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Ein Dorf heizt ein

Im Dorf wird es warm

Eine Bürgerinitiative im hessischen Bergheim gibt ihrem totgesagten Ort Energie und neues Leben zurück

text: Jan Drees ][ fotos: Dominik Gigler

Es gibt viele Möglichkeiten, Energie zu erzeugen und zu nutzen. Wer sich besonders viel Mühe geben will, der trommelt ein komplettes Dorf zusammen und sagt: Wir machen das jetzt alles selbst. Wir gründen eine Genossenschaft, legen unser Geld zusammen und bauen selbst ein Holzkraftwerk. Dass eine 90-Jährige ohne Verwandtschaft, dass Dorfbewohner ohne riesige Rücklagen, dass Menschen in einem sogenannten strukturschwachen Gebiet ihr Geld in einen Topf werfen, weil sie an ihr Fleckchen Heimat glauben, weil ihnen die Begriffe „Landflucht“ und „Verstädterung“ ganz persönlich gleichgültig sind, das passiert so gut wie nie. Doch in einem kleinen hessischen Dorf hat es funktioniert.

Bergheim, 20 Kilometer vom Kurort Bad Salzhausen entfernt, liegt am Fuße des Mittelgebirges Vogelsberg, das im Südosten an den Spessart grenzt. Es gibt zwei Löschfahrzeuge der freiwilligen Feuerwehr, eine kleine evangelische Dorfkirche und einen Supermarkt, der ab 12 Uhr geschlossen hat und erst abends wieder für eine Stunde, zwischen 17 und 18 Uhr öffnet. Es gibt ein Wirtshaus, doch wer täglich 45 Minuten bis ins Ballungsgebiet Frankfurt pendelt – und das sind 85 Prozent der Bergheimer Erwerbstätigen –, findet kaum Muße, abends auf ein paar Bier einzukehren. Streuobstwiesen gibt es, Wald, sehr viel Wald, einen kleinen Bach und als Freizeiteinrichtungen einen Sport- und einen Kinderspielplatz.

In Bergheim hat sich eine Genossenschaft gegründet, die „Energiedorf Bergheim eG“. Sie verfolgt zwei Ziele: Unabhängigkeit von den Energieriesen. Und: Das Dorf darf auf keinen Fall sterben. Die Bürgerinitiative ist inzwischen eine über die Landesgrenzen hinaus bekannte Marke, und gleichzeitig der Beginn des wirtschaftlichen „Comebacks“ von Bergheim.

Engagement hat in dem kleinen Dorf schon Tradition. Kurz vorm Ortseingang führt eine Trasse zum mächtigen Steinbruch, wo seit über hundert Jahren Basalt abgebaut wird. Bis 2008 rauschten noch bis zu 400 voll beladene Lkw täglich durch das kleine Dorf. 400.000 Tonnen Basalt jährlich. Die Menschen wollten nicht mehr im Krach und Dreck leben – deshalb gründeten sie eine Bürgerinitiative, sprachen mit dem Bergwerksbetreiber, absolvierten Aufklärungsarbeit. 2009 wurde eine mächtige Trasse am Ortseingang in den Berg gefräst, damit kein Lkw mehr die engen Dorfstraßen befahren musste. Nun konnten endlich neue Wasserleitungen und Abwasserkanäle in der Dorfstraße geplant werden, über ein Leerrohrnetz für ein späteres Glasfasernetz nachgedacht und den Leuten vor Ort mitgeteilt werden: Wir reißen hier alles auf. In diesem Moment tritt Ulrike Pfeiffer-Pantring (SPD) auf den Plan, Bürgermeisterin der Stadt Ortenberg, die zusammen mit ein paar Bürgern Bergheims eine Idee hatte: Wenn ohnehin die gesamte Straßendecke aufgerissen wird, dann können wir zu den vielen Rohren noch fünf Kilometer mehr legen und am Dorfeingang etwas bauen, was uns vom Ölpreis unabhängig macht: ein Holzhackschnitzelheizwerk, das die Ressourcen aus den umliegenden Wäldern nutzt. Die Herausforderung: Viele Haushalte müssen mitmachen. Das gemeinsame Engagement für die Trasse gegen den Lärm hat gezeigt, dass die Menschen vor Ort am selben Strang ziehen können.

Über eine Heißwasserleitung wird ab Herbst 2011 für alle angemeldeten Haushalte Wärme aus dem Holzhackschnitzelheizwerk ins Haus geliefert. Diese Wärme wird dann per Wärmetauscher in den jeweiligen Heizungs- und Warmwasserkreislauf übertragen. Ein Wärmezähler erfasst die vom Haushalt verbrauchte Wärmeenergie. Dabei ist wichtig, dass die Heizkosten jedes Nahwärmekunden langfristig günstiger sein werden als bei Öl-, Gas- oder Nachtspeicherheizung. Für Windräder sind die hessischen Täler zu schmal. „In der Konzeption für das Kraftwerk wurde auf die Zukunftsfähigkeit und Flexibilität geachtet. So können wir beispielsweise das Schrägdach der Heizanlage optimal zur Erzeugung von Strom durch Fotovoltaik nutzen“, sagt Hartmut Langlitz, inzwischen Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft. „Unser Gebäude wurde bereits nach Süden ausgerichtet. Wenn sich in ein paar Jahren ein günstigeres Energiekonzept anbieten sollte, sind wir erneut dabei.“

So klingen Menschen, die von ihrer Idee restlos überzeugt sind. Allerdings ohne Profipolitiker, Energielobbyisten oder Klimaschützer – „hier wird ja nicht einmal grün gewählt“, sagt ein Genosse. Und lacht. Einen „Atomkraft? Nein danke“-Sticker sieht man hier an keiner Jacke. Es geht um etwas anderes. Unser Dorf soll sich entwickeln! Diese Leute brachten sich selbst das Notwendige bei, suchten Anregungen und Fakten im Internet, informierten sich beim Genossenschaftsverband, besuchten andere Energiedörfer in Marburg und im Odenwald. Wogen ab, ob eine Stiftung, eine GbR, eine AG oder eine GmbH die richtige Form für das ambitionierte Vorhaben abgeben könnte. Jeden Montagabend um 20 Uhr traf man sich bei Apfelsaftschorle und Mineralwasser im Dorfgemeinschaftshaus und plante die neuen Schritte. Bankkaufleute debattierten mit Handwerkern, der eine brachte sein Organisationstalent ein, der andere sein Baufachwissen.

Eine erste Studie des Landes Hessen war zu dem Schluss gekommen, dass die Leute im Dorf ihre Träume besser begraben sollten. Auch die EU winkte ab und wollte kein Geld zuschießen. Bergheim war abgeschrieben, galt als unrettbar schrumpfendes Dorf. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Eine neue Machbarkeitsstudie sollte zeigen, dass ein Holzhackschnitzelheizwerk gute Chancen haben würde, dass die Bergheimer mitziehen würden und dass ausreichend Kunden gewonnen werden könnten, um dieses drei Millionen Euro teure Projekt durchzusetzen. „Wir haben also eine Mitgliederversammlung einberufen“, erinnert sich Hannelore Wohlfahrt vom Aufsichtsrat der Genossenschaft, „und haben die Leute gefragt, ob sie bereit wären, 150 Euro zu zahlen, für ein Gutachten. Wir konnten niemandem versprechen, dass dieses Geld gut angelegt sei, dass wir tatsächlich bauen können.“ Doch dann geschah das Unglaubliche. 92 Parteien garantierten je 150 Euro, damit Diplom-Ingenieur Herbert Weber eine detaillierte Studie erarbeiten konnte. „92 Parteien – weil sie alle an Bergheim glaubten, weil sie uns Vertrauen schenken wollten.“ Sie wurden motiviert, beteiligten sich ehrenamtlich. „Betroffene werden zu Beteiligten“, sagt Bürgermeisterin Ulrike Pfeiffer-Pantring, „durchs Ehrenamt entsteht eine neue Wertschöpfung.“

Den Tüchtigen winkt das Glück. Die neue, auf umfassenden Befragungen und Berechnungen beruhende Studie ergab, dass man durchaus planen könne. Und damit hatte Bergheim den lange ersehnten Startschuss, der neue Energien freisetzen sollte und der ein Darlehen ermöglichte. Das Kraftwerk konnte gebaut werden. Die Rohre wurden durchs gesamte Dorf verlegt, unter den Straßen, Bürgersteigen und Privatgrundstücken. 6.000 Euro zahlt jeder Genosse für die Geschäftsanteile, der sich ans Nahwärmenetz anschließen wollte. 115 der knapp 200 Haushalte haben sich für das neue Wärmekonzept entschieden. Mehr als die Hälfte der Bergheimer Bevölkerung sind inzwischen Genossenschaftsmitglied. Es gibt auch Gründe, nicht mitzuziehen. Vielleicht, weil man Sonnenkollektoren auf dem eigenen Dach angebracht hat, oder weil die private Ölheizung gerade erst erneuert worden ist. „Und dennoch erlauben uns einige, die Rohre auch unter ihren Garten zu legen, selbst wenn sie keine Mitglieder der Genossenschaft sind“, sagt Hartmut Langlitz.

Als es im Winter so kalt war, brachten Bürger Kaffee für die frierenden Bauarbeiter. „Die Baustelle gehört zu uns und alle wissen, dass wir am Ende von dieser Investition profitieren werden.“ Bundesweit kann man inzwischen Genossenschaftsanteile zeichnen – das Kraftwerk soll Gewinn abwerfen. Dieser Gewinn wird nicht nur finanziell messbar sein. Davon sind auch Bernd Reißmann und Rupert Hoeppe vom Forstamt Nidda überzeugt. „Sie müssen sich das so vorstellen“, sagt er, „Holz bindet Kohlendioxid, das bei der Verbrennung in die Atmosphäre freigesetzt wird. Die Nutzung von Holzhackschnitzeln aus nicht industriell verwertbaren Ästen und Kronenholz ist dennoch umweltschonend. Denn Holz, das nicht zu Spanplatten oder Möbeln verarbeitet werden kann, das verrottet im Wald. Es verfault. Und während des Fäulnisprozesses wird wiederum Kohlendioxid freigesetzt – ebenso viel wie beim Verbrennen.“

Bernd Reißmann versichert, dass hier keinesfalls die schöne Landschaft verfeuert wird. „Der Holzvorrat im heimischen Wald verdoppelt sich alle zehn Jahre. Was an den günstigen klimatischen Bedingungen und dem mit Mineralien gesättigten Vulkanboden liegt.“ Dazu kommt, dass für Hackschnitzel lediglich zwei Prozent der später produzierten Energie für die Gewinnung des Rohstoffs aufgewendet werden müssen, während für die Gewinnung von Heizöl zwölf, für die Gewinnung von Erdgas 14,5 Prozent der später nutzbaren Energie aufgewendet wird. Das Holzhackschnitzelheizkraftwerk spart so zirka 300.000 Liter Heizöl. Jährlich.

Im tiefen Hessen blüht also eine Ortschaft auf, die andere beinahe aufgegeben hätten. Doch jetzt erfährt das ganze Dorf neuen Auftrieb – gewachsen aus dem Engagement für eine neue Zufahrtsstraße und für ein millionenschweres Energieprojekt. Die Bürger wollen nun bleiben. Weil es plötzlich warm geworden ist am Rande des Vogelsberges. ][

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IDEEN FÜR DIE UMWELT
Neben den großen Umweltschutzorganisationen gibt es zahlreiche Organisationen und Initiativen zum Wohle der Umwelt. Das Gute daran: Jeder kann mitmachen!

Umwelttaxi
Einsteigen und die Umwelt schonen. Im Rahmen der „Umwelthauptstadt“ rüstet Hamburg um – auf Umwelttaxis. Von den insgesamt 3.400 Hamburger Taxis erfüllen aktuell bereits über 130 Fahrzeuge die Voraussetzung, weniger als 150 g CO2/Kilometer auszustoßen.
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Umweltschulen
Wo lernen Kinder so früh wie möglich, die Umwelt zu schützen? Umweltkisten für Kitas und Grundschulen, Lernmaterialien, Linklisten und viele praktische Tipps bietet die Homepage der Umweltschulen.
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Wer ein Zeichen gegen Atomkraft setzen will, hat die Möglichkeit zu Ökostromanbietern zu wechseln. Alle Infos dazu gibt es unter:
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Gesund ernähren
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Ortenberg-Bergheim

Das „Energiedorf Bergheim“ gehört zur Gemeinde Ortenberg im Wetteraukreis in Hessen. Es liegt am Fuße des Vogelsbergs und wurde 1305 erstmals urkundlich erwähnt. Neben Sportplatz, Spielplatz, Kirche und Kindergarten gibt es zahlreiche Clubs und Vereine.
In Bergheim, das 2009 im Wettbewerb „Dolles Dorf“ des Hessischen Rundfunks den ersten Platz gewonnen hat, leben rund 670 Einwohner.

Weitere Informationen unter:
www.energiedorf-bergheim.de und
www.ortenberg.net