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Engagement

Die Familien-Netzwerkerin

Constanze Meyne hat mit ihrer Familie eigentlich schon einen Fulltime-Job. Trotzdem baute sie das Projekt „Känguru“ auf. Um gemeinsam mit anderen Frauen Berliner Familien zu helfen

text: Thomas Röbke ][ fotos: Bernd Jonkmanns

Schon als kleines Mädchen habe sie in die Kinderwagen geschaut, in denen die Babys vor dem Konsum geparkt wurden, während die Mütter einkauften – nicht ungewöhnlich in der DDR. „Und wenn eines weinte, schaukelte ich seinen Wagen, um es zu beruhigen“, erinnert sich Constanze Meyne. Die Fähigkeit, die Bedürfnisse anderer zu erkennen und auf sie einzugehen, liegt in der Familie: Ihre Mutter war Erzieherin, eine Schwester arbeitet ebenfalls in dem Beruf, die zweite Schwester wurde Sozialpädagogin. Die studierte Erziehungswissenschaftlerin begleitete schon als Kind ihre Mutter bei der Arbeit, war mit 13 Jahren Ansprechpartnerin für eine Hortgruppe, holte immer wieder die weniger gut umsorgten Nachbarskinder in den Garten.

Seit vier Jahren baut die 40-Jährige „Känguru – hilft und begleitet“ auf. Das anfangs von der Diakonie finanzierte Projekt hilft Eltern, die nach der Geburt eines (weiteren) Kindes die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht haben – aber noch kein Fall fürs Jugendamt sind. Denn dies zu verhindern, ist das Ziel des Projektes. Dafür geht jeweils eine ehrenamtliche Helferin an einem Tag in der Woche für vier Stunden in eine Familie und kümmert sich um den Nachwuchs. So schenkt sie den Eltern Zeit für sich selbst, Zeit zum Durchatmen und Auftanken. Neun Standorte mit knapp 100 Ehrenamtlichen hat „Känguru“ in Berlin. Constanze Meyne ist Ansprechpartnerin für Friedrichshain, Mitte und einen Teil von Kreuzberg. Derzeit betreut sie elf Familien im Dienste der Koepjohann’schen Stiftung, bei der das Projekt seit September 2009 angesiedelt ist.

Organisation pur

45 Minuten mit Fahrrad und S-Bahn braucht die alleinerziehende Mutter dreier Söhne (17, 14 und sechs Jahre) von Oranienburg in ihr Büro unweit des S-Bahnhofs Friedrichstraße. Auf dem Weg zur S-Bahn bringt sie den Jüngsten zur Schule, um halb neun beginnt ihr Dienst. Und wenn sie sich um halb drei wieder auf den Heimweg macht, donnerstags erst um sieben, hat sie an guten Tagen einige Familien durch Gespräche und Vermittlung von ehrenamtlichen Helfern unterstützen können.

Leichte Tage sind es selten. „Keine Frage: Es ist ein Spagat, den Kindern und dem Job gerecht zu werden. Zum Glück organisieren sich meine Kinder inzwischen zeitweise selbstständig“, sagt Meyne. Trotzdem sind drei Kinder, Haus, Hof und Garten auch für die Fachfrau kein Pappenstiel. Derzeit macht sie außerdem eine Fortbildung zur systemischen Therapeutin (früher: Familientherapeutin), um zusätzlich Einzelberatungen anbieten zu können. „Ich mache auch nicht alles mit links, bin manchmal überfordert“, gibt sie zu. „Wenn in eine Woche gleich drei Elternabende fallen, sage ich schon mal einen ab und vereinbare stattdessen ein Gespräch mit dem Klassenlehrer. Aber die Kinder und ich sind ein gutes Team, und darum kommen wir auch durch schwierige Zeiten.“ Außerdem habe sie durch ihre „Känguru“-Familien gelernt, Unterstützung von außen in Anspruch zu nehmen: „Ich muss nicht mehr die Superfrau sein, die alles allein auf die Reihe kriegt. Mir das einzugestehen, war nicht leicht. Ich habe sehr nette Nachbarn, die mir bei vielen kleinen alltäglichen Dingen eine große Hilfe sind. Außerdem habe ich gute Freundinnen, mit denen ich über alles reden kann, was mich bedrückt.“

Für andere da sein

Zwei dieser „Känguru“-Familien besuchen wir heute mit Constanze Meyne. In Friedrichshain wohnen Songül Baylan (32) und ihr Mann Carlos Lojo Ruibal (42), mit den Kindern Lorenzo (18 Monate), und Eda (fünf Monate). Baylan kam als Baby aus der Türkei nach Deutschland, hat eine Ausbildung zur medizinischen Masseurin und Bademeisterin gemacht und überlegt, Japanologie zu studieren. Der Spanier Ruibal war Grundschullehrer, bis er beschloss, durch Europa zu reisen. So lebte er in Italien, England und Frankreich, bis er in Berlin Songül kennenlernte, die ihn in der Bäckerei ihrer Schwester bediente. Derzeit ist er nicht berufstätig; ab Herbst möchte er sich zum Theater- oder Zirkuspädagogen fortbilden.

An einen Krippenplatz für Lorenzo ist noch lange nicht zu denken – Friedrichshain ist der kinderreichste Bezirk in Berlin, die Wartelisten sehr lang. Das spanisch-türkische Paar weiß um sein Problem, Ordnung in das alltägliche Chaos zu bringen – die Betreuung von zwei Kleinkindern macht die Aufgabe nicht eben leichter. Felipa Burnay Pereira (27) kann (und soll) dem Paar zwar nicht das Aufräumen abnehmen – wohl aber die Kinder. Jeden Dienstagvormittag geht sie mit den Kleinen auf den Spielplatz. „Wenn Felipa kommt, nutzen wir die Zeit, in der Wohnung etwas zu machen und auch mal zusammen etwas zu unternehmen“, sagt Baylan. „Und ich habe wirklich das Gefühl, hier an der richtigen Stelle zu helfen“, sagt Pereira. Die Lehramtsstudentin (Deutsch, Religion, Philosophie) mit portugiesischem Vater wohnt seit zwei Jahren in Kreuzberg. Ihr zweieinhalbjähriger Sohn ist gerade in die Kita gekommen. „Darum wollte ich gern neben dem Studium noch etwas anderes machen, ehrenamtlich. Es ist wie eine Insel, ich tanke Energie, kann was für mich tun, meine eigenen Fähigkeiten erkunden. Ich würde gern weiter im sozialen Bereich arbeiten.“ Ihren Freund, einen gelernten Tischler, hat sie längst mit einbezogen: Er hat für die Familie eine Küchenbank angefertigt.

Netzwerke schaffen

Ein bis zwei Monate beträgt normalerweise die Wartezeit, bis einer Familie eine Helferin vermittelt werden kann. „Oft bekommen wir Anrufe ,Wir brauchen sofort Hilfe!‘ – und dann macht manchmal keiner die Tür auf“, erzählt Constanze Meyne in der Mittagspause. „Oder nach wenigen Terminen wird der Kontakt abgebrochen. Das ist dann kein böser Wille, sondern Folge einer nachgeburtlichen Depression. Das musste ich auch erst lernen.“ Sie selbst trete „nie mit dem Anspruch auf, den Familien zu sagen: So muss es sein. Ich höre zu, wie es den Eltern geht in ihrer Rolle.“ Ihr Fachwissen gebe ihr die Sicherheit, damit umzugehen. Das A und O sei die Beziehungsarbeit, den Kontakt herzustellen: „Es gibt keine pauschalen Antworten in der Erziehung. Jeder ist anders geprägt, strebt unterschiedliche Werte an. Man muss bei jedem schauen: Was passt, was ist hilfreich?“ In vier Stunden pro Woche Grundlegendes in einer Familie zu ändern, sei unmöglich, da mache sie sich nichts vor. Sie bekomme aber das Feedback, „dass wir eine Hilfe sind. Es gibt den Familien Sicherheit, dass es da jemanden gibt, der verlässlich ist und sich regelmäßig kümmert. Die Gewissheit, dass man nicht allein ist, tut schon gut. Wir hoffen, auf diese Weise Reserven zu mobilisieren.“ Neben dem Ausbau der Einzelgespräche arbeitet Constanze Meyne an einem Konzept für eine Gruppe, in der Eltern über ihre Stärken und Schwächen sprechen.

Grenzen überwinden

Etwa die Hälfte der betreuten Familien hat einen Migrationshintergrund. So auch Parvin Sultana (27) und ihr Mann Ashker Ali (38) aus Bangladesch. Sie lebt seit fünf Jahren in Deutschland, er seit zehn. Mit seinen Brüdern betreibt er ein indisch-mexikanisches und ein italienisches Restaurant. Die Wohnung ist recht spartanisch eingerichtet – nur das Nötigste, und auch das nur in einem sehr gebrauchten Zustand. Alice Dörr, 32, hat ganz frisch die Betreuung der Familie übernommen: „Die Kinder habe ich gleich ins Herz geschlossen. Ich denke, wir werden gut klarkommen.“ Die Studentin (Soziale Arbeit) hörte von „Känguru“ durch eine Freundin, die sich dort ebenfalls ehrenamtlich engagiert. Als wir zusammen mit ihr die Familie besuchen, sind die Kinder gerade aus dem Mittagsschlaf erwacht: der dreijährige Parves und die neun Monate alten Zwillinge Mukta und Manik. Vater Ali arbeitet zwölf Stunden täglich, sieben Tage die Woche in seinen Restaurants, Parvin ist mit den drei Kindern auf sich allein gestellt. Familienmitglieder, die ihr die Kinder ein paar Stunden abnehmen könnten, gibt es nicht. Umso mehr vermisst die junge Mutter die Familienstrukturen aus der Heimat. „Wenn Parves im Kindergarten ist, gehe ich mit den Zwillingen nach draußen“, erzählt sie. „Aber nachmittags gehe ich nicht mehr raus – mit drei Kindern, die alle etwas anderes wollen, ist mir das einfach zu viel.“

Büroarbeit, Kontakte herstellen und pflegen, Besuche bei den Familien vor Ort – das ist der Arbeitsalltag von Constanze Meyne. Heute kommt noch das Treffen der Ehrenamtlichen hinzu. Auf dem Rückweg holt sie die bestellten belegten Brötchen ab, deckt die Tische mit Gläsern, Tellern, Wasser und Orangensaft. Trotz Ferienzeit kommen sieben ehrenamtliche Mitarbeiterinnen, die meisten noch in den Zwanzigern. Sie sind alle eher zierlich und strahlen zugleich Durchsetzungsfähigkeit aus. Termine, Erfahrungsaustausch …

auch die Helfer sollen sich aufgehoben fühlen. Fortbildungen von Erster Hilfe am Kind bis Wochenbettdepression machen sie fit für ihre Aufgaben. Der Gemeinschaftsgedanke zündet: Zum Sommerfest der neun Känguru-Gruppen kamen 50 Ehrenamtliche. Es sei eine „tief befriedigende Arbeit“, sagt Annette, im Hauptberuf Krankenschwester. Und Katja meint: „Ich würde gern noch sechs Stunden dranhängen, aber es geht einfach nicht.“ – „Überfordert euch nicht, ladet euch nicht zu viel auf!“, warnt Constanze Meyne.

Als die Helferinnen gegangen sind, räumt sie auf, packt ihre Sachen zusammen, schließt ab. Halb acht. Zeit für ihre Interessen – Fahrradtouren, Joggen, Gitarre spielen – wird sie heute Abend nicht mehr haben. Vielleicht telefoniert sie noch mit einer Freundin. Klar, manchmal schlaucht die Arbeit schon. „Aber ich habe das große Glück, dass ich mein eigener Chef bin und die Prioritäten selbst setzen kann. Das nimmt zumindest den Druck, sich vor Kollegen rechtfertigen zu müssen. Wenn alles ein bisschen viel wird, gebe ich mir mehr Zeit für meine Aufgaben. Darüber hinaus habe ich ziemlich nette Kolleginnen, mit denen ich immer über meine Arbeitssituation reden kann.“ Fragt man Constanze Meyne, was ihre Arbeit ihr bedeutet, antwortet sie: „Mein Beruf ist mein Hobby! Ich investiere viel, aber bekomme auch viel zurück.“ ][

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Soziale Berufe, soziales Engagement, Ehrenämter – noch immer ist das vor allem Frauensache, wie bei den Krankenhaushelferinnen „Grüne Damen“.

Beispiel Beruf: Während Maurer (Männeranteil: 99,9 Prozent), Soldat, Grenzschutzund Polizeibeamter (88,2 Prozent) oder Ingenieur und Architekt (87,5 Prozent) überwiegend von Männern ausgeübt werden, sind Berufe wie Erzieher (Frauenanteil: 92,8 Prozent), Krankenpflegekraft (91,3 Prozent) oder Altenpfleger (86,8 Prozent) fast ausschließlich „Frauenberufe“.

Beispiel Kirche: Mehr als zwei Drittel der Ehrenamtlichen in der evangelischen Kirche sind Frauen, im Pfarramt sind etwas mehr als ein Viertel der rund 19.000 Geistlichen weiblich. Im katholischen sozialen Dienst der Caritas liegt der Frauenanteil bei 81,4 Prozent, im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe sogar bei über 90 Prozent.

Beispiel bürgerschaftliches Engagement: Noch immer sind mit 40 Prozent deutlich mehr Männer als Frauen (32 Prozent) freiwillig engagiert. Allerdings: Während Männer sich vor allem in Bereichen wie Sport, Vereinen und Rettungsdiensten engagieren, helfen Frauen eher in Kindergärten und Schulen.

Das Känguru-Projekt

Das Berliner Projekt „Känguru – hilft und begleitet“ unterstützt Eltern in den Monaten nach der Geburt. Familien ohne ausreichende soziale Kontakte, familiäre Einbindung oder solche, die aufgrund der sozialen Situation eine ergänzende Unterstützung benötigen, werden durch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen für einen festgelegten Zeitraum von maximal zwölf Monaten begleitet. Die „Känguru“-Mitarbeiter unterstützen die Familien bei der Betreuung der Kinder, gehen bei Bedarf mit zum Kinderarzt oder passen auf größere Geschwister auf, gehen auf den Spielplatz oder kaufen ein, um die Mutter bzw. die Eltern für eine bestimmte Zeit zu entlasten.

Infos: www.kaenguru-dwbo.de