Neue Stimmen 2011
Mit Tosca zum Erfolg
Eine Woche lang rangen 41 junge Künstler aus 18 Ländern in Gütersloh um den Sieg beim Internationalen Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“. Ein außergewöhnlicher Wettbewerb – mit ebenso außergewöhnlichen Sängern
Ein bisschen ist es, als vibriere die Luft in der voll besetzten Gütersloher Stadthalle. Vorn auf der Bühne stehen die Präsidentin des Internationalen Gesangswettbewerbs „Neue Stimmen“ der Bertelsmann Stiftung, Liz Mohn, und neben ihr der Vorsitzende der Jury, Dominique Meyer. „Vielleicht sollten wir nicht lange warten“, sagt er. „Die zittern ja schon.“ Und tatsächlich stehen die sechs Finalisten aufgeregt hinter der Bühne. Über die weltweiten Vorauswahlen hatten sie es bis hierher geschafft.
Sie zählten zu den 41 Teilnehmern aus insgesamt 18 Ländern, die sich für die Endrunde in Gütersloh qualifizieren konnten. Dort sangen sie sich über das Semifinale ins große Finale um die Preise der „Neuen Stimmen“ 2011.
Dominique Meyer liest die Namen vor. Auf die mit jeweils 4.000 Euro dotierten Plätze vier bis sechs schafften es Maria Celeng (lyrischer Sopran) aus der Slowakei, die Russin Nadezhda Karyazina (Mezzosopran) und die Rumänin Cristina-Antoaneta Pasaroiu (Sopran). Als Dominique Meyer den mit 8.000 Euro dotierten dritten Platz mit den Worten „Er geht eigentlich noch in den Kindergarten“ ankündigte, war klar, dass er den gerade erst 21-jährigen chinesischen Tenor Xiahou Jinxu meinte. Er hatte die Jury schon bei den Proben mit sechs hohen Cs in Folge überrascht und im Finale als letzter Teilnehmer noch so schön „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Lehárs „Das Land des Lächelns“ gesungen.
Der zweite Platz und damit 10.000 Euro ging ebenfalls an einen Asiaten: den südkoreanischen Bass Jongmin Park. Er bekam außerdem noch den Publikumspreis, einen Notengutschein über 500 Euro. Als Jongmins Name fiel, stand zugleich auch die „Neue Stimme“ 2011 fest: Olga Bezsmertna (lyrischer Sopran) aus der Ukraine.
Mit Freudentränen in den Augen stand sie da. Dominique Meyer überreichte ihr den Preis – und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Später verriet sie auch, was: „Er sagte zu mir, ich solle unbedingt noch einmal meine Siegerarie singen, ‚Depuis le jour‘ aus Charpentiers ‚Louise‘.“ Und das tat sie auch, trotz der Rührung.
Der Ansporn, es während der Finalwoche in Gütersloh möglichst weit nach vorn zu schaffen, ist groß. Denn neben zahlreichen prominenten Gästen aus der Musikszene, die im Publikum sitzen – darunter der Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein, Christoph Meyer, und Ivan van Kalmthout, Direktor der Staatsoper im Schiller-Theater – besteht auch die Jury ausschließlich aus Experten. Ihr Vorsitzender Dominique Meyer ist Direktor der Wiener Staatsoper. Die Kammersänger Francisco Araiza und Siegfried Jerusalem sind Professoren für Gesang in Stuttgart und Nürnberg. Der Leiter der Vorauswahlen, Brian Dickie, ist Generaldirektor des Chicago Opera Theater. Jürgen Kesting ein gefragter Musikkritiker. Der Künstlerische Leiter Gustav Kuhn ist Intendant der Tiroler Festspiele Erl. Und Bernd Loebe ist Intendant der Oper Frankfurt. Dazu kommen noch Nicholas Payne, Director Opera Europa, die Kammersängerin Anja Silja und Evamaria Wieser, Artistic Consultant, Lyric Opera Chicago und Teatro dell’Opera di Roma.
Einflussreiche Namen, die ein wichtiges Netzwerk bilden können und die Teilnehmer schon während der Finalwoche unterstützten – mit Proben, Einzelgesprächen und wichtigen Ratschlägen. Apropos Finalwoche: Parallel zu Generalproben und Semifinale wurde in Gütersloh so einiges auf die Beine gestellt. Im Rahmen des „Klassik-Herbst“ gab es Konzerte und Aktionen. Das Finale wurde erstmals für alle Bürger, die keine Karte mehr bekommen hatten, auf einer Leinwand in das angrenzende Stadttheater übertragen – und anschließend bei einer Party mit „Neue-Stimmen“-Cocktails gefeiert. Und ebenfalls zum ersten Mal wurde das komplette Finale im Internet direkt übertragen.
Die Sänger, die nach drei Tagen wussten, dass sie nicht ins Semifinale oder Finale kommen, stellten ihr eigenes Programm auf die Beine. Beim Karaoke-Abend trafen sie in einem ganz normalen Gütersloher Bistro auf normale Gäste. Erst lauschten die Gütersloher den großen Stimmen, dann griffen sie gemeinsam zum Mikro und sangen ohne Scheu mit den Operntalenten – von Frank Sinatras „My Way“ über Musical-Hits bis hin zu Lady Gaga und aktuellen Chart-Hits.
Doch der Hauptspielort der „Neuen Stimmen“ war die Bühne der Stadthalle. Denn dort lächeln die Finalisten am Ende in die Kameras, geben nach der Preisverleihung die ersten Interviews. Nach dem Finale empfing Liz Mohn noch alle Jury-Mitglieder, die 41 Sängerinnen und Sänger und weitere prominente Gäste zur Final-Party im Parkhotel Gütersloh. Unter den Gästen waren neben zahlreichen Unternehmern, den Vorständen der Bertelsmann Stiftung und der Bertelsmann AG auch Film- und Fernsehstars. RTL-Moderatorin Birgit Schrowange, die von der Opernmusik schwärmt – „auch wenn ich eigentlich gar nicht viel Ahnung davon habe. Aber wenn ich mal schlechte Laune habe, lege ich CDs mit italienischen Opernarien auf.“
So ähnlich beschreibt es auch Buchautorin Katja Kessler, die beim Autofahren gern klassische Musik hört, allerdings als Ehefrau von „BILD“-Chefredakteur Kai Diekmann in Sachen Oper ein schweres Los hat: „Mein Mann ist großer Opernfan. Wenn ich zugebe, dass ich etwas nicht weiß, wird es peinlich. Und wenn ich versuche, mich mit ihm zu messen, wird es noch schlimmer. Aber ich höre einfach unheimlich gern klassische Musik. Die gibt mir die Ruhe, die ich sonst nicht habe.“ Auch ihre vier Kinder (9, 7, 6 und 3) lernen Instrumente. Genau wie der älteste Sohn von Verona und Franjo Pooth – „Wir sind immer wieder gern hier und hören mit Begeisterung diese jungen, guten Stimmen.“
Schauspielerin Alexandra Kamp findet, dass man mit Musikerziehung gar nicht früh genug anfangen kann: „Meine erste Berührung mit Opernmusik hatte ich als Kind. Viele der Geschichten auf den alten Europa-Langspielplatten waren mit wunderbaren Stücken aus Opern unterlegt.“
Damit sprachen die Prominenten auch der Präsidentin der „Neuen Stimmen“ und stellvertretenden Vorsitzenden der Bertelsmann Stiftung, Liz Mohn, aus der Seele. Sie feierte nach dem Finale mit den jungen Sängern und sang mit ihnen am Klavier. Neben vielen Operntalenten unterstützt sie mit ihrer „Liz Mohn Kultur- und Musikstiftung“ auch Chöre und die musikalische Förderung von Kindern. – „Singen öffnet die Seele von vielen kleinen Menschen“, sagt sie. Und lauscht begeistert den Talenten, die nach dem Finale eifrig Kontakte knüpften. Denn die „Neuen Stimmen“ sind dafür bekannt, dass sie Wege öffnen.
Auf der Final-Party sangen die Finalteilnehmer der „Neuen Stimmen“ noch einmal ihre Lieblings-Arien. Xiahou Jinxu gab seine ersten Interviews – unterstützt von gleich drei chinesischen Sängerinnen, da der 21-Jährige weder Deutsch noch Englisch spricht.
Nur Olga stand etwas abseits und wollte nicht noch einmal singen. Sie sei müde, sagte sie, und wolle ihre Stimme schonen. Dafür hatte sie aber überraschenden Besuch bekommen: Ihre beste Freundin Lena Belkina, Solistin in der Leipziger Oper, hatte von Olgas Finalteilnahme gehört und war spontan nach Gütersloh gefahren: „Sie hat das toll gemacht, so leidenschaftlich und temperamentvoll. Ein bisschen wusste ich schon vorher, dass sie es schafft.“ ][
Diesen Text teilen
Weiteres zum Schwerpunkt Kulturen im Dialog
Neue Stimmen 2011
Starke Stimmen, berühmte Namen und eine strahlende Siegerin
Plattdeutsch um die Welt
Yared Dibaba stammt aus Äthiopien, liebt Deutschland und spricht Plattdeutsch. Porträt eines Grenzgängers
Auf Streife
Joanna Menk stammt aus Polen. Als Kripobeamtin in Hamburg ist ihre Herkunft von Vorteil
Nicolas Berggruen
Der Weltbürger, Investor und Wirtschaftsmagnat im Interview
François Lelord
Wir fragten den Autor, was Kulturen verbindet
Die „Neuen Stimmen“
Vor rund 24 Jahren riefen Liz und Reinhard Mohn, Dirigent Herbert von Karajan (Foto) und Prof. August Everding, damals Generalintendant der Bayerischen Staatstheater in München, den Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ ins Leben. Ziel war es, Nachwuchstalente zu fördern und den Teilnehmern zu einer internationalen Karriere zu verhelfen.
Die „Neuen Stimmen“ starteten zunächst auf europäischer Ebene. Mitmachen durfte, wer an einer europäischen Hochschule Gesang studierte. Die Jury war schon damals mit so prominenten Namen wie Elisabeth Legge-Schwarzkopf, Josef Metternich und natürlich mit dem Vorsitzenden und Mitinitiator Prof. August Everding besetzt. Nicht zu vergessen der Intendant der Tiroler Festspiele Erl und Direktor der Accademia di Montegral, Gustav Kuhn, der die „Neuen Stimmen“ in den vergangenen 24 Jahren begleitete. Brian Dickie, Leiter der Vorauswahlen, bereiste seit 1999 mehr als 80 Städte und hörte rund 5.000 Stimmen. Ab Mitte der Neunzigerjahre wurde der Wettbewerb weltweit ausgetragen. Die Vorauswahlen fanden in internationalen Metropolen wie Tokio, Washington und Sydney statt.
Zusätzlich findet seit 1997 neben dem Gesangswettbewerb ein internationaler Meisterkurs statt. Darin können bis zu 15 ehemalige Teilnehmer ohne Konkurrenzdruck unter Anleitung weltbekannter Musiker an ihrer Stimme und ihrer musikalischen Ausdrucksfähigkeit arbeiten. Zum Schluss gibt es traditionell ein Abschlusskonzert vor rund 300 Gästen. Aus den Teilnehmern des Wettbewerbs „Neue Stimmen“ und den Meisterkursen sind bis heute zahlreiche Bühnentalente hervorgegangen. Darunter Nathalie Stutzmann, Vesselina Kasarova, Roman Trekel, Anna Samuil, Christiane Karg und Dietrich Henschel.
Neue Stimmen 2.0
Alles Online Dass ein kleines Mädchen in Kiew mit ihrem Vater vor dem Computer sitzt und der Mama beim Gewinn der „Neuen Stimmen“ zuschaut, hätte es vor ein paar Jahren nicht gegeben. Heute ist der internationale Gesangswettbewerb online perfekt aufgestellt.
Auf der Internetseite der „Neuen Stimmen“ konnten Interessierte sehen, in welcher Phase sich der Wettbewerb gerade befand. Außerdem gibt es dort immer aktuelle Informationen und Fotos vom Wettbewerb und seinen Akteuren.
www.facebook.com/NeueStimmenSC
Auf facebook haben die „Neuen Stimmen“ eine eigene Seite. Und auch auf der „change“-Seite wurden regelmäßig Informationen zum Wettbewerb ins Netz gestellt.
Auf der Homepage der Bertelsmann Stiftung gibt es nicht nur Aktuelles zum Wettbewerb, sondern auch Infos über Musikförderung. Außerdem Fotos, Filme und den Mitschnitt des Final-Abends.
„Das war einfach Glück. Pures Glück!“
Die 28-jährige lyrische Sopranistin Olga Bezsmertna aus der Ukraine über Gefühle und Hoffnungen nach dem Gewinn der „Neuen Stimmen“
Haben Sie damit gerechnet, die „Neuen Stimmen“ zu gewinnen?
Natürlich nicht. Vielleicht ein bisschen, in meinen Träumen.
Als Sie auf der Bühne standen, kamen ihnen plötzlich die Tränen …
Ja, das war einfach Glück. Pures Glück.
Wie haben Sie sich auf den Finalabend vorbereitet?
Natürlich ist man sehr nervös, wenn man weiß, dass man im Finale steht und singen muss. Da muss man sich etwas zurückziehen, den Kopf frei bekommen.
Haben Sie früh mit dem Singen angefangen?
Ja, schon als Kind. Ich habe zuerst im Chor gesungen. Dort sagte mir meine Lehrerin: Olga, du musst singen! Aber ich wollte das gar nicht. Ich wollte lieber Regisseurin oder Intendantin werden. Heute bin ich froh, dass ich auf der Bühne stehe. Alles andere kann ich später immer noch machen.
Welches große Opernhaus ist das Ziel Ihrer Träume? Wo soll es weitergehen?
Es sollte in jedem Fall ein europäisches Opernhaus sein. Deutschland oder Österreich. Deshalb ist es auch so wichtig, dass ich Deutsch lerne.
Sie leben in Kiew, Ihre Heimat ist die Ukraine, Ihre Sprache Russisch. Wie fühlt es sich an, deutsche Texte zu singen?
Ganz normal. Es geht nicht um die eigene Tradition, sondern um die Sprache der Musik.
Haben Sie nach dem Finale mit Ihrer Familie in Kiew telefoniert?
Ja, ich habe meinen Ehemann angerufen.
Sie sind schon verheiratet?
(lacht) Ich hab sogar schon eine kleine Tochter. Margarit ist zwei Jahre alt.
Familie und Opernkarriere – das ist bestimmt nicht einfach?
Nein, das ist sogar sehr schwierig. Aber mein Mann unterstützt mich. Ich habe ihm ganz zu Anfang gesagt, wenn du eine glückliche Ehefrau haben möchtest, dann gib mir die Zeit zu singen.
Singt Ihre Tochter auch schon?
Nein, aber sie liebt es zu tanzen. Wenn ich anfange zu singen, sagt sie: Mami, nicht singen, tanzen!
Aber sie freut sich, wenn ihre Mutti auf der Bühne steht?
Ja, ich glaube, dass sie ein bisschen stolz ist. Mein Mann hat mit ihr das Konzert im Internet per Livestream angeschaut.Und als ich auftrat, hat sie in die Hände geklatscht und „Mama singt“ gerufen.
Weblinks:
Weiterführende Informationen unter
www.bertelsmann-stiftung.de/neuestimmen
Kontakt: Ines Koring









