Gesellschaft
Das Dorf im Griff
In der fränkischen Gemeinde Kirchehrenbach bestimmen die Frauen das Dorfleben. Vorbild ist dabei die erste Frau im Ort: Bürgermeisterin Anja Gebhardt
Sie sitzen da wie die Hühner auf der Stange. Die letzte waschechte Männerbastion von Kirchehrenbach. Männer wie Oskar Dietz (65), von Beruf Busfahrer, treffen sich jeden Tag auf der Bank vor der Kirche. „Immer von 10 bis 11 Uhr“, sagt er und deutet auf die drei älteren Herren neben sich. Ein Textilarbeiter, ein Staplerfahrer und ein Installateur. Alle jenseits der Siebzig. „Und dann reden wir darüber, was bei uns im Dorf so passiert.“
Wie oft da wohl schon Anja Gebhardt (39) die Ohren geklingelt haben mögen? Seit 2008 ist sie Bürgermeisterin von Kirchehrenbach. Eine Frau mit ansteckendem Lachen. Mitglied der SPD, glücklich verheiratet. Mutter von zwei großen Töchtern. Und nebenbei noch hauptberuflich als Steuerfachgehilfin tätig. „Dass die sich so gut anstellt, damit hatten wir nicht gerechnet“, sagt Oskar Dietz und nickt anerkennend. „Das macht sie gut, die Frau Bürgermeisterin. Respekt!“
Die Hoffnungsträgerin
Dabei hatte Anja Gebhardt es nicht immer leicht. „Der Start damals war ganz schön holprig“, sagt sie und stellt zu Hause in ihrem Esszimmer den Kuchen auf den Tisch – „der ist frisch gekauft, backen finde ich schrecklich.“ Damals, das war Anfang 2008. Gemeinsam mit ihrem Mann hatte sie für die SPD für den Gemeinderat kandidiert – „und das in einem mitternachtsschwarzen Dorf wie Kirchehrenbach.“ Irgendwann kam die Frage auf, ob sie sich nicht als ehrenamtliche Bürgermeister-Kandidatin aufstellen lassen wolle. „Wir haben das zuerst mit den Kindern besprochen, die waren damals erst 14 und 16 Jahre alt.“
Der Sieg war knapp. Nur 52 zu 48 Prozent. Und doch jubelten plötzlich alle. Nicht nur ihr Mann und ihre Kinder. Auch viele, die einfach da waren und mitfieberten. Und womöglich hofften, dass sich mit Anja Gebhardt auch so einiges ändern würde. „Im Mai war ich im Amt. Und im September wurde schon unsere neue Kinderkrippe eröffnet. Das war mir wichtig, auch wenn ich gleich am Anfang Überzeugungsarbeit leisten musste. Denn für die Älteren im Gemeinderat war es selbstverständlich, dass Mütter zu Hause bei ihren Kindern bleiben.“ Doch Anja Gebhardt überzeugte sie. Womöglich, weil die Leute im Ort wussten, dass sie selbst nach der Geburt ihrer Töchter weitergearbeitet und daher ein bisschen Ahnung von der Sache hatte. „Meine Argumente waren, dass heute viele Mütter alleinerziehend sind, oder es in vielen Familien einfach notwendig ist, dass beide Elternteile arbeiten.“
Ideen für morgen
Inzwischen gibt es nicht nur eine Kinderkrippe, die komplett ausgebucht ist. Es gibt auch einen Abenteuerspielplatz. Und aktuell geht es darum, dem demographischen Wandel entgegenzuarbeiten, damit die dörfliche Infrastruktur, die mit zwei Bäckern, zwei Metzgern, Schulen, Ärzten, zwei Supermärkten, drei Gasthöfen, Post, Bank und Hallenbad noch intakt ist, auch erhalten bleibt. „Wir wollen neue Baumöglichkeiten schaffen, um mehr junge Familien nach Kirchehrenbach zu holen“, sagt Anja Gebhardt. Ihr Etat beläuft sich auf rund zwei Millionen Euro. „Das ist knapp“, sagt sie. „Und wenn es um große Projekte wie unser neu gebautes Feuerwehrhaus geht, liege ich auch schon mal nachts wach und grüble.“ – Am Tag hat sie dafür keine Zeit. Wenn Ehemann Rainer (42) und die Töchter Lena (19) und Jana (17) zur Arbeit gehen, verlässt auch Anja Gebhardt das Haus, geht an dem kleinen Messingschild mit der Aufschrift „Hier wohnt die erste Bürgermeisterin“ vorbei und fährt zur Arbeit ins Steuerbüro. „Das ist mir wichtig. Solange ich selbst auch noch einen Chef habe, bleibe ich mit den Beinen auf dem Boden und fange nicht an, mich als Bürgermeisterin wie eine Königin aufzuführen.“ Häufig unterbricht sie ihre Arbeit für zwei Stunden und fährt schnell ins Rathaus. Zum Beispiel, um eine Trauung vorzunehmen. Denn auch das zählt zu ihren Aufgaben. Danach geht’s schnell wieder zurück ins Büro. Am Abend dann häufig noch Gemeinderatssitzung, Interviews, Gespräche, Vorbereitungen … – „Mich füllt das richtig aus“, sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht. „An Politik interessiert war ich nie. Aber dass hier im Dorf alles läuft, das ist mir wichtig.“
Frauenpower
Und nicht nur ihr. Denn in Kirchehrenbach scheinen es generell die Frauen zu sein, die das Dorf zusammenhalten. Monika Pauli (45) zum Beispiel, die gelernte Bankkauffrau und Mutter von zwei Kindern (12 und 15), die nach ihrer Elternzeit hauptberuflich als Küsterin arbeitet und sich außerdem im Vorstand der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) für Familien engagiert. Vanessa Gebhardt (27), eigentlich Friseurin, aber inzwischen erfolgreiche Reitlehrerin und Vorsitzende des Reitvereins, die als Mutter von drei Kindern (12 Wochen, 2 und 7) froh über die neue Kinderkrippe ist. Marion Keilholz (28), Jugendwartin der Feuerwehr und Mutter von Jannis (1) und Svenja (3), die auch bei der Feuerwehr einen weiblichen Hauptmann hat. Oder Silvia Wagner (46) vom Vorstand des örtlichen Sportvereins, Mutter von zwei erwachsenen Kindern und immer mit dem Ziel vor Augen, ihren Verein zu erhalten. Reingard Gmelch (70), die Vorsitzende der Gartenfreunde, pensionierte Lehrerin und vierfache Oma, die auch mal die Dorfbewohner dazu animiert, Straßen und Gärten zu verschönern und etwas für die Umwelt zu tun. Nicht zu vergessen die 52-jährige Marlene Lindner, geschieden, Mutter eines erwachsenen Sohnes und als erste Vorsitzende des Schafkopfvereins „Herzsticht“, eine Frau, die spielerisch eine bayerische Männerdomäne erobert hat und die Tradition erhalten will. Oder Sabine Trautner (31), die hübsche Juniorchefin des örtlichen Gasthofes Am Walberla, die den Menschen im Dorf nicht nur herrlichen Sauerbraten mit Knödeln und frisch gezapftes Bier serviert, sondern auch Arbeitsplätze schafft und junge Menschen ausbildet.
Gefühle zeigen
Außerdem gibt es noch eine Ärztin im Dorf, eine Anwältin, viele engagierte Lehrerinnen, eine Vorsitzende des Musikvereins, eine Vorsitzende der Elternpflegschaft … „Für eine Ortschaft mit rund 2.300 Einwohnern ist schon sehr viel in Frauenhand“, nickt Anja Gebhardt. Und Silvia Wagner vom Sportverein betont, dass die Männer schließlich ganz froh sind, wenn sie die Verantwortung abgeben können: „Das ist wie zu Hause, am Ende entscheiden doch immer wieder wir Frauen. Dabei sind wir emotionaler, manchmal vielleicht auch etwas biestiger und in jedem Fall spontaner.“ Emotionaler, ja, das findet Anja Gebhardt auch: „Frauen machen vieles mehr mit Gefühl. Meistens haben sie ja auch schon ein oder mehrere Kinder erzogen, da ist man gelassener und lässt auch mal Dinge an sich abprallen, auf die Männer eher beleidigt reagiert hätten.“ So ganz neu findet Monika Pauli vom KAB die Sache mit den Frauen übrigens nicht: „Früher haben viele Frauen genau so viel getan wie heute. Nur gab es damals noch nicht die nötige Öffentlichkeit. Und, seien wir doch mal ehrlich: Die wirklich unangenehmen Sachen haben schon immer wir Frauen gemacht.“
Zu Hause sehen das die Gebhardts dann doch etwas gelassener. „Mein Mann ist stolz auf mich und ich auf ihn. Nur manchmal reagieren andere Männer blöde und tun so, als hätte ich zu Hause ‚die Hosen an‘. Aber mein Mann lässt solche Sprüche an sich abprallen.“ Und auch Traditionen, wie sie in einem bayerischen Dorf gepflegt werden, ordnet sich Anja Gebhardt nicht unter. In die Kirche zum Beispiel geht sie heute als Bürgermeisterin nicht häufiger als früher. „Das Pflichtlaufen liegt mir nicht, auch wenn die älteren Leute und der Pfarrer das bestimmt lieber hätten.“
Die Kraft, nicht mit dem Strom zu schwimmen, andere Frauen zu motivieren und eigene Ideen und Träume zu verwirklichen, schöpft Anja Gebhardt aus der Freude, die ihr die Arbeit bringt. Und ihr Haus, ihre Familie und der schöne Garten, an dessen Ende ein grünes Tor ist, hinter dem es gleich über eine Wiese zum Rathaus geht. Eine Abkürzung, die Anja Gebhardt täglich nimmt – im eleganten Kostüm, die nackten Füße im Gras, die hochhackigen Pumps in der Hand. Nein, verbiegen möchte sie sich nicht. „Die Leute kennen mich seit meiner Kindheit als eine, die auch mal im Bierzelt auf dem Tisch steht und bis in die Früh durchfeiert. Vielleicht respektieren sie mich ja gerade deshalb.“ ][
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Frauen im Bürgermeisteramt – trotz prominenter Beispiele wie Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) oder Saarbrückens Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD), sind Frauen in den öffentlichen Ämtern weiterhin die Ausnahme. Denn nur fünf Prozent der hauptamtlichen und ehrenamtlichen Bürgermeister in Deutschland sind Frauen. Und über 90 Prozent der derzeit 313 Landkreise werden von Männern geleitet.
Der Frauenanteil in den deutschen Kommunalparlamenten liegt bei durchschnittlich 25 Prozent. Es gibt noch immer Stadt- und Gemeinderäte, in denen keine einzige Frau vertreten ist.
Was außerdem auffällt: Je kleiner die Gemeinde ist, desto weniger Frauen sind im Rat vertreten. So liegt der Anteil weiblicher Ratsmitglieder in Städten bei über 500.000 Einwohnern bereits bei über 36 Prozent.
Kirchehrenbach
Die Gemeinde Kirchehrenbach gehört zum oberfränkischen Landkreis Forchheim, und liegt rund 40 Kilometer nördlich von Nürnberg und ca. 30 Kilometer südöstlich von Bamberg entfernt. Die Gemeinde hat knapp über 2.270 Einwohner. Im Gemeinderat teilen sich CDU (7), freie Wählergemeinschaft (2) und SPD (6) die 15 Plätze. Bürgermeisterin ist Anja Gebhardt (SPD).
Info: www.kirchehrenbach.de







