aber nicht aus. Als ein Raumausstatter einen Azubi suchte und sich hilfesuchend an Andreas Bäumer wandte, richtete dieser ihm direkt in seinem Büro den Web-Zugang zum Telgter Modell ein. Magdalena Münstermann kam mit und erläutert es. Schon kurz darauf konnte der Unternehmer die Stelle mit einem Schüler besetzen. Weil der demographische Wandel auch an Telgte nicht spurlos vorbeigeht, „werden immer mehr Firmen die Notwendigkeit erkennen, auf dieser Ebene zusammenzuarbeiten“, ist Wolfgang Pieper (Bündnis 90/Die Grünen) überzeugt. Der Bürgermeister der Stadt, der mit dem Fahrrad zur Arbeit kommt, sieht im Telgter Modell eine „Win-win-win“-Situation: „Schüler finden einen interessanten Job, Unternehmen Mitarbeiter, und die Kraft des Wirtschaftsstandorts Telgte wird gestärkt.“ Der Altersdurchschnitt der Stadt liegt derzeit bei rund 40 Jahren, bis 2025 wird der Anteil von Menschen unter 18 Jahren von 19,9 Prozent im Jahr 2007 auf 16,5 Prozent sinken. Zugleich wird die Kommune bis dahin etwa 3,2 Prozent ihrer Bevölkerung verlieren, „damit sind wir noch auf einer Insel der Seligen“, so Pieper. Trotzdem will er frühzeitig Menschen an den Ort binden, jungen Leuten hier ihre Ausbildung ermöglichen, die dann womöglich in Telgte auch eine Familie gründen – oder, sollten sie weggezogen sein, später zurückkommen. Gut 19.000 Menschen leben derzeit in der Stadt am Flüsschen Ems, das sich am beschaulichen Altstadtkern vorbeischlängelt, an restaurierten Fachwerkhäusern und einer berühmten Kapelle mit einem Gnadenbild, zu der einmal im Jahr von Osnabrück die meistbesuchte deutsche Wallfahrt führt.
Noch ist das Telgter Modell kaum bekannt, Anfragen dazu aber gibt es etwa aus dem Ruhrgebiet und aus Aachen. Die Bezirksregierung Münster hat die Idee bereits aufgegriffen und unter dem Motto „Wirtschaft und Schule als Partner“ zu einem eigenen Angebot weiterentwickelt, in das zusätzlich die Bundesagentur für Arbeit, die Handwerkskammer, die Industrie- und Handelskammer sowie der Deutsche Gewerkschaftsbund integriert sind. Elf Kommunen, darunter die Stadt Münster, beteiligen sich derzeit daran. Ihr engagiertes Eintreten für „Corporate Social Responsibility“ (CSR), unternehmerische Verantwortung als Beitrag für nachhaltige Entwicklung schon auf lokaler Ebene, hat Magdalena Münstermann und ihrem Unternehmen zahlreiche Auszeichnungen eingetragen, darunter kürzlich auch von der Bertelsmann Stiftung. Die studierte Lehrerin für Biologie, Mathematik und Geografie selbst spricht über diese Haltung, die nicht auf kurzfristigen Profit, sondern gegenseitige Wertschätzung und gesundes Wachstum für alle Beteiligten ausgerichtet ist, an der Clemens-Hauptschule im Fach Religion – und ansonsten lebt sie diese einfach, in unterschiedlichsten Facetten: Bei Münstermann lassen sich Familie und Beruf so vereinbaren, dass es für jeden passt. Es gibt eine Sportgruppe, an der sich vom Chef bis zur Putzfrau viele Mitarbeiter beteiligen; wer Marathon läuft, bekommt eine gut verzinste Prämie. Ein früherer englischer Hubschrauberpilot unterrichtet die Belegschaft einmal in der Woche in seiner Muttersprache, dann müssen auch schon Azubis Kurzreferate über ihre Arbeit am Trocknungsofen für Glaswolle halten. Als 2010 Kurzarbeit angesetzt werden musste, waren die Mitarbeiter über die radikal verschlechterte Auftragslage gut informiert – und machten selbst Vorschläge, wie sie für eine gewisse Zeit weniger arbeiten könnten und so „ihr“ Unternehmen, mit dem sie sich erkennbar identifizieren, zu entlasten. Und wenn die Chefin in schwarzer Samtjacke, schwarzer Hose und Pumps sehr aufrecht durch die Werkshalle geht, wo Schweißer im Blaumann Funken sprühen lassen und die Luft staubig riecht, wird sie ganz selbstverständlich geduzt. Woher Magdalena Münstermann und ihr Mann das Vertrauen in flache Hierarchien und andere Menschen nehmen? „Wir kommen beide vom Dorf, aus Großfamilien. Und als kleines Mädchen erlebte ich, wie mein Vater, der Bürgermeister war, Aussiedlern ein Bund Stroh überließ. Er wollte dafür kein Geld, weil er davon ausging, dass ein Gefallen irgendwann zu ihm zurückkommt.“
Wenn nun Jens Gronhoff seine Ausbildung mit „befriedigend“ abschließt und noch ein Jahr lang an der Volkshochschule Englisch lernt, wird aus seinem Hauptschulabschluss nach Klasse 9 automatisch ein Abschluss 10B. Fachoberschulreife. Damit könnte er direkt in die Klasse 12 einsteigen. Oder bleiben und Karriere machen mit dem, was er im Betrieb gelernt hat. ][
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Das Telgter Modell
Das Telgter Modell besteht seit Mitte 2008 und will die praktische Zusammenarbeit zwischen Telgter Unternehmen und Schulen dahingehend fördern, dass die Schüler bereits ab der fünften Schulklasse in allen Unterrichtsfächern vertiefende Einblicke in verschiedene Berufsbilder der Telgter Betriebe erhalten.Auf der Homepage stellen sich die Telgter Unternehmen aus dem produzierendem Gewerbe, aus Handwerk, Handel, Gastronomie und Dienstleistung vor, und es werden freie Praktikums- und Ausbildungsplätze aus dem Stadtgebiet veröffentlicht. Außerdem besteht für die Schulen die Möglichkeit, die Betriebe thematisch in die Unterrichtsgestaltung einzubeziehen.Initiiert wurde das Telgter Modell von der Bernd Münstermann GmbH & Co. KG und weiteren sieben Unternehmen in Kooperation mit der Clemens-Hauptschule und mit Unterstützung der Wirtschaftsförderung der Stadt Telgte.
Weitere Infos: www.telgter-modell.de
Regionales Engagement
Viele Beispiele für regionales Engagement stellt die Website www.unternehmen-fuer-die-region.de vor. Auf www.csr-mittelstand.de werden Projekte von engagierten mittelständischen Unternehmen gezeigt. Außerdem gibt es auf der Internetseite viele Tipps und Service-Angebote. Ganz praktisch geht es bei der Marktplatz-Methode zu: www.gute-geschaefte.org. Die Idee: Unternehmen, Gemeinnützige und Kommunen treffen sich und gehen Partnerschaften ein – die allen helfen! Die unter anderem von der Europäischen Kommission geförderte Kampagne „Verantwortliche Unternehmensführung“ gibt auf www.verantwortliche-unternehmensfuehrung.de engagierten Mittelständlern gute Tipps, ihr Engagement zu stärken und zu bündeln.












