Politik
Neugierig nach Wegen suchen
Frau. Mutter. Ministerin. Und dann auch noch eine mit Migrations- hintergrund. Mehr Herausforderung geht nicht. Doch die hat Aygül Özkan als Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration in Niedersachsen gern angenommen
Werder Bremen hat ja Mesut Özil auch nicht wegen seines Migrationshintergrundes verpflichtet, sondern weil er gut spielen kann“, hat Christian Wulff im April 2010 gesagt, als er mit Aygül Özkan (40, CDU) die erste türkischstämmige Ministerin Deutschlands ernannte. Nun empfängt Aygül Özkan uns am Konferenztisch ihres großräumigen Büros in Hannover. Schwarze Stühle. Schlichter Schick. Im Regal steht die gesammelte „Türkische Bibliothek“ des Schweizer Unionsverlages. Auf dem Tisch sind Kaffee, Teegebäck und türkischer Honig angerichtet. Ein kulinarisches Bekenntnis zu eigenen Wurzeln? „Türkischer Honig steht nicht täglich auf meinem Bürotisch“, erklärt die Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration in Niedersachsen, „es ist ein Mitbringsel aus meinem vergangenen Türkei-Urlaub.“
CHANGE: Welche Erwartungen hatten Sie vor Ihrer Minister-Ernennung?
AYGÜL ÖZKAN: Ich habe früh erfahren, dass Migranten sich nicht ausklinken sollten aus der Gesellschaft, sondern dass sie sich mit ihren Erfahrungen einbringen können. Zum Beispiel in die politische Arbeit. Ich war lange Vorsitzende eines Verbandes von Unternehmern mit Migrationshintergrund, die ich dafür gewinnen konnte, Jugendliche auszubilden. Die Erwartung war also: Vorbild sein.
Für wen möchten Sie ein Vorbild sein?
Vorrangig für viele Jugendliche mit Migrationshintergrund, die erleben sollen, dass es sich lohnt, Leistung zu zeigen. Weil man es schaffen kann, wenn Ziele stringent verfolgt werden.
Stimmt es, dass Ihr „Wille zur Leistung“ stets in Ihnen gewesen ist?
Ich wusste, dass ich mir realistische Ziele setzen muss. Ich wusste aber auch, was ich wollte. Dazu gehört zu formulieren, was man möchte, sich selbst einen inneren Kompass schaffend. Wichtig war für mich, dass ich diesen Willen von meinen Eltern vorgelebt bekommen hatte. Mein Vater war selbstständig, meine Mutter immer berufstätig. Ich habe gesehen, wie man „anpackt“ und wie sich meine Eltern gegenseitig unterstützten.
Sie erklommen Stufe für Stufe. Haben Sie sich währenddessen verändert?
Nein, denn mein Neugierde für andere Menschen ist geblieben. Wichtig ist, wie man sich selbst definiert. Ob als Politiker, als Unternehmer, als normaler Bürger. Diese Definition ist ganz entscheidend für die Intensität, in der man Veränderung von außen zulässt.
Was raten Sie einer 14-jährigen, deutsch-türkischen Realschülerin?
Die ganze Welt steht ihr offen. Deutschland vorweg. Ich habe jungen Menschen immer gesagt, sie sollten sich ihrer drei größten Stärken bewusst werden. Schwächen hat jeder. Die werden einem früh genug vor Augen geführt. Aber Stärken nennen wir zu selten. In der Schule werden Stärken an Noten festgemacht, nicht am Charakter. Aber Stärken nützen nicht nur in der Schule, im Beruf. Vielleicht nützen sie auch ehrenamtlich. Damit sich Netzwerke aufbauen.
Sollen 14-jährige Schülerinnen bereits an ihrem Netzwerk arbeiten?
Das fragen sich diese Schülerinnen tatsächlich, wenn ich mal wieder von Vernetzung erzähle, weil das sehr wirtschaftlich klingt. Aber wenn ich weiß, was der Vater oder die Mutter meines Mitschülers arbeiten – und das bei 20 bis 25 Mitschülern je Klasse – dann habe ich bereits ein riesiges Netzwerk. Wenn ich dann einen Praktikums- oder Ausbildungsplatz suche, oder einfach nur mal einen Tipp haben möchte, wie es in einem Unternehmen läuft, dann kann ich viele Menschen ansprechen.
Erfolg entsteht durch Netzwerke?
Die Ziele sollten nicht utopisch, sondern erreichbar sein. Nicht jeder muss Minister sein. Das Ziel kann genauso gut eine Ärztin sein, eine Polizistin, eine Erzieherin. Dabei hilft, sich immer wieder anzusehen, was bereits auf dem eigenen Weg geschafft wurde. Und dann: sich mit anderen zusammentun.
Dieses „Zusammentun“ ist oft schwierig. Brauchen wir eine Quote?
Die aktuelle Debatte über Quoten in Unternehmensvorständen ist zu kurz gefasst. Weil es auf allen Ebenen, auch im Öffentlichen Dienst, diese Aufstiegschancen geben muss. – Rollenmodelle sind außerdem vielfältiger. Wenn sich eine Frau früh fragt, welchen Partner sie wählt, wie Arbeit innerhalb einer Beziehung aufgeteilt werden soll, dann sind diese Überlegungen genauso wichtig wie Gleichberechtigung am Arbeitsplatz. Sollte es aber nicht gelingen, Frauen durch flexible Arbeitszeitmodelle für Unternehmen zu gewinnen, dann kann ich mir als Ultima Ratio eine Quote vorstellen.
Wie gehen Ihre weiblichen Familienmitglieder mit Ihrer Karriere um?
Es gibt eine ganz breite Unterstützung. Beispielsweise meine Mutter und meine Schwiegermutter, die zeitlebens berufstätig waren und durch meine Ernennung bestärkt wurden, dass dies der richtige Weg ist. Die sagten: Lass Dir nichts einreden. Auch nicht von der Männerwelt. – Dieser Spagat gelingt nur durch Unterstützung in der Familie. Und diese Unterstützung erfahre ich auch von meinem Mann, meinem Vater und von meinem Sohn, der neun Jahre alt ist und sagen kann, wie er etwas empfindet.
Ihr Ehemann arbeitet Vollzeit als Frauenarzt. Wie managen Sie beide Ihre Familie?
Mein Mann ist selbstständiger, niedergelassener Arzt und deshalb flexibler in seiner Einteilung. Er macht derzeit tatsächlich mehr und hat eine Fähigkeit, mit dieser Situation umzugehen, einzuspringen, wenn Not am Mann ist. Das finde ich ganz vorbildlich. Ich meine immer, das gleicht sich im Leben aus. Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen die Zeit am Wochenende knapp war, weil mein Mann in einer Klinik Nacht- und Bereitschaftsdienste hatte. Wir konnten uns nicht mit Freunden treffen. Wir mussten uns arrangieren. Jetzt bin ich eingespannt. Und so muss mal der eine, mal der andere sich zur Verfügung stellen.
Holen Sie Ihren Sohn von der Schule ab?
Nein, das kann ich nicht. Mein Mann fährt unseren Sohn morgens zur Schule. Noch – bald kann mein Sohn selbst zur Schule gehen. Und wir nutzen unterschiedliche Betreuungsangebote. Nach der Schule ist unser Sohn zwei Stunden im Hort. Außerdem haben wir eine Nanny, die ihn zum Sportunterricht fährt. Uns ist aber wichtig, dass wir jeden Morgen miteinander sprechen.
Im gemeinsamen Auto?
Mein Mann fährt mit meinem Sohn, und ich werde gefahren – wo immer ich im Einsatz bin. Wir telefonieren. Wir telefonieren morgens. Wir sprechen uns aber auch jeden Abend, reflektieren gemeinsam, wie der Tag gelaufen ist. Entweder bin ich physisch da – oder ich rufe an, bevor unser Sohn ins Bett geht.
Welche Erfahrungen macht Ihr Mann, er ist Moslem wie Sie, als Frauenarzt?
Gerade Menschen mit Migrationshintergrund schätzen, dass ein Arzt Ihnen etwas in ihrer Muttersprache erklären kann, jemand, der auch für familiäre Hintergründe oder Probleme ein Ohr hat. Wenn es um Nöte oder Fragen zum Kind geht, bei einer Schwangerschaft, sind die Ängste und Fragen die gleichen wie bei deutschen Frauen. Aber bei komplexen medizinischen Problemen ist die Dankbarkeit groß, dass mein Mann die gleiche Sprache sprechen kann.
Gab es bei Ihnen Momente des Zweifels, oder Steine, die Ihnen in den Weg gelegt wurden?
Ich habe erlebt, dass man nicht nur den einen Weg suchen kann, weil es mehrere Wege gibt. Deshalb habe ich nie Hürden gesehen. Ich habe Unterstützung erfahren, weil ich nach Unterstützung gefragt habe. Menschen mit Migrationshintergrund müssen von dem Gedanken wegkommen, abgeholt zu werden. Nicht erstarren, sitzen, schmollen. Neugierde ist wichtig. Hilfe in Anspruch nehmen können, ist wichtig. Mentoren, Begleiter in unterschiedlichen Lebensphasen sind wichtig. Und: Immer eine Nacht darüber schlafen. ][
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Aygül Özkan ist die erste türkischstämmige Ministerin in Deutschland
Aygül Özkan
Als Aygül Özkan im April 2010 vom späteren Bundespräsidenten Christian Wulff zur ersten türkischstämmigen Landesministerin ernannt wurde (für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration), titelte die Istanbuler Zeitung „Hürriyet“ „Unsere erste Ministerin“. Özkans Eltern waren in den Sechzigerjahren von Ankara nach Hamburg zugewandert und integrierten sich schnell in der neuen Heimat. Der Vater arbeitete in seiner eigenen Änderungsschneiderei. Tochter Aygül Özkan, von beiden Elternteilen stets unterstützt, meisterte währenddessen ihren Weg ohne spezielle Förderprogramme. Nach ihrem Jura-Studium arbeitete sie zunächst im Management der Deutschen Telekom und dann beim Logistik-Dienstleister TNT.


