Sport
Schneller als die Männer
Steffi Laier ist die beste Motocross-Fahrerin der Welt. Eine zähe Frau. Ein harter Job. Aber warum stehen am Ende immer nur die Männer im Rampenlicht?
Staubig ist die Luft. Ohrenbetäubend knattert es zwischen den Lehmhügeln. Dann zwei Reifen. Hoch oben, in gut acht Metern Höhe. Sekunden später ein Aufprall. Mehr als 20 Meter weiter. Hart kracht das Motorrad auf den Boden. Und als wäre es nur ein spielerischer Sprung gewesen, rast die Maschine weiter. Die nächsten Hügel entlang. – Motocross macht Gänsehaut. Und kann ein Leben prägen. So wie das von Steffi Laier. 25 Jahre alt, blond, durchtrainiert. Dreifache Weltmeisterin im Motocross, dreifache Gewinnerin der inoffiziellen Weltmeisterschaft in den USA, Europameisterin, Deutsche Meisterin und FIM Women’s World Champion 2010. Sie hat in einer Saison alle Rennen der AMA-Womens-Motocross-League in den USA gewonnen. Und bei zahlreichen Meisterschaften trat sie von vornherein gegen Männer an. Und gewann! In diesem Jahr kämpft sie um den vierten Weltmeistertitel. Mit über 60 Sachen fährt sie ihren Gegnerinnen davon. Massenstarts. Über zehn Meter hohe und 30 Meter weite Sprünge. Und am Ende ist sie fast immer die Erste im Ziel. Doch wer jetzt glaubt, Steffi Laier sei einfach nur eine Motorsport-Verrückte, der irrt gewaltig. Genauso wie jemand, der jede erfolgreiche Businessfrau als cool und karrierefixiert abstempelt. Denn zwischen Business und Sport, findet Steffi, gibt es viele Parallelen.
Frühe Leidenschaft
Zum Beispiel, früh eine Leidenschaft zu entdecken. Zuhause in Dielheim (bei Heidelberg) stand Steffi schon an der Rennstrecke, als sie gerade mal laufen konnte. „Mein Vater war Amateurfahrer und nahm mich mit. Zu meinem vierten Geburtstag schenkte er mir eine kleine 50-Kubik-Yamaha-Automatik.“ Weil Vierjährige damals noch nicht starten durften, trainierte sie ein Jahr lang. Gezwungen habe sie dazu niemand. Ihre Mutter schaut schließlich bis heute noch weg, wenn ihr einziges Kind startet. Und ihr Vater dachte, in ein paar Monaten habe sie die Sache vergessen. Und lieber einen Teddy. Oder einen Puppenwagen. Steffi sah das anders. Mit fünf fuhr sie ihr erstes Rennen und landete prompt unter den ersten Dreien.
Einsamkeit
Damals hat sie die Leidenschaft für Tempo und rasante Sprünge gepackt. Doch auch das unterscheidet sie nicht von so vielen anderen Frauen, die früh ein Ziel vor Augen hatten: Erfolg kann einsam machen. Freunde im Sport seien eher problematisch, da man sie ja zugleich besiegen soll. Und Freunde im Privatleben? „Als ich im Teenager-Alter war, haben es nur die wirklichen Freunde respektiert. Aber ich war damals schon fast jedes Wochenende auf Wettkämpfen und musste regelmäßig trainieren. Wenn andere Jugendliche dann Partys feierten, war ich meistens nicht mit dabei. Man sagt einmal ab, vielleicht auch zweimal. Beim dritten Mal wird man schon gar nicht mehr gefragt. Für mich war es schwierig, den Anschluss an Freunde zu halten.“ Das wurde auch nicht einfacher, als sie mit 14, 15 und 16 Jahren an der AMA Women’s Motocross League in den Vereinigten Staaten teilnahm und quer durch Amerika reiste. Parallel zur Schule in Deutschland, die sie dennoch erfolgreich abschloss: mit Fachhochschulreife und dem Abschluss als staatlich geprüfte Wirtschaftsassistentin.
Konsequenz
Danach studierte sie Diplom-Informatik. Und schon wieder kam eine Situation, so typisch für den Weg nach oben: Steffi Laier musste früh weitreichende Entscheidungen treffen. „2005 gab es zum ersten Mal den FIM Women’s World Cup. Alles zuvor, also Deutsche Meisterschaft und Europameisterschaft, bin ich mit den Männern zusammen gefahren. 2005 wurde ich dann zum ersten Mal Weltmeisterin, konnte den Titel aber im Jahr drauf durch das Studium nicht verteidigen. Da hab’ ich entschieden, ab 2007 nicht mehr zu studieren, sondern Profi zu werden.“ Ein fester Entschluss. Und gleich erneut ein Erfolg, denn Steffi Laier bekam Sponsorenverträge, von denen sie leben konnte. Ihre Hauptsponsoren sind heute KTM und Red Bull. Als Profi trainiert sie noch härter. Motocross, Fitness-Studio, Joggen, Kraft- und Balancetraining, Radfahren … Sechs Tage die Woche. Auch Stürze und Verletzungen nahm sie in Kauf. Schon weit vor ihrer Karriere als Profi. „Das fing vor 13 Jahren mit einem Daumentrümmerbruch an. Wir sind beim Start alle ineinandergefahren, und ich lag ganz unten. Das nächste war meine Schulter. Die ist kaputt, aber ich kann damit leben und hab’ keine Schmerzen. Ich war hinter einem Sprung, bin korrekt gefahren, doch der Fahrer hinter mir sprang zu weit und nutzte mich als Bremsklotz. Mit dem Vorderrad sprang er mir direkt in die Schulter.“ Danach kam noch ein Sehnenabriss in der Hand. Und der Sturz bei der WM im letzten Jahr – „eine Gehirnerschütterung, und keiner wusste, ob ich noch fahren kann. Es war das letzte Rennen, und wäre ich nicht gefahren, wäre mein Titel futsch gewesen.“ Klar, Steffi Laier fuhr. Und wurde wieder Erste.
Männer
Wer Steffi Laier sieht, wie sie in ihrer Einliegerwohnung im Haus ihrer Eltern sitzt und mit ihren beiden Katzen schmust, sieht sie, so wie sie ist. Schließlich ist es sehr wohl möglich, Karriere zu machen, ohne sich komplett zu verbiegen: „Nur an der Rennstrecke haben Emotionen eben nichts zu suchen. Heulen kann man immer noch zu Hause. Außer man hat arge Schmerzen. Da weinen auch die Männer.“ Harte Kerle eben, die es gar nicht so witzig finden, wenn Steffi sie an die Wand fährt. „Ob eine Frau mitfährt, ist denen egal. Nur wenn eine Frau um den ersten Platz mitfährt, haben viele damit ein Problem. Und noch schlimmer waren früher die Väter, die am Rand standen und schimpften, weil ihre Söhne gegen mich verloren haben. Das konnten sie nicht verstehen.“ Und wie steht es im Privatleben mit dem Thema Mann? „Ich hatte ziemlich lange keine Beziehung, war total auf meine Karriere fixiert. Wie schwierig es ist, alles unter einen Hut zu bekommen, merkte ich, als ich dann doch einen Freund hatte. Am Anfang hat er das alles verstanden. Doch nach einer Weile fragte er, ob ich denn wirklich immer Rennen fahren muss. Da merkte ich, dass ich nicht die Zeit und nicht den Kopf für eine Beziehung habe. Jeder, der mit mir zusammen sein will, muss akzeptieren, dass mein Sport zu mir gehört und Teil meines Lebens ist. Ich würde meine Karriere nicht für einen Freund aufgeben.“
Frauen
Klare Worte. Und klare Ziele, die nicht unbedingt „typisch Frau“ sind, findet Steffi: „In manchen Dingen bin ich schon sehr hart im Nehmen. Nicht emotional, nicht zickig. Ich bin mit Männern aufgewachsen und weiß, wie sie ticken. Vielleicht ist das mein Vorteil. Viele Frauen denken, Männer seien kompliziert. Dabei sagen sie meistens nur direkt, um was es geht. Frauen dagegen sind häufig empfindlicher und nehmen sich zu sehr zurück. Dabei sind Fehler menschlich. Und Männer machen die gleichen Fehler wie Frauen auch.“ Emanzipation, findet Steffi Laier, sollte heutzutage selbstverständlich sein. Doch leider sei es das nicht. Zwar denke fast niemand mehr, die Frau gehöre an den Herd, aber „gerade im Bereich Business, Management und im Sport machen es die Männer den Frauen noch immer schwer. Weil man einfach nicht akzeptieren will, dass sie es auch nach ganz, ganz oben schaffen können.“
Gleichberechtigung
Fair gehe es deshalb noch lange nicht zu. „Letztes Jahr fuhren wir Frauen noch bei der Königsklasse mit. In diesem Jahr sind wir degradiert worden. Wir haben weniger Zuschauer und keine Live-Übertragungen im Fernsehen mehr. Doch wenn die Aufmerksamkeit fehlt, springen auch die Sponsoren ab. Die haben das schon angedeutet.“ Und das, wo eine komplette WM-Saison ohne Sponsoren rund 130.000 Euro kosten würde. „Weder meine Eltern noch ich haben so viel Geld.“ Die Flüge haben die Sponsoren bereits gestrichen. Seitdem reist Steffi im Wohnmobil zu den Rennen. Bulgarien, Griechenland, Finnland, Italien, Slowakei, Slowenien, Frankreich … Viele Tausend Kilometer im Jahr quer durch Europa. Am Ende kann Steffi Laier noch so hart trainieren, ihre Gesundheit ruinieren, auf Privatleben verzichten, die Zähne zusammenbeißen – so viel Geld wie ein Mann würde sie in ihrer Sportart niemals verdienen: „Wir Frauen trainieren sogar härter als die Männer, die ja von Natur aus mehr Kraft haben. Doch am Ende bekommen wir nicht einmal ein Achtel von dem raus, was die Männer verdienen. Und das gilt heutzutage ja nun nicht nur für den Sport.“
Träume
Noch hofft sie, dass sich die Sichtweise ändert. Ihre Ziele? „Wenn das Geld stimmt, möchte ich noch fünf Jahre fahren und danach Trainerin werden.“ Und ihre Träume? „Irgendwann eine Harley. Und ein Leben in Kalifornien.“ Und noch etwas wünscht sich die hübsche Extremsportlerin, die in ihrer Freizeit gern beim Wasserskifahren entspannt: „Ich möchte nicht nur Spaß am Sport, sondern auch Spaß am Leben haben. Und natürlich will ich gewinnen. Aber ich möchte auch davon leben können, denn: Wenn sich eine Frau in einer Männerdomäne behauptet und dasselbe erreicht, was ein Mann erreicht – ist sie dann nicht sogar besser?“ ][
Diesen Text teilen
Weiteres zum Schwerpunkt Frauen bewegen
Gesellschaft
Anja Gebhardt ist Bürgermeisterin in einem fränkischen Dorf, das auch sonst fast in Frauenhand ist
Sport
Steffi Laier ist Weltmeisterin im Motocross. Und lässt dabei so manchen Mann hinter sich
Engagement
Constanze Meyne baut in Berlin ein Projekt auf, in dem Frauen jungen Familien zur Seite stehen
Politik
Aygül Özkan ist die erste türkischstämmige Ministerin in Deutschland
Steffi Laier
Steffi Laier wurde im August 1985 in Heidelberg geboren. Sie lebt in Dielheim und bestritt mit fünf Jahren ihr erstes Rennen. 2005 wurde sie zum ersten Mal Weltmeisterin, danach erneut 2009 und 2010. Sie startet im Team von Red Bull TEKA KTM Factory Racing.
Aktuell führt sie die Weltmeisterschafts- Wertung erneut an, gewann die letzten Rennen und hat beste Chancen, auch 2011 erneut Weltmeisterin zu werden.
Info: www.steffilaier.de





