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Auf Streife

Die Kommissarin aus Polen

Joanna Menk* kam mit zehn Jahren von Polen nach Deutschland. Heute ist sie Kripobeamtin in Hamburg. Ihre Herkunft ist ihr dabei eine große Hilfe – für sich und andere (*Name von der Redaktion geändert)

text: Tanja Breukelchen ][ fotos: Bernd Jonkmanns

Früher Nachmittag auf der Reeperbahn. Wo abends Touristen nach der verruchten Welt Ausschau halten, flackern nur ein paar trübe Leuchtreklamen. Vor der Davidwache steht ein Jogger und verschnauft. „Du bist von uns, oder?“, fragt die junge Frau in Jeans und blauer Jacke. Um ihren Hals baumelt, nicht gleich auf den ersten Blick erkennbar, eine Polizeimarke: „Joanna Menk, Kriminalkommissarin, PK 242.“ Eine Ermittlerin in Zivil. Der Jogger gehört ebenfalls zur Hamburger Polizei. Sönke Tissler ist, genau wie Joanna, 34 Jahre alt und hält sich für seinen Dienst in der Davidwache fit. Joanna, die ihr Büro im Norden von Hamburg hat und dienstlich zur Reeperbahn musste, hat ihn an den Turnschuhen erkannt. „Das Modell haben wir alle“, sagt sie und tauscht mit Sönke Visitenkarten aus. „Wenn ihr mal jemanden braucht, der Polnisch spricht, kannst du mich jederzeit anrufen.“

Joanna ist eine von wenigen Polizistinnen mit Migrationshintergrund. Obwohl in diesem Jahr in vielen deutschen Städten Initiativen gestartet wurden, um Schüler mit ausländischen Wurzeln für die Ausbildung bei der Polizei zu begeistern. So auch in Hamburg. Denn längst hat man erkannt, dass Beamte wie Joanna nicht nur durch ihre Mehrsprachigkeit unverzichtbar sind, sondern auch, weil sie Brücken zwischen den Kulturen bauen können. „Die Kollegen sind wie eine Art Scout“, erklärt Sönke Tissler. „Egal, ob es internationale Fußballfans, Touristen oder die Leute von den Schiffen sind, das Gefühl, vor einem Landsmann zu stehen, nimmt den Menschen die Angst.“

In den rund zehn Jahren, in denen Joanna Polizistin ist, hat sie mehrfach Situationen erlebt, in denen ihre polnische Herkunft ihr – und vor allem den anderen – geholfen hat. Da ist zum einen die Sprache. „Man sieht es mir ja nicht an, dass ich Polnisch spreche. Da ist es schon manchmal von Vorteil, wenn sich zwei Verdächtige miteinander unterhalten und ich verstehe, was gesagt wird. Die sind dann meistens sehr überrascht“, lacht sie. „Es kann aber auch deeskalierend wirken, da ich ja von Anfang an anders auf die Person einwirken kann oder auch über deren Hintergründe mehr weiß.“ Letzteres ist entscheidend: das Gefühl für die andere Kultur, die zum Teil auch ihre eigene ist. „Wir hatten unter anderem den Fall, dass eine Polin einen Raub anzeigte und uns erzählte, sie sei überfallen worden“, erklärt Joanna. „Nachdem ich mich eine Zeitlang mit ihr unterhalten habe, merkte ich irgendwann, dass sie sich nicht traute, uns die ganze Wahrheit zu sagen. In Wirklichkeit war die Frau zur Tatzeit betrunken und hatte zuvor mit den Männern, die sie später ausgeraubt haben, gefeiert. Denn das schickt sich in den Augen der Polen nicht für eine Frau. Da gibt es noch ein viel konservativeres Bild. Fast alle Polen sind katholisch. Inzwischen hat sich das bei den Folgegenerationen etwas gewandelt, aber bei vielen ist das Gefühl noch da. Die Frau würde sich einfach schämen. Mit etwas Fingerspitzengefühl kann ich das eher herauskitzeln als ein deutscher Kollege.“

Andere Denkweisen. Eine andere Erziehung. Kulturelle Einflüsse. Für Joanna wechselte das alles, als sie zehn Jahre alt war und 1987 von Polen nach Deutschland kam. Ihr Vater war Hafenarbeiter in Danzig, ihre Mutter arbeitete als Sachbearbeiterin. Beide träumten von einem besseren Leben für sich und ihre Kinder – Joanna und ihren vier Jahre jüngeren Bruder. „Wir gingen nach Berlin, weil meine Eltern dort Bekannte hatten“, erinnert sich Joanna, die inzwischen wieder vom Termin auf der Reeperbahn zurück in ihrem Büro in Hamburg-Niendorf angekommen ist und Instant-Kaffee in heißes Wasser rührt. „Für uns Umsiedler gab es damals Wohnheime, in denen wir unterkamen. Ein Zimmer für eine ganze Familie. Meine Eltern haben sich schnell bemüht, eine Wohnung zu bekommen.“

Probleme mit der Integration hatte Joanna nicht. Höchstens mal etwas Sehnsucht nach den alten Freunden aus Danzig. Aber auch das gab sich schnell. „Wir haben uns schnell wohlgefühlt. Und da war auch die Faszination, was es hier alles gab. Das war unglaublich.“ Dass man einfach so in den Supermarkt gehen und Früchte kaufen konnte. „Als Kind in Danzig hieß es in der Siedlung, dass der Melonenmann da ist – und wir Kinder sind alle losgerannt, haben einen halben Tag angestanden, nur um eine Melone zu kaufen. In Berlin gab es das alles. Es war wie das Paradies.“ Der Vater arbeitete als Staplerfahrer, die Mutter als Altenpflegerin. Joanna ging zur Schule und jobbte nebenbei. „Es gab bei uns zu Hause immer die Regel, dass ich die Hälfte des Geldes ansparen muss, um dann die andere Hälfte von meinen Eltern dazu zu bekommen. Also habe ich Zeitungen ausgetragen, im Fitnessstudio auf Kinder aufgepasst, gekellnert, Winterdienst gemacht, in der mobilen Altenpflege gearbeitet, bei einem Sicherheitsdienst gejobbt …“

Zähigkeit und das Gefühl, nicht alles im Leben geschenkt zu bekommen, scheinen die zierliche, durchtrainierte Frau bis heute anzutreiben. Und das klingt bei ihr gar nicht verbissen. Eher glücklich. In Berlin lernte sie auch ihren heutigen Mann, einen Betriebswirt und Informatiker, kennen. Noch nicht ganz 18 Jahre alt, zogen sie zusammen. „Ich hatte in der 9. Klasse ein Praktikum bei der Kripo in Berlin gemacht – und ich fand das toll! Nach der 10. Klasse habe ich versucht, zur Polizei zu kommen, bin aber durch die ärztliche Untersuchung gefallen. Offenbar reichte es nicht mit der Ausdauer, obwohl ich Leichtathletin war. Nach dem Abi fing ich dann erst einmal ein Lehramtsstudium an. Mathematik, Polnisch und Geschichte. Doch damals wurden die Lehrer nicht verbeamtet. Also habe ich es noch einmal bei der Polizei versucht, mich mit hartem Training vernünftig vorbereitet und wurde genommen.“

Sich zu fragen, ob Joannas Weg ein anderer gewesen wäre, wenn sie nicht die ersten zehn Jahre ihres Lebens in Polen verbracht hätte, ist müßig, aber sie selbst scheint sich die Frage auch ab und an zu stellen. „Ja, vielleicht ist das schon ein etwas konservatives Denken: früh zusammenziehen, heiraten, dann ein sicherer Job, möglichst als Beamtin. Mir war das immer wichtig.“

Die Reaktion ihrer Eltern, als Joanna mit 23 Jahren doch zur Polizei ging, war womöglich auch eine etwas andere als bei deutschen Eltern. Natürlich seien sie besorgt gewesen, schließlich ist der Job ja nicht ganz ungefährlich. Aber da war noch etwas anderes: „Polen war damals ein kommunistischer Staat. Die Haltung gegenüber der Obrigkeit war eine völlig andere als in Deutschland. Polizei bedeutete Staat, Macht, vielleicht auch Angst und Unrecht. Die Menschen hatten den allergrößten Respekt vor der Polizei, denn sie hatten keine Rechtssicherheit. Insofern waren meine Eltern einerseits stolz auf mich, auf der anderen Seite hatten sie Angst. Viel hereingeredet haben sie mir trotzdem nicht.“ Ganz anders als einem türkischen Kollegen, den Joanna später auf der Polizeischule kennenlernte: „Er hatte sich mit der Entscheidung für die Polizei gegen seine komplette Familie entschieden. Sie haben es nicht akzeptiert.“

Für Joanna bedeutete die Entscheidung für die Polizei zuerst einmal eine Ausbildung im mittleren Dienst, Polizeischule in Berlin-Spandau, dann der Wechsel nach Hamburg, wo es bessere Berufsaussichten für Polizisten gab. „Ich war 26 Jahre alt, als ich nach Hamburg ging. Zuerst war ich bei der Schutzpolizei, und auch da merkte ich, wie sehr mir meine polnischen Wurzeln halfen.“ Drogenszene, Streifengänge in St. Georg und St. Pauli, Razzien, Großeinsätze. Situationen, die jederzeit eskalieren können. Erst vor drei Jahren wechselte Joanna Menk zur Kripo, nachdem sie ein zweieinhalbjähriges Studium absolviert hatte. Nun geht es in ihrem Berufsalltag mehr um Einbrüche, Raub, vermisste Personen, Beziehungsgewalt und Betrugstaten. Ihr nächstes Ziel ist der Kriminaldauerdienst, ein 24-Stunden-Bereitschaftsdienst der Kriminalpolizei oder des Landeskriminalamtes.

Neben der Karriere bei der Kripo wuppt sie übrigens eine Familie. Denn vor sechs Jahren kam Töchterchen Angelina zur Welt. Ein süßes blondes Mädchen, deren Bilder zusammen mit Fotos aus dem Lieblingsurlaubsort Miami an Mamas Bürowand gepinnt sind. „Ich war nach der Schwangerschaft im Mutterschutz plus drei Wochen Urlaub. Danach habe ich sofort wieder gearbeitet. Da war die Kleine drei Monate alt“. lächelt Joanna. „Nachts und an den Wochenenden hatte ich Dienst, während mein Mann bei Angelina war. Es war extrem stressig, aber auch schön. Ich möchte auf beides nicht verzichten.“ Die Frage, ob Kind oder Karriere, stellte sich gar nicht erst. Denn auch das war in Polen immer normal und sollte es auch in Deutschland sein: dass Frauen arbeiten gehen. „Es mag sein, dass so etwas in einem drin ist. Als es dann allerdings um die Betreuung ging, habe ich die Hürden gemerkt – und die Unterschiede, dass es in Deutschland eben noch längst nicht selbstverständlich ist“, erinnert sie sich. Und auch die Reaktion vieler anderer Mütter war nicht die, die sich Joanna gewünscht hat: „Ich habe viele Sprüche kassiert. Ausgerechnet in dieser Zeit sind wir auch noch ins Hamburger Umland in ein Neubaugebiet gezogen. Da waren auch viele Mütter, aber die blieben im Gegensatz zu mir erst einmal drei Jahre lang zu Hause.“

Vielleicht kann sie ja auch mit dieser Entscheidung, Kind und Karriere zu leben und zu lieben, eine Brücke bauen und andere Kolleginnen motivieren.][

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Während der Anteil der Erwerbstätigen mit ausländischen Wurzeln in Deutschland insgesamt bei 17 Prozent liegt, ist er im öffentlichen Dienst mit nicht einmal 10 Prozent sehr niedrig. Rechnet man die Beschäftigten ohne deutschen Pass, sind es sogar nur knapp 4 Prozent. Im Jahr 2009 arbeiteten insgesamt 646.000 Menschen mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst. Mehr als 70 Prozent davon stammten aus europäischen Ländern, die meisten aus Polen und der Türkei.

Die Polizei Hamburg hat noch Ausbildungs- und Studienplätze frei. Weitere Infos unter der Hotline 040 / 427 427 oder unter www.polizei.hamburg.de