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Suzanna Alkotaish: Smartphones zum Überleben

Drei Frauen schauen auf ein Smartphone. Adobe Stock / Alen-D

Kolumnistin Suzanna Alkotaish: Smartphones zum Überleben

  • Suzanna Alkotaish
  • Adobe Stock / Alen-D
  • Juli 2018

Suzanna Alkotaish ist 27 Jahre alt, stammt aus Syrien und floh 2015 vor dem Krieg nach Deutschland. Die ausgebildete Journalistin erklärt auf change, wie das Leben nach der Flucht wirklich aussieht.

Essen, Schutz und Smartphones – das sind der New York Times zufolge die drei Dinge, die Geflüchtete zum Überleben brauchen. Trotzdem halten manche das für reinen Luxus. Es kursierte sogar das Gerücht, Flüchtlinge bekämen Gratis-Handys vom deutschen Staat.

Dabei entscheiden Smartphones bei Flüchtlingen oft über Leben oder Tod. Auf der Flucht helfen sie, viele Risiken zu vermeiden. Durch die GPS-Funktion und die Möglichkeit, unterwegs mit Hilfsorganisationen, Familien und Freunden zu kommunizieren, wurde das Leben Tausender Flüchtlinge – einschließlich meines – gerettet. 

Die Bedeutung des Smartphones wird auch nicht geringer, sobald die Flüchtlinge in ihrem Zielland, in dem sie Asyl bekommen, angekommen sind. Sie helfen dort im praktischen Leben und unterstützen bei der Integration. 

Smartphones haben nichts mit Reichtum zu tun

Fast jeder der syrischen Flüchtlinge, die 2015 nach Europa flüchteten, hatte ein Smartphone. Laut Daten der Weltbank gab es in Syrien im Jahr 2015 72 Handyverträge pro 100 Einwohner. Es ist also nicht überraschend, dass viele Flüchtlinge ihre Smartphones auf der Flucht dabeihaben. 

Besonders in den sozialen Medien wurde aber genau das stark kritisiert: Man las häufig, Flüchtlinge würden Armut vortäuschen. Während Smartphones eigentlich nichts über Wohlstand aussagen, vergessen viele hier: Der Grund für die Flucht der Syrer ist nicht wirtschaftlich bedingt. Sie fliehen vor Krieg und Unsicherheit.

Was Smartphones bedeuten

Das Smartphone enthält Funktionen wie das Machen von Fotos und Videos und ermöglicht es, diese direkt zu senden oder sofort zu veröffentlichen. Seit dem Beginn der Revolution 2011 in Syrien spielte das eine sehr wichtige Rolle. 

Bis jetzt ist es das Mittel für die Syrer, ihre Meinung der Welt mitzuteilen und über das, was in Syrien passiert, individuell zu berichten. 

Zudem sind Smartphones für Syrer das Kommunikationsmittel untereinander, besonders nach der Vertreibung durch den Krieg.


Das Eingangstor zu den sozialen Medien

Das Smartphone ist der praktischste und einfachste Weg zu den sozialen Medien. Besonders Facebook nutzen Syrer intensiv. Die Features, die von Facebook bereitgestellt werden, machen es zum am meisten gebrauchten Medium in Syrien. 

Facebook ist für Flüchtlinge wie ein digitales Zuhause: Die syrischen Gruppen und Seiten ermöglichen es ihnen, Informationen auszutauschen, nach Freunden und Jobs zu suchen, Informationen über Ankunft, Asyl und Rechtsberatung zu erhalten und vieles mehr. Facebook ist der Weg für die Syrer, Bekanntes in fremden Ländern zu finden. Deswegen ist es sehr selten, einen Flüchtling zu finden, der kein Facebook-Konto hat. 

Soziale Medien bedeuten Freiheit

Vor dem Ausbruch der syrischen Revolution im Jahr 2011 wurden Social-Networking-Websites (vor allem Facebook und YouTube) in Syrien vom herrschenden Regime blockiert. Nach ein paar Monaten der Revolution wurde das Verbot aufgehoben und die Syrer konnten soziale Netzwerk ohne die Notwendigkeit von Tricks, wie dem Einsatz von Proxy-Servern, betreten. 

Vielleicht ist auch das ein Grund für die hohe Nachfrage nach Smartphones und dem Zugang zu sozialen Medien: So können sich Menschen weltweit gegen Unterdrückung zur Wehr setzen. 

Heimat in der Hosentasche

Wenn ein syrischer Flüchtling nach seinem Land gefragt wird, zieht er sofort sein Smartphone aus der Tasche und zeigt die Bilder seines Zuhauses, seiner Freunde und Familie und seiner Erinnerungen aus Syrien. Die Inhalte sind alles, was ihm von seiner Heimat übriggeblieben ist. 

Ein Smartphone ist also viel mehr als nur ein materieller Besitz. Die Welt teilt sich in dieser Hinsicht nicht mehr in Arm und Reich. Wir müssen unsere Wahrnehmung entsprechend anpassen.