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Plattdeutsch um die Welt

„Sehnsucht nähren, Heimweh stillen“

TV-Moderator Yared Dibaba (42) liebt das norddeutsche Landleben und spricht Plattdeutsch. Seine äthiopischen Wurzeln wird er dennoch nie verlieren. Beides gibt seinem Leben Sinn. – Eine Landpartie mit großen Tieren und kleinen Geschichten aus der ganzen Welt

text: Tanja Breukelchen ][ fotos: Arne Weychardt

Das Leben auf dem Land – für den NDR-Moderator Yared Dibaba (42) war das schon immer ein Stück Heimat. Egal, ob als Kind in Äthiopien oder später in Deutschland. Und auch im Fernsehen zog es ihn immer wieder zwischen Kühe und Heuballen: Bei „Land und Liebe“ spielte er Amor, bei „Die Welt op Platt“ besuchte er norddeutsche Auswanderer auf allen Kontinenten, und bei „NDR Mein Nachmittag“ geht es immer wieder um Natur und Tradition des Nordens. Und auch für unser großes „change“-Porträt baten wir Yared Dibaba zur Landpartie. Als Wegzehrung kauft er sich auf der Reeperbahn noch schnell eine Currywurst mit Pommes. „Ich esse so gern“, grinst er. „Zum Glück verbrenn’ ich gut, ich stehe ja immer unter Strom. Und ich mache Sport und trinke sehr selten Alkohol. Nur ab und an im Urlaub.“

Über das Leben in unterschiedlichen Kulturen wollen wir reden. Denn das hat Dibaba gleich mehrfach erlebt. Er wurde 1969 in Äthiopien im Volk der Oromo geboren. Seine Eltern arbeiteten dort für die Hermannsburger Mission. Als sich Anfang der Siebzigerjahre erste Unruhen breit machten, hatte sein Vater bereits ein Stipendium in Deutschland angenommen. Während er in Osnabrück Erziehungswissenschaften studierte, machte die Mutter eine Ausbildung zur Krankenschwester. Yared Dibaba war damals vier Jahre alt – und plötzlich mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder ausschließlich unter Weißen. „Dass meine Eltern vorher schon in Deutschland waren und Sprache, Kultur und Mentalität kannten, hat uns allen den Einstieg sehr erleichtert.“ Um so schwerer war es, als die Familie ein paar Jahre später wieder zurück nach Äthiopien ging. „Obwohl wir nur zweieinhalb Jahre in Deutschland waren, war für uns Kinder alles neu. Wir waren total verdeutscht, hatten unsere Muttersprache vergessen, in Deutschland nur deutsch gesprochen und deutsch gelebt. Wieder war es für uns ein Vorteil, dass sich unsere Eltern in beiden Ländern auskannten. Damit fielen Angst und Unsicherheit für sie schon einmal weg, und wir konnten uns wieder relativ frei in der neuen Welt bewegen.“

Doch nicht so frei wie erhofft. Denn in Äthiopien brach der Bürgerkrieg aus. Die Lebensmittel wurden knapp. Und viele Menschen wurden verhaftet, gefoltert oder ermordet. Die Dibabas flohen zuerst nach Kenia. Doch auch da waren sie nicht sicher. Erst im Juni 1979 schafft es die inzwischen fünfköpfige Familie ins sichere Deutschland. Die neue Heimat: Falkenburg, ein Dorf in der Gemeinde Ganderkesee im Landkreis Oldenburg. „Damals in Afrika habe ich oft zu Gott gebetet. Dass wir aus dem Krieg herauskamen, war für mich der Beweis, dass es Gott gibt.“

Die Erfahrung, Angst um sein Leben zu haben und die Heimat verlassen zu müssen, habe ihn stark gemacht: „Ich glaube, wenn man mit solchen Widrigkeiten groß wird, hat man die Fähigkeit, Visionen zu entwickeln, länger durchzuhalten. Vieles relativiert sich bis heute.“

Manchmal habe er sich geschämt – „weil wir anders waren. Man fällt auf. Du gehst ins Freibad, und alle gucken dich an. Ein Kind rief, Papa, guck mal der Neger. So etwas kommt vor – und ist total unangenehm. Als Zehnjähriger wollte ich manchmal nicht, dass uns unsere Eltern von der Schule abholen, weil die anderen Kinder sonst sehen, dass wir schwarze Eltern haben. Das klingt witzig, ist aber in Wirklichkeit bitter. Das Anderssein hat viele Facetten.“ – Aber auch viele Chancen. „Ich wusste zum Beispiel, dass es nicht selbstverständlich war, dass man zur Schule gehen darf, und habe mir deshalb immer gesagt, nutze das.“

Eine kaufmännische Ausbildung war das eine. Die Schauspielschule das andere. Und dann war da noch die norddeutsche Tradition, die Yared Dibaba ganz nebenbei in sich aufgesogen hatte. „Mir war das gar nicht bewusst. Wenn man auf dem Land groß wird, will man Teil dessen sein, was die anderen auch sind. Meine Freunde waren im plattdeutschen Kinderchor. Und weil ich gern gesungen habe, bin ich eben mitgegangen.“ So sprach Yared Dibaba bald nicht nur fließend Deutsch, Englisch, Französisch, Oromo und Amharisch, sondern auch: Plattdeutsch!

Auftritte mit dem Ohnsorg Theater. Eine Sendung im NDR. Alles irgendwie ganz logisch, ganz normal. Manchmal der eine oder andere witzige Augenblick – „Auf dem Land waren manche Leute überrascht. Auf Wangerooge gab es zum Beipiel so einen blonden Bären mit Vollbart, so ein richtiger Ostfriese, der da die Strandkörbe vermietet hat. Ich kam da hin, sagte ‚Moin, kann ich mal nen Strandkorb haben‘, und da guckt er mich an und sagt: Kommt da so’n schwatten Kerl un secht ‚Moin‘ …“

Mittlerweile passiert das nicht mehr. Sein Bekanntheitsgrad ist groß. Kein Wunder, dass sich beim Besuch auf dem Hof der Familie Jacobsen in der Nähe von Rendsburg immer mehr Leute versammeln und den NDR-Star live sehen wollen. Der nimmt es gelassen – „Landwirte in Norddeutschland sind immer nett und offen, da kann man einfach vorbeischauen und sich unterhalten.“ Der Grund für Yared Dibabas großen Bekanntheitsgrad dürfte neben der Talkshow „Die Tietjen und Dibaba”, durch die er von 2007 bis 2009 zusammen mit Bettina Tietjen führte, vor allem seine TV-Serie „Die Welt op Platt“ sein. Zusammen mit seiner Kollegin Julia Westlake hat er Auswanderer auf allen Kontinenten besuchte, die nach wie vor Plattdeutsch reden.

Die Menschen, die er traf, hatten eines gemeinsam: Sie waren offen für die Kultur ihres Landes, bewahrten jedoch auch ihre eigene Heimat im Herzen. Im brasilianischen Pomerode zum Beispiel, in der über 90 Prozent der Bevölkerung deutschstämmig sind. „Da gibt es sonntags Gans mit Kartoffeln und brauner Soße. Statt Bier trinken die Leute dazu aber auch gern mal Caipirinha. Da werden brasilianische und deutsche Gewohnheiten wie selbstverständlich durchmischt.“

Jedes Land, erklärt Dibaba, habe da seine Besonderheiten: „In den USA sind die Plattdeutschen schon stärker amerikanisiert. Sie treffen sich morgens vor der Arbeit zum Frühstück bei McDonald’s und essen Burger, trinken Kaffee und schnacken Plattdeutsch. In Iowa gibt es einen plattdeutschen Verein, man pflegt die deutsche Sprache, singt plattdeutsche Lieder. Genau- so wie es in Deutschland türkische Vereine, spanische und portugiesische Clubs gibt. Dass Menschen ihre eigene Tradition und Kultur pflegen, ist normal und wichtig. Nur so können sie sich integrieren und fühlen sich zu Hause“, erklärt Yared Dibaba.

Auf den Reisen, die den zweiten großen Kulturaustausch in seinem Leben darstellen, hat er viel gelernt. Unter anderem, wie wichtig es ist, seine Wurzeln zu bewahren: „Ich glaube, wenn man weiß, wo man herkommt, ist man auch offen für andere Geschichten. Wenn man mit seiner Herkunft nicht im Reinen ist und das nicht leben kann, fehlt einem die Identität und ein Fundament, von dem aus man die Dinge betrachten kann. Ich habe zum Beispiel kein Problem mit folkloristischen Dingen wie einem Schützenverein, denn ich weiß, in meiner Heimat ist Folklore etwas ganz Normales und gar nicht negativ besetzt. Es ist ein wichtiger Teil der Gesellschaft und der Geschichte.“

Yared Dibabas Frau ist Portugiesin. Die Söhne (4 und 9) werden in allen Kulturen erzogen. Neben Deutsch spricht Yared mit den beiden Oromo – „damit wenigstens der Klang der Sprache hängen bleibt und sie einige Wörter kennen.“ Und auch die einzelnen Traditionen werden bei den Dibabas bewusst verbunden. Für die Söhne, findet Yared Dibaba, ein klarer Vorteil: „Dadurch haben sie eine andere soziale Kompetenz und gehen anders mit Menschen um. Sie sind sehr offen, auch wenn wir mit ihnen in anderen Ländern im Urlaub sind. Sie wissen einfach, dass es verschiedene Lebensweisen und unterschiedliche Sprachen gibt.“

Gern würde Yared Dibaba seinen Kindern seine Heimat Äthiopien zeigen. Doch der Weg zurück ist noch immer zu gefährlich. Sein letzter Besuch liegt fast 17 Jahre zurück. Und doch ist da noch immer so eine Sehnsucht nach Heimat im Hintergrund, die auf der Flucht ihren Anfang nahm: „Ich hatte damals das Gefühl, dass ich nach Äthiopien zurückkommen, dort alt und später einmal dort beerdigt werde. Und so ein bisschen habe ich es immer noch im Kopf. Nicht dort zu leben, aber irgendwann einmal dort beerdigt zu werden.“

Vielleicht meint er genau das, wenn er in seinem ersten Buch „Der Heimatforscher“ (Rowohlt) schreibt: „Sich ganz zu verpflanzen, ist ein langer Prozess, und die Erinnerungen an das Herkunftsland verblassen nur allmählich – oder gar nicht. Sie nähren die Sehnsucht, stillen das Heimweh. Dieses Gefühl kenne ich sehr gut.“ ][

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Yared Dibaba

Yared Dibaba wurde 1969 im Südwesten Äthiopiens im Volk der Oromo geboren und kam 1979 als Bürgerkriegsflüchtling mit seiner Familie nach Deutschland. Seit 2006 besucht er für die Sendung „Die Welt op Platt“ Plattschnacker in der ganzen Welt. Er moderiert im NDR „Mein Nachmittag“ und die Radiosendungen „Hör mal‘n beten to“ und „Große Freiheit“