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Nicolas Berggruen

„Kultur ist das, was uns ausmacht“

Einer der reichsten Männer der Welt. Aufgewachsen auf zwei Kontinenten. Ständig unterwegs. Und immer mit dem Blick für das, was uns alle verbindet: Kultur. Ein Interview mit Nicolas Berggruen am Rande des „Salzburger Triloges“

text: Anna Butterbrod ][ fotos:

Er ist wie das schlichte schwarze BlackBerry in seiner Hand: immer auf Empfang. Nicolas Berggruen steht vorm Haupteingang von Schloss Arenberg in Salzburg, wo sich die Teilnehmer des Salzburger Triloges und weitere Gäste für das Auftakt-Dinner versammeln. Aufmerksam lässt der Unternehmer seine blassblauen Augen über die Eintreffenden wandern, und es dauert nicht lange, bis ihn die ersten mit einem herzlichen „Nicolas, how are you?“ begrüßen. Bianca Jagger schwärmt vom diesjährigen Festspielprogramm, doch Berggruen muss passen: Schon am nächsten Tag fliegt er mit seinem Privatjet (Modell Gulfstream IV) weiter zum nächsten Termin. „I‘m missing all the fun“, beklagt der 50-Jährige. Aber sein Lächeln verrät, dass er sein ständiges Auf-Achse-Sein keineswegs bedauert. Der Sohn deutscher Eltern, der größtenteils in Paris und Amerika aufwuchs, ist ein moderner Nomade: Er hat keinen festen Wohnsitz, schläft lieber in Hotels und besucht rund 80 Städte pro Jahr. New York, Berlin, Istanbul, Mumbai. Dort sammelt er Erfahrungen und Kontakte, reist mit neuen Ideen weiter. Gibt es außer den fünf dunkelblauen italienischen Maßanzügen, die er stets in den Koffer packt, – einen davon trägt er an diesem Abend – noch etwas, das er immer mitnimmt? Der Milliardär hält demonstrativ sein BlackBerry hoch. „Nur das, alles andere ist unwichtig.“ Vor dem Interview checkt er noch schnell seine E-Mails. „Eine Sekunde“, bittet er auf Deutsch mit amerikanischem Akzent, „ich will mir nur noch eine Sache ansehen.“ Sein Daumen fährt über das Display. „So, jetzt bin ich zu hundert Prozent bei Ihnen“, verkündet er und platziert das Gerät auf dem Stehtisch neben sich.

CHANGE: Sie haben einmal gesagt: „Man ist, was man tut.“ Was sagt der Besuch des Triloges über Sie aus?

Nicolas Berggruen: (lacht) Ich weiß nicht, ob das wirklich viel über mich aussagt. Aber der Trilog ist ein gutes Beispiel dafür, Leute zusammenzubringen, die über Weltprobleme sprechen. Das ist heute wichtiger denn je. Es ist der Anfang eines Prozesses. Erst denken, dann handeln – das ist das Gute an einem solchen Treffen.

Lösen Menschen aus verschiedenen Kulturen Probleme anders?

Ja, sehr sogar. Die Kultur ist ja das, was uns ausmacht. Und in einer Welt, die immer globaler wird, ist es umso wichtiger, dass die verschiedenen Kulturen miteinander kommunizieren. Wir können viel voneinander lernen. Besonders der Westen vom Osten.

Inwiefern?

Im Westen steht das Individuum im Vordergrund. Im Osten, damit meine ich den asiatischen Raum, ist es die Gemeinschaft. Die Menschen arbeiten besser miteinander. Sie teilen ihre Werte, aber auch ihre Opfer. Im Westen ist das schwieriger, da sind alle Einzelkämpfer. Diese zwei Parteien hadern miteinander. Dabei sollten sie die Herausforderung annehmen, Missverständnisse beseitigen und kooperieren.

Warum ist das gerade für uns im Westen wichtig?

In Sachen Macht und Wirtschaftskraft gibt es gerade eine regelrechte Verschiebung vom Westen zum Osten. Die Krise, in der wir heute stecken, ist ganz klar eine des Westens. Die Politik ist für diese Misere verantwortlich: Die westlichen Regierungen müssen ihre angesammelten Schulden bewältigen und ihren Bürgern eine neue Orientierungshilfe geben.

Wie sollte die aussehen?

Wir im Westen müssen uns ändern. Wenn wir in den nächsten 20 Jahren unseren Lebensstandard und unsere Freiheit behalten wollen, müssen wir auch dazu bereit sein, Verluste zu teilen. Wir müssen mehr arbeiten, mehr investieren und vielleicht weniger konsumieren.

Der Westen war schon immer sehr konsum-orientiert. Es geht immer darum, wer das teuerste Auto, das schönste Haus oder den besten Job hat.

Das ist auch okay. Aber heute reicht es nicht, dass wir den Blick in die kleine Runde werfen und uns darauf konzentrieren, was dort passiert. Wir haben inzwischen nicht nur Konkurrenz von unseren Nachbarn, sondern von der ganzen Welt.

Sie setzen sich dafür ein, dass ein Umdenken stattfindet.

Ich habe den „Rat für das 21. Jahrhundert“ gegründet, der sich alle sechs Monate trifft. Darin sitzen Nobelpreisträger, internationale Unternehmer, Wissenschaftler und Ex-Regierungschefs.

So wie Gerhard Schröder.

Ja, aber bei uns sind auch die USA, Südamerika und – sehr wichtig – China, Singapur und Indien vertreten. Wir behandeln Themen wie Wirtschaft, Klima, Bevölkerungswachstum oder das Gesundheitswesen. Alles Dinge, um die wir uns auf globaler Ebene kümmern müssen.

Wie kann Ihr Rat das erreichen?

Indem er direkt mit der G-20 zusammenarbeitet. Denn das ist das Forum, in dem Führungspersönlichkeiten aus aller Welt über wichtige Dinge verhandeln. Unsere Ratsmitglieder haben den Vorteil, dass sie bei solchen Diskussionen viel freier und direkter sprechen können.

Weil sie nicht mehr an ein Amt gebunden sind?

Korrekt. Wir werden auch beim G-20-Gipfel nächstes Jahr in Mexiko dabei sein. Aber das ist nur ein Projekt. Ein weiteres konzentriert sich auf Europa.

Sie meinen Ihren neuen „Rat für die Zukunft Europas“?

Europa steckt in einer handfesten Existenzkrise. Dort herrscht dieselbe Problematik: Die einzelnen Länder können nicht funktionieren, wenn sie sich nicht gegenseitig unterstützen. Neben Gerhard Schröder gehören auch Tony Blair aus England, Jacques Delors aus Frankreich, Guy Verhofstadt aus Belgien oder Felipe González aus Spanien zum Team. Sie haben seit mehreren Monaten zusammengearbeitet und gerade in Brüssel eine Empfehlung für die Bewältigung der Euro-Krise verfasst. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass diese Empfehlung umgesetzt wird.

Der Schritt, der aus guten Ideen Realität macht, ist wohl der schwierigste.

Um das zu schaffen, muss man auch die Bürger verpflichten. Viele von ihnen denken, dass die heutigen Probleme sie nicht betreffen. Aber das ist nicht der Fall. Denn wir müssen uns vor Augen halten: Wir haben Jobs, Elektrizität, zu trinken und zu essen – alles funktioniert, aber das tut es nicht von allein. Das alles wurde von uns als Gesellschaft produziert. Und es wird nur so weitergehen, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Man kann nicht mehr nur an sich denken, sondern an die Zukunft aller, an die der Kinder. Wir müssen mehr investieren.

Sie selber tun das bereits – in eine indische Hotelkette, türkische Windenergie und israelische Immobilien. Warum streuen Sie Ihr Geld?

Die Wahrheit ist: aus Interesse und Neugier. Es sind spannende Gelegenheiten, bei denen ich wichtige Erfahrungen mache. Ich lerne von allen Kulturen und Menschen. Ist es die intelligenteste Idee, in der ganzen Welt zu investieren? Sicher nicht.

Logischer wäre, sich auf ein Gebiet zu spezialisieren.

Richtig, das wäre normalerweise der bessere Weg. Aber ich mache eben nicht immer das, was am logischsten ist.

Als junger Mann hatten Sie eigentlich vor, Schriftsteller zu werden. Warum haben Sie dann doch Wirtschaft studiert?

Ich wollte die Realität besser verstehen. Darum engagiere ich mich so im Wirtschaftsbereich. Man erfährt dabei, wie die Welt funktioniert – in Indien, der Türkei, Europa oder Amerika. Das hilft mir dann wieder bei anderen Vorhaben wie dem Berggruen Institute.

Ein riesiger Think Tank.

Dort verbinden sich Gedanken und Kreativität. Wir arbeiten gerade an zwei Büchern. Und dafür braucht man eine große Vorstellungskraft.

Dann schreiben Sie ja doch!

Ja, jetzt wieder.

Immer nur sachlich oder auch mal literarisch?

(lacht) Nein, das habe ich noch nie gemacht. Dafür reicht, glaube ich, mein Können nicht.

Nicolas Berggruen verabschiedet sich freundlich, greift nach seinem BlackBerry und wirft sofort einen Kontrollblick aufs Display. Er ist wieder auf Empfang. ][

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Nicolas Berggruen machte 2010 als „Karstadt-Retter“ Schlagzeilen. Mit dem Kauf der Warenhauskette sicherte er die Arbeitsplätze von 25.000 Mitarbeitern. Sein Vater war der berühmte jüdische Kunstsammler und Mäzen Heinz Berggruen (1914–2007), der vor den Nazis aus Berlin in die USA floh. Seine Mutter ist die deutsche Schauspielerin Bettina Moissi (88). Der Geschäftsmann, dessen Vermögen auf 2,2 Milliarden Dollar geschätzt wird, ist Chef der Berggruen Holdings: ein Firmenverband, der sich in den vergangenen 20 Jahren weltweit an über 100 Unternehmen langfristig beteiligt hat. Von seinem Vater hat er die Liebe zur Kunst geerbt, besitzt Werke von Damien Hirst, Andy Warhol und Jeff Koons. Dem Museum Berggruen, in dem die Schätze von Heinz Berggruen hängen, wird seine Familie mindestens 50 Kunstwerke aus ihrem Privatbesitz leihen, für den Erweiterungsbau, der 2012 in Berlin eröffnen soll.