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Der andere Blick

Deutschlehrerin im Interview: „60 Prozent der Flüchtlinge haben gute Chancen“

  • Suzanna Alkotaish
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  • Gütersloh
  • Mai 2018

Suzanna Alkotaish ist 27 Jahre alt, stammt aus Syrien und floh 2015 vor dem Krieg nach Deutschland. Die ausgebildete Journalistin bloggt für uns über ihr neues Leben und spricht mit Menschen, die sich für Flüchtlinge engagieren.

Die deutsche Sprache hält für Lernende einige Tücken bereit. Für Flüchtlinge ist sie trotzdem essentiell. Wie sich das aus der Perspektive eines Unterrichtenden in Sprach- und Orientierungskursen darstellt, wollte unsere Kolumnistin Suzanna Alkotaish erfahren. Sie interviewte ihre Deutschlehrerin Brigitte Herlemann.


Wie ist Ihre Erfahrung im Unterricht mit syrischen Flüchtlingen?

Brigitte Herlemann: Ich unterrichte syrische Flüchtlinge in allgemeinen Integrationskursen. Das bedeutet, da sind Menschen, die das lateinische Alphabet schon beherrschen, aber ansonsten die Sprache Deutsch von Grund auf neu lernen. Des Weiteren unterrichte ich einen Alphabetisierungskurs. Das bedeutet, die Menschen in diesem Kurs müssen das lateinische Alphabet erst lernen, aber sie beherrschen bereits ein anderes Alphabet, z. B. das arabische oder das kyrillische.

Grundsätzlich sind meine Erfahrungen mit den syrischen Flüchtlingen sehr gut. Ich würde sagen, ungefähr zwei Drittel schaffen den Unterricht gut und machen auch einen guten Abschluss.


Welche besonderen Schwierigkeiten haben sie, Deutsch zu lernen?

Ganz allgemein kann man sagen, dass erstmal alle, egal aus welcher Muttersprache sie kommen, die gleichen Schwierigkeiten haben, Deutsch zu lernen. Deutsch ist eben eine Sprache mit einer sehr komplizierten Grammatik.

Es gibt nur sehr wenige, die große Probleme haben. Dabei kommen diese Probleme nicht daher, dass sie aus Syrien kommen, sondern dass sie entweder schon ein fortgeschrittenes Alter haben oder es sich um bildungsferne Menschen handelt. Häufig haben diese Menschen in ihrem Heimatland nur kurz oder gar nicht die Schule besucht und konnten keine Schreib- und Lesekultur entwickeln.

Für den Großteil der syrischen Flüchtlinge ist nur die Aussprache ein Problem. Aber die meisten strengen sich sehr an und dann klappt das auch.


Glauben Sie, dass viele syrische Flüchtlinge die deutsche Sprache beherrschen und gute Arbeitsplätze bekommen könnten?

Ja, das glaube ich, und ich würde das prozentual einmal so ausdrücken: 50 bis 60 Prozent haben meiner Meinung nach gute Chancen, die Sprache gut zu erlernen. Ausreichende Sprachkenntnisse sind die Voraussetzung, eine gute Arbeit zu finden. 

„Das Wichtigste ist, dass die Menschen selbst die Motivation haben.“

Das Wichtigste ist dabei, dass die Menschen selbst die Motivation haben und sich wirklich hier in diesem Land integrieren wollen. Das heißt, wenn ihre Planung ist, wir wollen hier sehr, sehr lange bleiben, vielleicht für immer.

Meine Erfahrung ist auch die, dass es bei sehr vielen Familien die Eltern sind, die Deutschkurse besuchen. Sie haben in der Regel eine besonders hohe Motivation, weil sie eine möglichst gute Arbeit finden wollen – auch wenn es nicht in ihrem ursprünglichen Beruf klappt. Sie möchten ihren Kindern auf diese Weise ermöglichen, hier in Deutschland Fuß zu fassen und ihren Lebensweg zu gehen. Da sehe ich insgesamt für diese Gruppe ganz gute Chancen.


Glauben Sie, dass die deutsche Sprache der wich
tigste Schritt zur Integration ist?

Anders geht es gar nicht: Wenn die Sprachausbildung nicht an erste Stelle steht und dafür auch kein Geld ausgegeben wird, dann haben die Flüchtlinge keine Chance, in Deutschland eine gute Arbeitsstelle zu finden.

Der weitaus größte Teil der Flüchtlinge ist noch im jungen oder im mittleren Alter. Das heißt, sie haben ihren ganzen Berufsweg noch vor sich. Deshalb ist es unbedingt notwendig, ausreichende Sprachkenntnisse zu erwerben, um dann in gute Arbeitsmöglichkeiten zu kommen, und nicht nur Hilfstätigkeiten auszuführen. Das ist für Menschen im Alter um die 30 keine Berufsperspektive.

Wenn jemand mit einer qualifizierten Ausbildung kommt, dann muss er auch qualifizierte Arbeit finden, selbst wenn er nicht genau diese Arbeit in seinem Heimatland ausgeübt hat.

Mehr dazu? Hier schreibt Suzanna darüber, warum die deutsche Sprache für Flüchtlinge besonders knifflig ist.