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Ein Mann im Anzug läuft auf zwei Wolkenkratzer zu. Shutterstock / beeboys

Gesellschaft gestalten

Wie leben wir im Jahr 2050? Fünf Fragen an Digitalisierungsexperten

  • change-Redaktion
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  • Gütersloh
  • November 2017

Die Digitalisierung ist in vollem Gange. Hochmoderne Technik und sogar künstliche Intelligenz treten in unseren Alltag. Doch was bedeutet das im Klartext? Wir haben drei Experten gefragt, wie sich unsere Welt verändert.

Jörg Dräger ist im Vorstand der Bertelsmann Stiftung.
Katharina Zweig forscht an der TU Kaiserslautern.
Konrad Lischka leitet das Stiftungsprojekt Ethik der Algorithmen.


1. Wo beeinflussen uns Algorithmen schon heute?

Dräger: Wenn wir über künstliche Intelligenz reden, haben viele Menschen dieses „Terminator-Bild“ im Kopf – eine Fantasie von menschenähnlichen Kampfmaschinen, die uns überflügeln. Dabei umgeben uns selbstlernende Algorithmen heute schon immer und überall. Ob im Navigationssystem oder in der Spracherkennung, es geht um wirklich Alltägliches und auch Fundamentales.

Ein iPad mit einer Navigationsapp.

Was sind eigentlich Algorithmen? 

Ein Algorithmus gibt ein Verfahren vor, nach dem ein Problem gelöst wird. Dabei verwertet er Daten, die eingehen und gibt ebenso Daten aus. 

Algorithmen begegnen uns in der Technik und in der elektronischen Kommunikation – wie zum Beispiel im Internet.


Wir reden in Deutschland viel darüber, wie die Digitalisierung die Wirtschaft verändern wird. Wir reden zu wenig darüber, was in der Gesellschaft passiert. Digitalisierung kann zu mehr Chancengerechtigkeit und mehr Teilhabe führen, zum Beispiel durch breitere Bildungsangebote. Sie kann aber auch Teilhabe wegnehmen, bestimmte Vorurteile verstärken und Chancen mindern.
 

2. Was ist Sozioinformatik?

Zweig: Sozioinformatiker sind diejenigen, die besser verstehen, wie die von ihnen entwickelten Systeme sich in die Gesellschaft eingliedern. Dafür erhalten sie eine Grundausbildung in Soziologie, in Wirtschaftswissenschaften, in Recht, in Ethik und in Psychologie. Es geht auch um die Frage, wie wir erkennen können, wer Verantwortung für Fehlurteile durch Software hat.
 

3. Warum brauchen Algorithmen Grenzen?

Zweig: Besonders spannend ist das bei Algorithmen, die lernen können. Denn sie bauen ihre Systeme aus Daten, mit denen wir sie füttern. Danach kategorisieren sie dann Menschen und dabei können Fehler passieren. Das zu verhindern, daran arbeiten wir.

Lischka: Als Beispiel – in Australien verwendeten die Steuerbehörden eine Software, die abglich, welche Sozialleistungen Menschen bezogen und was sie in ihrer Steuer angegeben hatten. Dadurch entstand der Eindruck, dass diese Menschen gemessen an ihrem angegebenen Einkommen zu hohe Sozialleistungen erhalten hatten. Es wurden automatisch zehntausende Mahnungen verschickt. Man kann durch Algorithmen zu schnellen Entscheidungen kommen. Sie funktionieren aber nicht immer. Ich sehe da auch eine Rolle für Institutionen, die solche Sachverhalte prüfen und an die man sich als Einzelner wenden kann.

Dräger: Es geht ja nicht um Algorithmus gegen Mensch, sondern darum, wie wir die Gesellschaft in Zukunft gestalten, wenn wir mit solchen Systemen arbeiten. Dafür brauchen wir Vertrauen und gleichzeitig müssen wir auch erkennen, wo Misstrauen und Abgrenzung gegenüber algorithmischen Entscheidungen sinnvoller ist.

Mehr dazu: Warum Algorithmen Nachhilfe in der Gleichberechtigung brauchen

4. Wie bereiten wir uns auf die digitale Welt vor? 

Dräger: Den Umgang mit der digitalen Welt zu lernen, gehört für mich in die Schulen. Das heißt aber nicht, dass man eine Programmiersprache beherrschen muss. Es geht darum, zu verstehen, wie Algorithmen-Systeme funktionieren und was sie für mich bedeuten. Denn nicht alle Eltern werden in der Lage sein, das ihren Kindern zu vermitteln. Tendenziell werden in den sozial schwächeren Gruppen digitale Endgeräte eher für Spiele und Ablenkung genutzt. Um hier einer sozialen Spaltung entgegenzuwirken, untersucht die Bertelsmann Stiftung in ihrem Projekt Monitor Digitale Bildung digitales Lernen auf allen Bildungswegen.


5. Wie werden wir im Jahr 2050 in Deutschland leben?

Zweig: Wir sind körperliche Wesen. Wir werden auch in 33 Jahren an Tischen zusammensitzen, miteinander reden und lachen und uns lieben und hassen. Wir werden aber anders kommunizieren, anders agieren und anders arbeiten. Dieser Wandel wird viel größer sein als die industrielle Revolution.

Dräger: Im Jahr 2050 werden wir uns diese Frage gar nicht mehr stellen. Die Digitalisierung wird ein selbstverständlicher Teil unseres Lebens geworden sein. So ist es auch in den anderen Revolutionen gewesen: Die repetitiven Arbeiten haben Maschinen übernommen. Die intellektuellen Fähigkeiten der Menschen können dadurch sinnvoller eingesetzt werden.

Lischka: Wir müssen die Unzulänglichkeiten menschlichen Entscheidens durch die Dinge ergänzen, die Maschinen besser können – nicht Schwachpunkte miteinander potenzieren. Das wäre für die nächsten 33 Jahre ein sehr guter Ansatz.

Mehr dazu? Das gesamte Werkstattgespräch gibt es in der neuen Printausgabe von change.