François Lelord
Von einem, der auszog, das Glück zu suchen…
Ist es Neugier? Politisches Kalkül? Wirtschaftlicher Ehergeiz? Oder gar Liebe und die Suche nach dem Glück? Wir fragten den französischen Arzt und Autor François Lelord, was Kulturen eigentlich verbindet. Denn er schreibt nicht nur Bücher über das Glück. Er lebt auch auf zwei Kontinenten
Mit „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“ fing alles an. François Lelord (58), von Beruf Psychiater, schrieb über das Glück. Später dann über die Freundschaft, die Zeit, die Liebe, das Leben… Seine Bücher sind Bestseller. Vielleicht auch, weil sie immer wieder die Frage nach den Dingen und Gefühlen stellen, die uns Menschen verbinden – über alle Orte, Zeiten und Kulturen hinweg. Und da François Lelord ganz nebenbei auch noch in Europa und Asien lebt, seine Frau Vietnamesin ist und er viel Zeit in Kalifornien verbracht hat, lag die Frage bei allem Wandel zwischen den einzelnen Kulturen nahe: Was verbindet uns eigentlich?
CHANGE: Monsieur Lelord, Sie haben in Hanoi gelebt, dann viele Jahre in Saigon, und vor drei Jahren sind Sie nach Bangkok gezogen.
FranÇois Lelord: Ja, aber ich bin trotzdem noch von Zeit zu Zeit in Saigon, meine Frau ist Vietnamesin. Ich bin sehr gerne dort, aber Bangkok ist weniger hektisch. In Saigon wird so viel gebaut, es ist laut. Bangkok hingegen hat eine andere Entwicklungsstufe erreicht. Es hat eine Metro und den Skytrain, das heißt auch, es gibt weniger Stau, und die Luftqualität ist besser. Fürs Erste bleiben wir nun einmal hier.
Nur wenige Menschen können alle paar Jahre neu beginnen und sich auf eine neue Kultur einlassen.
Nun, ich weiß selbst nicht, warum es mir so leicht fiel, vielleicht hatte ich Nachholbedarf.Ich war die meiste Zeit meines Lebens an meinen Schreibtisch in Paris festgekettet.
Jetzt verbringen Sie etwa die Hälfte des Jahres in Paris, den Rest in Asien. Warum ist das Reisen so eine Inspiration für Sie?
Es stimuliert mich. Man erfährt ständig Neues, auch über sich selbst, weil man sich ja immer an veränderte Umstände anpassen muss. Man könnte sagen, es ist eine Methode, wach und angeregt zu bleiben. Manche Menschen brauchen das vielleicht nicht. Aber ich benötige die Anregung von außen, um beweglich zu bleiben.
Betrachten Sie sich als Nomaden?
Das nicht. Ich reise ja nicht das ganze Jahr herum, wie manche Geschäftsleute oder Journalisten es tun. Ich habe zwei Zuhause. Das eine ist in Paris, das andere im Moment in Bangkok.
Wie passen Sie sich an, wenn Sie von der einen Kultur in die andere kommen? Gibt es bestimmte Rituale?
Ein Ritual habe ich nicht. Es geschieht automatisch, bereits wenn ich das Flugzeug betrete und die thailändischen Flugbegleiter mich und jeden anderen Passagier anlächeln. Da kommt man gar nicht in die Versuchung, selbst mürrisch zu sein. Wobei ich feststelle, dass sich auch in Frankreich etwas verändert. Ich empfinde die jüngere Generation als viel freundlicher als meine eigene. Vielleicht, weil sie mehr verreisen.
Wie kann man den Dialog zwischen Ländern und Kulturen verbessern? Wo sehen Sie Brücken?
Die Hauptbrücke sind gutwillige Menschen mit gemeinsamen Interessen. Ich bin kein Geschäftsmann, aber ich glaube, auch kommerzieller Austausch ist sehr geeignet, Brücken zu bilden. Das mag nicht sehr idealistisch sein, aber ich denke, wenn Menschen gleiche Interesse haben, sind sie weniger verleitet, sich zu bekriegen, jedenfalls solange das Geschäft gerecht läuft. Ich bin auch überrascht, dass viele so negativ über Religion als verbindendes Element urteilen. Denken Sie nur an die beiden großen Kriege dieses blutigen letzten Jahrhunderts, die waren nicht religiös motiviert, Kommunismus und Nazismus waren ziemlich atheistisch.
Was verbindet uns noch? Gibt es so etwas wie einen gemeinsamen Nenner?
Es gibt natürlich universelle Gefühle. Wut, Angst, Liebe, Überraschung, Ekel, Freude. Entsprechend gibt es auch eine universelle Mimik. Aber es gibt unterschiedliche Ausformungen. Denken Sie an Eifersucht. Das Gefühl ist universell, aber manche Kulturen sind toleranter als andere. Anderswo ist es inakzeptabel, wenn eine Ehefrau mit einem Fremden auch nur spricht. Oder: laut auf der Straße lachen. In manchen Kulturen gilt das als unverschämtes Verhalten.
Sind die Dinge, die uns glücklich machen, auf der ganzen Welt ähnlich?
Ja, zum Beispiel das Glück, mit geliebten Menschen wiedervereint zu werden. Es ist nur so, dass diese Gefühle in manchen Kulturen öffentlicher ausgedrückt werden als in anderen. Grunsätzlich gilt: Manche Kulturen sind in ihrem Streben nach Glück eher hedonistisch, andere sind zielorientiert. Wieder andere, etwa die Buddhisten, schätzen materiellen Verzicht. Insofern wird auch die Frage, was Glück bedeutet, von Kultur zu Kultur unterschiedlich bewertet. Das hängt ganz von den Gegebenheiten ab. Die Summe allen Glücks kann in einer kriegerischen Stammesgesellschaft bedeuten, den Feind besiegt zu haben. In einer anderen Kultur kann der Schwerpunkt in der Gemeinschaft liegen, darauf, dass alle gemeinsam Palmwein trinken.
Und was macht überall unglücklich?
Jede Art von Verlust. Der Verlust eines Menschen, der uns nahe steht. Der Verlust der Gesundheit. Der Verlust von Status. Status beschreibt ja, wo wir uns in der Gruppe ansiedeln. Ihn zu verlieren ist schwieriger, wenn man in einer relativ geschlossenen Umgebung lebt.
Kann man eigentlich lernen, glücklich zu sein?
Ja, ich glaube schon. Wobei die Fähigkeit, sein Leben zu genießen und sich über negative Emotionen hinwegzusetzen, zum Teil auch vererbt ist. Genauso wie Sportlichkeit oder Musikalität. Es ist in unseren Genen, genauso wie manche Menschen eher extrovertiert sind und andere introvertiert. Oder ob wir uns mit Fremdsprachen leicht tun oder nicht. Aber genau wie etwa Musikalität kann auch Glücklichsein durch eine positive Umgebung gefördert werden. Es hängt davon ab, wie wir aufwachsen, wie unsere familiäre Situation ist, welchen Einflüssen wir ausgesetzt sind, was unsere Eltern uns vorleben. Aber es gibt immer die Möglichkeit, die Fähigkeit zum Glück auszubauen. Wenn ich das nicht glaubte, wäre ich kein Psychiater geworden. Das Ziel eines jeden Psychiaters ist es doch, Menschen zu helfen, ihr Leben besser zu meistern. Und ich denke, das kann besonders dadurch erreicht werden, dass man negative Gedanken überwindet.
Haben unterschiedliche Kulturen ein unterschiedliches Verständnis von Liebe?
Romantische Liebe scheint ein universelles Gefühl zu sein. Es beginnt im frühesten Alter, schon im Kindergarten. Aber wie diese romantische Liebe bewertet wird, das unterscheidet sich wiederum stark. In manchen Kulturen wird sie als Gefahr für die soziale Ordnung betrachet. In Europa war das bis ins 19. Jahrhundert auch nicht anders. Damals sollten etwa junge Mädchen keine Romane lesen. Wichtig war, Status und Wohlstand zu erhalten. Und natürlich ist es dann gefährlich, wenn man sich in jemanden verliebt, der weniger Status oder weniger Vermögen hat; das wurde als Verrat an der Herkunft betrachtet. In China, Japan, Thailand und Indien wird das bis heute so gesehen. In vielen asiatischen Ländern ist die arrangierte Ehe selbst in gebildeten Familien nicht unüblich. Aber das Internet verändert natürlich alles, auch das Matchmaking.
Unterschiedliche Umgebungen bringen andere Seiten einer Persönlichkeit zum Vorschien. Sehen Sie bei sich selbst Unterschiede im Verhalten, wenn Sie in Paris oder in Saigon oder Bangkok sind?
Ich glaube, in Paris bin ich ziemlich bestimmt. Und vielleicht manchmal ein bisschen mürrisch. Das ist in Frankreich kein ungewöhnliches Verhalten. Aber in Asien, besonders in Thailand, bemühen sich die Menschen, freundlich zu sein und zu lächeln, selbst Konflikte werden hier auf eine sanfte Weise ausgetragen. Vietnam liegt so dazwischen, ich bin dort weniger bestimmt als in Frankreich, aber mehr als in Thailand.
Was haben Sie durchs Reisen gelernt? Sehen Sie Europa und Ihr eigenes Land heute mit den Augen eines Fremden?
Ja, durchaus. Wenn ich heute nach Paris zurückkehre, bin ich absolut hingerissen von der Schönheit der Stadt. Als ich dort lebte, habe ich die Gebäude und die Denkmäler natürlich gesehen, aber ich nahm sie nicht wirklich wahr. Wenn ich heute am Flughafen ankomme und durch die Straßen fahre, bin ich jedes Mal aufs Neue bewegt. Und noch etwas fällt mir heute mehr auf als früher: dass die Leute Verlustängste haben. Das ist in Vietnam und Thailand ganz anders, diese Länder sind in einem anderen Stadium ihrer Entwicklung. Die Menschen dort erleben vieles zum ersten Mal, so wie es in Deutschland und Frankreich in den Fünfziger- und Sechzigerjahren war. Sie machen erste Urlaubsreisen, kaufen ein Auto oder ein Motorrad, sie denken, dass es ihnen besser geht als früher, und entsprechend positiv ist die Energie. In Europa denken die Menschen, die Zukunft wird schlechter sein als die Vergangenheit. Es sind zwei Welten – und dazwischen liegen nur zehn Stunden Reisezeit. Das fasziniert mich immer wieder. Als ich ein Junge war, brauchte es so lange, von Marseille nach Paris zu fahren.
Was können die westliche und die östliche Welt voneinander lernen?
Die Frage kann ich deshalb nicht beantworten, weil ich, je länger ich hier lebe, gar nicht mehr weiß, was mit Osten gemeint ist. China, Vietnam und Thailand zum Beispiel unterscheiden sich stärker voneinander als Italien, Deutschland und Frankreich. Das war mir in dem Maß nie bewusst. Thailand beispielsweise ist eine Monarchie, es ist ein ziemlich klassenbewusstes Land, Vietnam war französische Kolonie, und die egalitäre Haltung ist bis heute ausgeprägt.
Was haben Sie denn persönlich in Asien gelernt, was Sie nicht bereits wussten?
Etwas, was ich bereits wusste, aber fast vergessen hatte: die Bedeutung von Solidarität innerhalb der Familie. Das ist hier ganz ausgeprägt, man steht sich bei und kann sich auf seine Familie verlassen. Die Menschen sind sogar bereit, sich für ihre Verwandten zu opfern. Und ich spreche hier nicht nur von Eltern und Kindern, sondern auch von Geschwistern und Cousinen.
Schreiben Sie anders, je nachdem in welchem Land Sie sind?
Nein, nicht wirklich. Wenn ich mit einem Buch anfange, habe ich genau vor Augen, wie es sich entwickelt; der Schreibprozess wird von der Umwelt nicht beeinflusst, glaube ich jedenfalls.
Wo liest man Sie am meisten?
In Deutschland. Es ist mit Abstand das Land, in dem ich den größten Erfolg habe, noch vor Frankreich. Für mich ist das auch noch immer ein Rätsel. Aber ein sehr erfreuliches Rätsel! Es geht ja in meinen Büchern um philosophische Fragen, um Fragen zu Glück, Zeit und Liebe, und die Deutschen haben sich schon immer sehr für Philosophie interessiert. Und dann sind meine Bücher ein bisschen romantisch und sentimental – genau wie ich – und, die Deutschen sind das auch, jedenfalls mehr als die Franzosen oder die Briten. Es hilft auch, dass ich aus Frankreich komme, in Glücksfragen halten uns die Deutschen offenbar für begabt – wie das Sprichwort „Leben wie Gott in Frankreich“ zeigt. Ein anderes Land, in dem ich viele Leser habe, ist Korea. Sowohl Deutschland als auch Korea, sind Länder mit einer zielorientierten Kultur, in denen viel gearbeitet wird, meine Bücher dienen da vielleicht als Erinnerung, das Leben zu genießen. ][
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Wir fragten den Autor, was Kulturen verbindet
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François Lelord wurde 1953 in Paris geboren. Er studierte Medizin und Psychologie und wurde Psychiater. Doch 1996 schloss er seine Praxis, um sich und seinen Lesern die wirklich großen Fragen des Lebens zu beantworten: Mit „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“ fing es an, zuletzt erschienen „Das Geheimnis der Cellistin“ und „Hector und das Wunder der Freundschaft“ (Piper Taschenbuch). Seine Bücher wurden internationale Erfolge, standen wochenlang auf den Bestsellerlisten und erschienen in 14 Ländern. In Deutschland wurden bislang mehr als 1,5 Millionen Exemplare seiner Hector-Romane verkauft.
Lelord lebt heute in Paris und Bangkok.


