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Der andere Blick

Kolumnistin Suzanna Alkotaish: Wie ich in Deutschland erlebte, was Meinungsfreiheit heißt

  • Suzanna Alkotaish
  • change-Redaktion
  • Gütersloh
  • August 2017

Suzanna Alkotaish ist 27 Jahre alt, stammt aus Syrien und floh 2015 vor dem Krieg nach Deutschland. Die ausgebildete Journalistin bloggt für uns regelmäßig über ihre Erlebnisse in der neuen Heimat. Heute berichtet sie, wie sie im ostwestfälischen Harsewinkel erlebte, was Meinungsfreiheit heißt.

Ich war Gast einer Veranstaltung zum Thema "Flucht und Vertreibung"

Der Stadtarchivar von Harsewinkel, Eckhard Möller, trug mir an, dass ich an einer Veranstaltung als Gast teilnehmen könnte. Auch eingeladen war eine Frau, die aus dem schlesischen Groß Wilkau 1946 nach Harsewinkel kam.

Wir beide waren aus unser Heimat geflohen, aber sie war vertrieben worden wie zehn Millionen Deutsche aus den Ostgebieten und ich suchte nach einem Ausweg aus den Trümmern meiner syrischen Heimatstadt und beginne gerade ein neues Leben in Harsewinkel. Das Thema der gemeinsam besuchten Veranstaltung war: „Flucht und Vertreibung vor 70 Jahren und heute".

Am Anfang war ich überrascht, weil die Bürgermeisterin mit ihrem Mann da war und ehrlich gesagt, war ich sehr verwirrt. Sie starrte mich immer an, wenn Herr Möller mir Fragen stellte, die ich beantworten sollte. Deswegen fühlte es sich so an, als verärgere sie meine Antwort. Ich hatte das Gefühl, die Realität verbergen zu müssen.

Herr Möller fragte mich, ob ich in Deutschland viel Bürokratie vorfand? Sofort sagte ich: „Nein, nein, alles in Deutschland ist gut, alles ist perfekt." Aber die Teilnehmer wussten genau, dass es in Deutschland zu viel Bürokratie für Flüchtlinge gibt, darum lachten sie.

Ich fragte  den Stadtarchivar, warum mich die Bürgermeisterin die ganze Zeit ansah

Der schlimmste Moment war, als die Bürgermeisterin mich direkt fragte: „Bist Du glücklich in Harsewinkel, hast Du Probleme in Deiner Wohnung?" Wieder sagte ich sofort: „Nein, nein, alles in Deutschland ist gut, alles ist perfekt, danke", aber in Wirklichkeit hatte ich Probleme, und sie hätte helfen können, wenn ich es erzählt hätte.

Nach der Veranstaltung fragte ich Herrn Möller, warum die Bürgermeisterin mich immer wieder ansieht, was sie verärgert hat? Er antwortete: „Sie war normal, sie war von Deinem Fall betroffen. Weißt Du, dass ihre Mutter Flüchtling war, und sie hätte nie gedacht, dass sie Bürgermeisterin sein wird." Danach verstand ich, was passiert war.

Ich hatte Angst und bemerkte nicht, dass sie mir helfen wollte

Es war das erste Mal, dass ich die Wahrheit sagen konnte, ohne verhaftet zu werden. Das war ich aus Syrien nicht gewohnt, wo es weder Meinungsfreiheit noch Pressefreiheit gibt. Ich hatte Angst vor der Bürgermeisterin, nur weil sie eine wichtige Stellung hat und ich beachtete nicht, dass sie sehr nett war und mir helfen wollte.

Aktuell besuche ich einen Orientierungskurs. Ich lerne dort die deutschen Gesetze, die deutsche Verfassung, die Regeln, das Leben in Deutschland, und auch deutsche Geschichte (z.B. was machte Hitler…). Als ich Artikel 5 in der Verfassung las, kam ich mir vor wie eine Person, die 26 Jahre in einem Stuhl saß und plötzlich aufstehen und gehen soll… Es braucht Zeit, bis man seine Beine bewegen kann, oder?

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 5

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.