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change Magazin – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

Was steckt wirklich hinter Chinas Social Credit System?

Menschen gehen über einen Zebrastreifen Ryoji Iwata/Unsplash

Was steckt wirklich hinter Chinas Social Credit System?

  • Ryoji Iwata/Unsplash
  • 19. Dezember 2018

Was wie eine Dystopie aus der Netflixserie „Black Mirror“ scheint, ist längst Realität: China testet seit Jahren in Pilotstädten ein Social Credit System, das das Verhalten von Bürger erfasst und bewertet. Die Testphase verspricht Erfolge – zumindest aus Sicht der Regierung. Doch was steckt hinter dem Großprojekt? change räumt auf mit hartnäckigen Mythen und Falschinformationen.

Wenn Staatspräsident Xi Jinping von seiner Vision Chinas als „harmonischer Gesellschaft“ spricht, lohnt es sich, ihn beim Wort zu nehmen: Harmonie ist Wohlklang, die Abwesenheit von Misstönen. Einen Weg zu mehr Harmonie durch Vertrauen soll das Social Credit System ebnen. Viel ist darüber berichtet worden, auch viel Falsches. Worum geht es beim Social Credit System?

Vertrauen ist gut, Kontrolle allgegenwärtig 

Was Kritiker als einen „Weg in die IT-Diktatur“ beschreiben, hält man in China für eine gute Idee. So erhoffen sich viele Chinesen, besser vor Lebensmittelskandalen und finanziellem Betrug geschützt zu sein. Denn das Social Credit System bewertet nicht nur Bürger, sondern auch Unternehmen und Verbände. Bis 2020 soll das System in ganz China zum Einsatz kommen, so die offizielle Verlautbarung. In einigen Regionen wie Rongcheng ist es bereits im Einsatz.

Wie funktioniert das Social Credit System?

Vereinfacht gesagt: Big Data. Der Staat sammelt Daten verschiedener Quellen und wertet sie aus. Dabei greift er nicht nur auf seine eigenen Register zurück, sondern auch auf private Dienstleister, wie das weitverbreitete Kredit-Scoring-System Sesame oder die Onlinedienste der Alibaba Group. (Sesame Credit ist ein Unternehmen der Ant Financial Services Group, die zu Alibaba gehört.) Aber auch das umfassende Netz von Überwachungskameras hilft beim Datensammeln. Durch automatische Gesichtserkennung können heute schon Verkehrssünder identifiziert und öffentlich an den Pranger gestellt werden. 

1000 Punkte Startkapital

Kingdee, „die chinesische SAP“, hat eine Plattform entwickelt, die alle privat gesammelten und staatlichen Daten zusammenführt und auswertet. 1000 Punkte hat das Social Credit-Konto als Startwert, auf minimal 600 kann es sinken, auf maximal 1300 steigen. Welches Verhalten das Punktekonto positiv und negativ beeinflusst, veranschaulicht unsere Infografik, die im Rahmen des Projekts „Deutschland und Asien“ entstanden ist.

Eine Illustration des Social Credit Systems in China
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Punktegewinn

Ein höher Punktestand bringt Vorteile:

 • Vorrang bei Schulzulassungen und der Vergabe von Arbeitsplätzen
• Leichterer Zugang zu Krediten
• Kautionsfreies Leihen von Autos und Fahrrädern
• Kostenlose Fitnesseinrichtungen
• Billigere öffentliche Verkehrsmittel
• Kürzere Wartezeiten in Krankenhäusern
• Schnellere Beförderungen
• Überspringen von Wartelisten im sozialen Wohnungsbau
• Steuererleichterungen

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Punkteverlust

Ein niedriger Punktestand hat negative Auswirkungen:

• Verweigerung von Lizenzen, Genehmigungen und Zugang zu einigen Sozialleistungen
• Ausschluss von der Buchung von Flügen oder Schnellzügen
• Weniger Zugang zu Krediten
• Eingeschränkter Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen
• Sperre für Jobs im öffentlichen Dienst
• Kein Zugang zu Privatschulen
• Öffentliches Anprangern: Darstellung der Namen, Fotos und ID-Nummern von auf der schwarzen Liste aufgeführten Bürgern – entweder online oder auf Bildschirmen im öffentlichen Raum; behördlich vorgeschriebene Telefon-Freizeichen, die darüber informieren, dass ein „unehrlicher Schuldner“ angerufen wird

Konzept und Umsetzung: Infographics Group; Text: Bernhard Bartsch, Martin Gottske; Illustration: Christian Eisenberg


Welche „guten und schlechten Taten“ das Punktekonto beeinflussen, ist noch nicht abschließend festgelegt. Vollkommen transparent ist das Verfahren jedenfalls nicht – und verstößt so gegen eine der zentralen Forderungen der Algorithmenethik, dass gesellschaftlich relevante elektronische Entscheidungsprozesse nachvollziehbar sein müssen. Verbände wie AlgorithmWatch treten dafür ein.  

Algorithmen brauchen eine ethische Grundlage

Das Beispiel China zeigt: Algorithmen brauche eine ethische Grundlage. Und auch hierzulande gibt es eine Diskussion um den gesellschaftlichen Nutzen und die Risiken algorithmenbasierter Entscheidungen. Das zeigen nicht zuletzt die Recherchen zur „Blackbox Schufa“.

Mehr dazu? Das Programm „Deutschland und Asien“ der Bertelsmann Stiftung analysiert asiatische Entwicklungen – vor allem in China und Indien – und globalen Einfluss sowie die Auswirkungen auf Deutschland und Europa. Das Projekt „Algorithmenethik“ untersucht die gesellschaftlichen Folgen algorithmischer Entscheidungsfindung.